Bayreuther Festspiele 2017 – Von Wieland Wagner zu Barrie Kosky

Bayreuther Festspiele, Quelle: Enrico Nawrath

Eine Gedenkveranstaltung zu Wieland Wagners 100. Geburtstag galt in diesem Jahr als Auftakt der Bayreuther Festspiele am 24. Juli im Festspielhaus, am Vortag der eigentlichen Premiere. Die Festansprache hielt der frühere Intendant der Bayerischen Staatsoper Sir Peter Jonas, während Klänge aus Wagners „Rienzi“ und „Parsifal“ sowie aus Giuseppe Verdis „Otello“ und Alban Bergs „Wozzeck“ vor einem erlesenen, nicht zahlenden Publikum ertönten. Ein Novum für das Wagner Theater, wo laut Statuten nur Wagners Werke – einzige Ausnahme Beethovens Neunte! – gespielt werden dürfen. Und eine ganz besondere Würdigung des Schaffens von Richards Enkels und Siegfrieds Sohn Wieland, dem eine Neuausrichtung der Bayreuther Festspiele nach Ende des Zweiten Weltkriegs gelungen war, nachdem er zwischen 1936 und 1944 als Bühnenausstatter in Bayreuths dunkelster Zeit gewirkt hatte. Mit seiner Flucht in ein abstrahierendes Szenenbild setzte Wieland unter dem Einfluss von C.G.Jungs Archetypenlehre ganz innovative Akzente und verwandelte mittels antikisierender Formen und dramaturgisch ins Symbolische abgleitender Lichteffekte die Bühne in einen mythisch-mystischen Ort. Eine Art, Musik – ganz im Sinne Richards – eindrucksvoll auf die leere Bühne zu bringen, die Schule in ganz Europa machen sollte. Legendär bleiben manche umstrittenen Inszenierungen wie „Die Meistersinger von Nürnberg“ vom 1956, in der Hans Hötter/ Hans Sachs in einem veilchenblauem Himmel umwoben unter einem überdimensionierten Holunder-Blütenstand singt. Zwischen 1951 und 1966 leitete er mit Bruder Wolfgang das, was als „Neu-Bayreuth“ in die Geschichte einging, und wurde zugleich als Regisseur und Innovator von der „Mailänder Scala“ bis hin zum „New Yorker Metropolitan“ gefeiert. Diesen außergewöhnlichen Parcours beleuchtet nun eine Jubiläumsausstellung im 2015 eröffneten Neubau des Richard Wagner Museums Bayreuth zu sehen, wo Wieland „wie in einem Mausoleum“ unter den strengen Blicken von Mutter Winifred und Großmutter Cosima Liszt aufgewachsen war.

