Armes Luder Agrippina

Schau an, die Agrippina – oder doch die Poppea? Schön ist die junge Dame jedenfalls, ausgestellt vom Münchner Altertumshändler Beyer, Salvatorstraße 8 Foto: Hans Gärtner

Wenn eins verboten gehörte im derzeitigen Opernbetrieb: dass eine überaus gelungene Neuproduktion schon nach wenigen Aufführungs-Malen in die ewigen Jagdgründe eingeht. Gehabt, genossen, vergraben. Ist doch ewig schade. Widerspricht allen Sparauflagen namentlich der staatlich finanzierten Bühnen-Realisierungen. Lässt diejenigen weinen, die nicht das Glück hatten, eine exemplarische Inszenierung zu sehen. Im Fall der für die Münchner Opernfestspiele 2019, und nur für diese, herausgebrachten Zweit-Premiere „Agrippina“ im Prinzregententheater sei das sträfliche Handeln der Produzenten wieder mal mit Nachdruck bedauert. Die grandios präsentierte  meisterliche Händel-Oper von 1709 wird jetzt mit allem Drum und Dran in die Versenkung geschickt. Aus. Äpfel. Amen.

Es sei mit Panja Mücke, der im Programmbuch eine beachtliche musikalische „Agrippina“-Analyse gelang, daran erinnert: Der zum Sensationserfolg gewordenen Uraufführung zur Karnevalseröffnung am Teatro S. G. Grisostomo in Venedig am 2. Weihnachtstag 1709 folgten 26 (!) Aufführungen. Mücke kennzeichnet „Agrippina“ als „Drama der verstellten Gefühle und vorgetäuschten Affekte“. Warum nur schauten manche Münchner Zuseher des Jahres 2019 so grantig? Fanden sie etwa das, was auf der mit dem klotzigen,  faden, aber wahren Metall-Kubus von Rebecca Ringst und seinen Wandelgängen und Geheimzimmern der Macht-Zentrale kühl ausstaffierten Bühne passierte, peinlich? Gar widerwärtig? Abstoßend? Wer erträgt schon ein solch wildes Gewirr von Intrigen, Lügen und Täuschungsmanövern, autistischen Eitelkeiten und geplanten Verletzungen von Würde, Sitte und Menschlichkeit, die sich in der Zentralfigur dieser Oper konzentrieren, getoppt durch Gewaltszenen und sexuelle Exzesse?

Dem das alles gottlob schnurzegal war, heißt Barrie Kosky. Er ließ sich ein aus der furiosen Mixtur animalischer Getriebenheit, Neid und Verhaltensstörungen höchst artifiziell angerührtes, gefundenes Fressen schmecken. Nachträglich guten Appetit! Koskys Neigung zu Clownerie, Kabarett und Klamauk würzte noch, was der Mann aus Berlin anrichtete, nach. Der Regisseur tobte sich, hin- und mitreißend zu erleben, mit der theatralisch verdichteten Historie rund um das arme Luder Agrippina mit Bravour und Finessen herrlich aus. Fulminanten Momenten der Ausbrüche und der Komik (allein in der Figur des neurotischen Nerone in Gestalt des herrlich komischen Sopranisten Franco Fagioli, aber auch in den üblen Gestalten der „Freigelassenen“ Pallante und Narciso, verkörpert von Andrea Mastroni und Eric Jurenas) setzte Kosky ausufernde Tiraden der Hingebung, der Verzweiflung, der Selbstfindung entgegen. Die Parodie auf den lärmigen, effektheischenden Song-Contest – Agrippinas Zugabe im letzten Akt – war weder degoutant noch albern, sondern aufsehenerregend spitze.

Der in München bereits seit Sir Peter Jonas` Händelopern-Renaissance-Zeiten – sie setzten vor 25 Jahren ein und zeitigten spektakuläre Staatsopern-Erfolge – unaustauschbare Ivor Bolton am Pult einer handverlesenen Auswahl barock-kundiger Staatsorchesterleuten wurde „Agrippina“ auch zu einem musikalischen Ereignis. Boltons Energie und Stringenz, Geschmacks-Brisanz und Fähigkeit, fast 4 Stunden lang einen sinnlich-satten Orchesterklang zu kreieren, bleiben diamanten, sind unübertroffen. Für die Primadonna gewann man die Britin Alice Coote, eine in Gestus und Stimmgebung, teuflisch-suggestivem Aplomb und ränkespielerischer Hinterhältigkeit kaum zu überbietende Charaktersopranistin. Wie arm dieses Luder, das sich eigentlich selbst, nicht erst ihr Söhnchen Nerone, als römische Kaiserin auf dem Thron sah, am Ende des ganzen Schlamassels mit halber Pobacke auf einem Schemel hockt, bis sie das Rollo des Vergessens langsam verschwinden lässt. Die Poppea der quicklebendigen, attraktiven, famosen Koloraturschönheit Elsa Benoit – sie durfte in drei extravaganten Mode-Fummeln auftreten – zog freilich einen Teil der Bewunderung, die der der Agrippina zugekommen wäre, auf sich. Das muss man verstehen. Der rüde poltrige Kaiser Claudio des Bassisten Gianluca Buratto zog in Gestalt und Gehabe die personale Parallele zu Italiens Salvini. Sollte aber unser aller Sympathie nicht dem geschundenen, liebwerten Ottone dieser auf beiden Seiten kräfteraubenden Aufführung gehören? Iestryn Davies sang und spielte die „arme Sau“ so bedeutungs-klar und gefühls-präzise, dass sich daraus allein die Begründung ergibt: Eine derart exzeptionelle Produktion wie Händels erste Münchner „Agrippina“ und vorletzte Opernfestspiel-Gabe an ein rundweg animiertes Publikum darf nicht sterben.   

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Schau an, die Agrippina – oder doch die Poppea? Schön ist die junge Dame jedenfalls, ausgestellt vom Münchner Altertumshändler Beyer, Salvatorstraße 8  

Foto: Hans Gärtner     

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.