Bayreuther Festspiele: 150 Jahre verschmäht – dann feiert Bayreuth Wagners „Rienzi“

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Wagners frühe Monumentaloper gehörte nie zum offiziellen Bayreuther Kanon. Im Jubiläumsjahr erklang sie erstmals im Festspielhaus – mit großem Jubel und einer politischen Last, die sich nicht weginszenieren lässt.

Der Außenseiter betritt das Haus

„Rienzi“ war einst Wagners größter Bühnenerfolg. Später distanzierte sich der Komponist von dem Frühwerk und schloss es aus dem Kanon jener Opern aus, die in Bayreuth gespielt werden sollten. Zum 150-jährigen Bestehen der Festspiele fiel diese Grenze. Die Bayreuther Festspiele kündigten die Aufführung als einmalige Gelegenheit an, den Übergang von der französisch geprägten Grand Opéra zum späteren Musikdrama zu hören.

Nathalie Stutzmann dirigierte, Andreas Schager sang die Titelpartie. Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka führten Regie. Das Publikum reagierte mit starkem Beifall und stehenden Ovationen. WELT sprach von einem geglückten Wagnis.

Ein Volkstribun im digitalen Fieber

Die Oper erzählt den Aufstieg und Fall Cola di Rienzos. Er verspricht dem römischen Volk Freiheit und Ordnung, begeistert die Masse, verliert die Kontrolle und geht schließlich mit seiner Macht unter. Die Inszenierung verlegte diese Geschichte in eine medial überreizte Gegenwart. Bildschirme, Nachrichtenströme, Abstimmungen und digitale Erregung machten aus dem Tribunen eine politische Marke.

Das ist naheliegend, weil „Rienzi“ von populistischer Verführung handelt. Die Gefahr einer solchen Aktualisierung liegt jedoch in der Eindeutigkeit. Wagner schrieb keine heutige Parteiparabel. Die Oper verbindet private Tragödie, Massenszene, religiöse Überhöhung und politische Fantasie. Ihre Widersprüche sind größer als jeder aktuelle Vergleich.

Hitlers Begeisterung bleibt Teil der Aufführungsgeschichte

„Rienzi“ trägt eine besondere historische Belastung. Adolf Hitler verehrte das Werk und verband es mit seiner eigenen politischen Selbstinszenierung. Bayreuth wiederum war eng mit dem Nationalsozialismus verbunden. Eine Aufführung im Jubiläumsjahr konnte deshalb nicht so tun, als beträfe diese Rezeptionsgeschichte nur ein altes Programmheft.

Die Regie nahm die politische Verführung ernst und machte aus dem Stück eine Warnung vor autoritärer Dynamik. Das war kein Beweis, dass die Oper selbst zwangsläufig nationalsozialistisch sei. Es war eine Entscheidung, ihre spätere Vereinnahmung im Raum mitzudenken, in dem sie nun erstmals erklang.

Die eigentliche Sensation war musikalisch

Bei aller historischen Debatte blieb der Abend eine Aufführung, keine Tagung. Nathalie Stutzmann musste Wagners groß besetzte Partitur in einem Haus zum Klingen bringen, dessen Akustik für die späteren Werke gebaut wurde. Die Sänger mussten Monumentalität und Textverständlichkeit verbinden. Dass dies gelang, erklärt den Jubel stärker als jede programmatische Geste.

Bayreuth hat mit „Rienzi“ eine selbstgezogene Grenze überschritten. Das Werk muss deshalb nicht dauerhaft in den Spielplan aufgenommen werden. Aber es kann nach diesem Abend nicht mehr so behandelt werden, als gehöre es bloß in die Vorgeschichte. Der ausgeschlossene Wagner ist im Festspielhaus angekommen – und hat dort mehr Fragen geöffnet, als ein Jubiläum beantworten kann.