Eine ganz andere Richtung schlugen die Wagner-Festspielen in den darauf folgenden Jahrzehnten ein, oftmals mit Inszenierungen, die Wagners Werken wesentlich verfremdeten und dank mancher Exzesse es bis zum „Succés de scandale“ brachten. Eine Rückkehr zu einem konventionelleren, opulenten, auch von historischen Darstellungen inspirierten Bühnenbild ist die neue Inszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“ des weltbekannten australischen Regisseurs Barrie Kosky, der seit 2012 die „Komische Oper“ zu Berlin leitet und von der deutschen Presse zweimal zum „Regisseur des Jahres“ gekürt wurde. Mit Barrie Kosky kehrt ein Jude nach Bayreuth zurück, dem Theater, wo so viele jüdischen Interpreten wirkten und so viele – wie die Freiluft-Ausstellung „Verstummte Stimmen“ auf dem Grünen Hügel zeigt – entlassen-entsorgt wurden, noch zu Cosima Wagners Zeit und bevor die NS-Rassengesetze verhängt wurde. Kein Wunder, dass Barrie Kosky sich in seiner brillanten bis turbulenten Mise-en-Scène der Oper, die die Nazis am meisten für sich in Anspruch nahmen, der Gestalt des Dirigenten Hermann Levi annimmt, um ein deutliches Signal gegen den Antisemitismus Wagners, seiner Anhänger und seiner immerwährender Verfechter zu setzen. Nicht im Nürnberg der Reformationszeit sondern im bürgerlichen Salon vom Wahnfried-Haus eröffnet sich das Szenenbild im ersten Aufzug, wo die Wagners – samt Hunde Marke und Molly – peu à peu eintrudeln und eine Art Familientreffen feiern, zu dem sich auch Liszt und ein vornehmer älterer Herr von distinguiertem Aussehen mit langem Bart und grauen Anzug gesellen. Unverkennbar – für diejenigen, die überhaupt wissen, wen er war – erscheint Hermann Levi, 20 Jahre lang Dirigent an der Münchner Staatsoper, den Wagner nach Bayreuth – nicht freiwillig – sondern auf Drängen seines Gönners und Mäzenen König Ludwig II geholt hatte, um die Uraufführung seines „Parsifal“ zu dirigieren. Das Zwischenspiel bei der Andacht, in der sich Levi nicht bekreuzigt, ist eine Anspielung auf Levis Weigerung, sich taufen zu lassen, was Wagner zur Bedingung für seine Zustimmung gemacht hatte, ihm seine christlichste Oper anzuvertrauen. Facettenreich gespielt wird er vom Baritonisten Johannes Martin Kränzle, dem im zweiten Aufzug die komplexe Rolle des Zunftmeisters Beckmessers zuteil wird. Vom Nürnberger Volk als nebulöses Kollektiv erniedrigt, wird Beckmesser zum demütigenden Abgang gezwungen. Genau so wie Herrmann Levi durch Intrigen und Verleumdung angehalten wurde, sich von Bayreuth zu entfernen, nachdem er an Cosimas Seite die Bayreuther Festspiele ins Leben gerufen hatte. „Beckmesser“ (alias Levi) – schreibt Kosky in seinem einleuchtenden Vorwort zum Oper-Führer weiter – „ist kein Jude. Er ist eine Frankenstein-Kreatur, zusammengeflickt aus allem, was Wagner hasste: Franzosen, Italiener, Kritiker, Juden…“ und daher die perfekte „Projektionsfläche“ seines Abscheus. Die Verlegung der Handlung in den mit den Fahnen der vier Siegermächte geschmückten Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse, der am Schluss von einem amerikanischen MP-Soldaten in Obhut genommen wurde, untermauert den kritischen Ansatz des Regisseurs und zeigt wie der Weg direkt von „Wahnfried“ als Wagners „selbst erschaffenen Paradies“ in die deutsche Katastrophe führte. Wagners „häusliches Utopia“ – wie Kosky weiter schreibt – „war gleichzeitig der Ort, wo Levi „verspottet und erniedrigt wurde“. Ernst und Spott vermischen sich in der Handlung in einem Coup-de-théâtre, als ein grotesker Riesenballon in die Bühnenmitte aufsteigt. Er trägt die markanten Zügen des „Ewigen Juden“ aus einer bösartigen NS-Karikatur und eine Kippa, worauf die Konturen eines Hakenkreuzes sichtbar werden. Spätestens dann wird endgültig klar, wie der Antisemitismus in seiner universellen und auch heutigen Erscheinungsform zum eigentlichen Thema der Inszenierung wird und wie sehr dies dem einfallsreichen Regisseur am Herzen liegt.

Flüssig, nuancenreich und dennoch nicht überschwänglich führte der Schweizer Philippe Jordan durch die unterhaltsame Oper, die sich der Mitwirkung mancher unter Deutschlands besten Stimmen erfreut: Bariton Michael Volle, der als Hans Sachs/Richard Wagner das Spiel bravourös dominiert, der herausragende Tenor und Publikumsliebling Klaus Florian Vogt als Walther von Stolzing sowie Anne Schwanewilms als Eva.

Philippe Jordan, der bereits 2012 „Parsifal“ in Bayreuth dirigiert hat, wird   mittlerweile als künftiger Chefdirigent der Bayerischen Staatsoper in München gehandelt. Barrie Kosky soll Intendant werden. Als der Regisseur sich schließlich vor dem Vorhang zeigte, erntete er, der laut Katharina Wagner dazu bestimmt ist, Bayreuth und die Opernwelt zu „verjüngen“, kräftigen, langanhaltenden Beifall!

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Nächste Premiere bei den Bayreuther Festspiele 2018 ist „Lohengrin“.

Musikalische Leitung: Christian Thielemann – Inszenierung Yival Sharon Bühnenbild: Neo Rauch & Rosa Loy

Mit Roberto Alagna in der Titelpartie

 

Die Ausstellung „ Es gibt nichts, Ewiges“ – „Wieland Wagner – Tradition und Revolution“ ist bis zum zum 19.11 im Richard Wagner Museum zu sehen.

Öffnungszeiten: Di bis So: 10-17 Uhr       www.wagnermuseum.de

 

 

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Dr. Anna Zanco-Prestel, hat Literaturwissenschaften (Deutsch, Französisch und Italienisch) und Kunstgeschichte in Venedig, Heidelberg und München studiert. Publizistin und Herausgeberin mit Schwerpunkt Exilforschung. U.d. Publikationen: Erika Mann, Briefe und Antworten 1922 – 69 (Ellermann/DTV/Mondadori). Seit 1990 auch als Kulturkoordinatorin tätig und ab 2000 Vorsitzende des von ihr in München gegründeten Kulturvereins Pro Arte e.V.

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