Aufbruch ins Ungewisse: Warum Deutsche plötzlich Flüchtlinge lieben

Rolltreppe, Foto: Stefan Groß

Der Fernsehfilm greift unsere überkommenen Sehgewohnheiten an. „Aufbruch ins Ungewisse“ ist kein 0-8-15-Film über schwarze muslimische Bootsflüchtlinge, die von Afrika aus in die EU streben, sondern beschreibt, wie weiße deutsche Bootsflüchtlinge sich auf den Weg nach Afrika machen. Die arischen Bootflüchtlinge schlagen sich genauso wie real existierende afrikanischen Bootflüchtlinge mit Tricks, Lügen, Witz und Unverständnis durch und sind allzeit bereit, ihre noblen europäischen Werte über Bord zu werfen. Dieser künstlerisch nicht allzu wertvolle TV-Film über 90 Minuten bewirkt mehr, als Kirchen, Politiker und Asylindustrie zusammengenommen. Trotzdem: Die Liebe zu den fremden Flüchtlingen gehört in Deutschland und Europa unwiederbringlich der Vergangenheit an.

Der Film erzeugt eine weitere Ebene. Er lässt fragen, warum stramm konservative Wähler aus dem bürgerlichen CDU/CSU/SPD/Grüne-Lager während einer begrenzten Zeit Refugees im deutschen Paradies willkommen heißen, beklatschen, mit Teddy-Bären bewerfen und rundum versorgen. Man vergleiche die Zeit nach dem verlorenen Weltkrieg von 1945 – 1950: 12 – 14 Millionen Deutsche fliehen in die westlichen deutsch-verblieben Teile Deutschlands. Die volksdeutschen flüchtenden Vertriebenen werden von der einheimischen deutschen Bevölkerung als Konkurrenz um Nahrung und Obdach betrachtet und gar unfreundlich aufgenommen.

Wie ist das deutsch-nationale Refugees-Welcome-Wunder von 2015 zu erklären? Wo kommt plötzlich die überschwängliche Liebe zu ausländischen Flüchtlingen her, darunter Afrikaner und Muslime. Sicherheitshalber muss erwähnt werden, dass nicht alle Flüchtlinge hochwillkommen sind. Flüchtlinge aus dem Balkan, insbesondere Zigeuner, werden nicht mit offenen Armen aufgenommen. Zigeuner erzeugen beim Deutschen ein schlechtes Gewissen, denn sie erinnern an die Opfer der Nazis.

Der Hass auf die deutschen Vertriebenen nach dem verlorenen Weltkrieg II lässt sich durch den damaligen Mangel erklären, der sich 2015 in Überfluss verwandelt hat. Wer viel hat, teilt gerne und setzt es von der Steuer ab. Zum anderen sind die Weltkrieg-II-Vertriebenen der lebende und sichtbare Beweis, dass alle Nazi-Deutschen gemeinsam den Hitler-Krieg gegen Stalin verloren haben. Es folgt die Entnazifizierung mit Umerziehung. Im Westen Deutschlands und Europas ist sie erfolgreicher als im Osten. Im reichen ehrlichen Kapitalismus mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung sind Entnazifizierung und Umerziehung leichter durchführbar als im verarmten und korrupten Sozialismus mit Willkürherrschaft. Am (Miss)Erfolg von Entnazifizierung und Umerziehung sind die ehemaligen geographischen Grenzen zwischen Kapitalismus und Sozialismus bis heute sichtbar.

Es gibt einen weiteren Punkt, der bisher in ganz Deutschland und Europa vernachlässigt wird: das Verschwinden der Zeitzeugen. Gemeint sind nicht die Zeitzeugen des Holocausts. Eine Entnazifizierung im Sinne eines Verständnisses zu Juden – wir wollen nicht von Liebe sprechen – scheitert. Der Grund ist banal: Nach dem Holocaust leben auf dem Gebiet der BRD und der DDR nur 20.000 Juden. Kaum ein Deutscher kennt einen leibhaftigen Juden. In der DDR werden Stasi-Rentner verpflichtet, in verwaisten Synagogen (Magdeburg) Juden zu mimen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nimmt Deutschland ca. 200.000 russisch sprechende jüdische Kontingentflüchtlinge auf. Heute liegt die Zahl der Menschen, die in Deutschland sich zum Judentum bekennen unter 100.000! In ganz Europa leben mehr als eine Million Juden, etwa ein Zehntel der Zahl von 1933. Nicht nur die Deutschen kennen mehr tote als lebende Juden. Die bekanntesten toten Juden in Deutschland und nun auch in Europa sind Mitglieder der großen Familie Stolperstein.

Der Holocaust ist eine Last. Die Zeitzeugen des Holocausts ebenso. Sobald sie verschwunden sind, ist das Kapitel „Aufarbeitung“ endgültig abgeschlossen. Die toten Juden bleiben ungeschoren. Den lebenden Juden werden die politische Rache der nicht (ausreichend) Entnazifizierten in Form von Waffenlieferungen an nahöstlichen Juden hassenden Terroristen und Milizen zu spüren bekommen. Die toten Zeitzeugen der Vertreibung hingegen werden sich positiv auswirken. Sie leben in ihren Nachkommen weiter, die sich nun nicht mehr schämen, dass ihre Vorfahren vor den Russen geflüchtet sind. Diesem glücklichen Moment verdanken die ausländischen afrikanischen und muslimischen Flüchtlingen das deutsch-nationale Refugees-Welcome-Wunder von 2015! Doch nun brauchen die stolzen Deutschen mit eigenem Fluchthintergrund nicht mehr die Beihilfe von flüchtenden Muslimen und Afrikanern. Diese flüchtenden Muslime und Afrikaner teilen in Deutschland nun dasselbe Schicksal wie die ungeliebten Zigeuner aus dem Balkan. Auch sie werden als Opfer der Nazis zügig entsorgt werden.

 

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Über Nathan Warszawski 535 Artikel
Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.