Vier Städte und eine Insel – Unser Urlaub am Bodensee

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Am Freitag, 5. Juni, fuhren wir nach Nürnberg und übernachteten dort bei Sascha und Axel, mit denen wir am Samstagmorgen Richtung Bodensee fuhren. Nach mehreren Stunden erreichten wir den Ort Oberteuringen, etwa 20 Kilometer vom Bodensee entfernt, wo wir eine Ferienwohnung mit zwei Schlafzimmern, zwei Badezimmern, einem Wohnzimmer, einer Küche und einem Balkon gemietet hatten. Das Haus war von einem Garten umgeben, wo es noch ein Schwimmbad und eine Sauna gab. Die ganze Gegend hatte den Namen „Oberschwaben“. Sie reichte von Dillingen an der Donau bis an den Bodensee, den bayerischen Regierungsbezirk Schwaben mit dem Allgäu eingeschlossen.

Axel und Sascha wechselten sich am Steuer ab, beide sind sichere und umsichtige Autofahrer, die sich die Streckenführung vor der Abfahrt genau angeschaut haben. Auch während unserer acht Urlaubstage am Bodensee hatten sie genau berechnet, wie alles ablaufen sollte, und nahmen Rücksicht auf mein Alter. An mehreren Tagen bereiteten sie ein herrliches Abendessen (Spargel, Blumenkohl, Pilze). Man fühlte sich geborgen und aufgehoben!

Der Bodensee ist vor 10 000 Jahren, als die letzte Eiszeit beendet war, entstanden. Der römische Naturforscher Plinius der Ältere (23-79 nach Christus) nannte den See „Lacus Raetiae Brigantinus“. Die römische Provinz Raetia entstand 15 Jahre vor Christus, nachdem die Römer das von Kelten besiedelte Land erobert hatten. Hauptstadt war Augusta Vindelicorum, das spätere Augsburg. Die Vindelicer waren ein keltischer Volksstamm im Alpenvorland. Brigantium war der lateinische Name der späteren Stadt Bregenz am östlichen Ufer des Bodensees.

In Schwaben habe ich als Schüler zweieinhalb Jahre gelebt, vom Sommer 1955 bis zum Abitur im Februar 1958. Zuerst zwei Jahre in Beuren, elf Kilometer von Kirchheim entfernt, und dann ein halbes Jahr in Kirchheim selbst, wo ich die Oberschule besuchte.

In den acht Tagen am Bodensee haben wir zuerst die Insel Mainau bei Konstanz besucht, und in der Woche danach die Städte Lindau, Friedrichshafen, Bregenz und Konstanz. Den Mittwoch haben wir, da es heftig regnete, im Adelindis-Thermalbad in Buchau verbracht. Die Namensgeberin Adelindis wurde 735 auf Burg Andechs in Bayern geboren, ihr Todesdatum ist unbekannt. Ihr Vater Herzog Hildebrand entstammte dem langobardischen Hochadel in Norditalien. Sie hat 770 das Kloster Buchau bei Ravensburg gegründet.

Am Sonntag, 7. Juni, nach einem schönen Frühstück mit Rührei, fuhren wir bei herrlichstem Sommerwetter mit dem Schiff nach Konstanz und nahmen unser Auto mit. Am Ufer vor der Insel Mainau war ein großer Parkplatz, wo wir unser Auto abstellen konnten. Die Insel hat eine Landverbindung für Fußgänger, die wir beschritten. Uns empfing ein gewaltiges Blumenmeer an allen Ecken und Enden. Die Insel hat nur 40 Einwohner und wird im Jahr von einer Million Touristen aufgesucht.

Um zu erklären, warum die „Blumeninsel Mainau“ heute in schwedischem Besitz ist, muss man in die Genealogie einsteigen. Der Umbau der Insel zum Besuchermagneten geht auf Lennart Graf Bernadotte (1909-2004), einen schwedischen Adligen und Vater des heutigen Besitzers, zurück. Björn Bernadotte (1975), sein Sohn, ist mit seiner Schwester Bettina (1974) seit 2007 Vorstandsvorsitzender der Bernadotte-Stiftung und wohnt mit seiner Familie im Barockschloss auf der Insel. Seine Urgroßmutter war Viktoria von Baden (1862-1930), die 1881 Kronprinz Gustav von Schweden (1858-1950) heiratete, der 1907 als Gustav V. zum König ernannt wurde. Viktoria von Baden brachte als Erbstück die Insel Mainau mit in die Ehe. Björns Großvater war König Wilhelm von Schweden (1884-1965), der aber auf den schwedischen Königsthron verzichtete.

Um die Insel und ihr überreiches Angebot an den Besucher zu erkunden, hätte man mehrere Tage gebraucht. Es gab einige Restaurants, die fast alle überfüllt waren. Wir besuchten das Schmetterlingshaus und das Arboretum. In Deutschland gibt es rund 3700 Schmetterlingsarten, eine erstaunlich hohe Zahl. Viele dieser Arten sind aber vom Aussterben bedroht oder schon ausgestorben. Das Schmetterlingshaus auf der Insel Mainau, das 120 Arten aus tropischen Ländern Afrikas, Asiens, Süd- und Mittelamerikas beherbergt, ist das zweitgrößte in Deutschland, das größte steht im Maximilianspark der westfälischen Stadt Hamm. Auf der Insel Mainau sind die Schmetterlinge nicht hinter Glasscheiben zu besichtigen, sondern sie schwirren in ihrer Farbenvielfalt mitten durch die Besucher. Das Aboretum ist eine Ansammlung von 250 verschiedenen Baumarten. Die Anfänge dieser einzigartigen Sammlung uralter Bäume liegen im 19. Jahrhundert, als Großherzog Friedrich I. (1826-1907) von Baden begann, auf der Insel Gehölze aus allen fünf Kontinenten anzupflanzen.

Am Nachmittag tranken wir Kaffee in einem schattigen Biergarten, ich aß ein Stück Kuchen dazu, meine drei Begleiter aßen herzhaftere Sachen. Auf der Toilette traf ich einen Herrn aus Döbeln, den ich wegen seiner sächsischen Mundart ansprach. Im Landkreis Döbeln liegt das Zuchthaus Waldheim, wo ich 1962/64 „gewohnt“ habe. Auf die Insel Mainau würde ich gerne noch einmal fahren.

In der Nacht zum Montag, 8. Juni, ging ein furchtbarer Regenguss  hernieder, tagsüber aber schien die Sonne. Beim Gang durch den Ort sah ich, dass wir in Bitzingen wohnten, das ist ein Ortsteil von Oberteuringen. Morgens, als meine drei Begleiter noch schliefen, fuhr ich zum Supermarkt LIDL und kaufte mir an der Tankstelle daneben die SCHWÄBISCHE ZEITUNG. An diesem Tag besuchten wir die bayerische Stadt Lindau, die auch auf einer Insel liegt wie Mainau und die auch über einen Damm zu Fuß erreichbar ist. Aber nur der Stadtkern, also die historische Altstadt, liegt auf der Insel. Auf dem Festland liegt der größere Teil des Stadtgebietes. Lindau, wo alemannisch gesprochen wird wie im benachbarten Vorarlberg, das zu Österreich gehört, hat knapp 26 000 Einwohner und ist 1528 evangelisch geworden. In Lindau finden seit 1951 jährlich die Nobelpreisträgertreffen statt, das seitdem nur einmal (während der Corona-Pandemie 2021) ausgefallen ist. Nach dem Frieden von Pressburg (Bratislawa) vom 26. Dezember 1805 fielen Lindau und Tirol an das sechs Tage später, am 1. Januar 1806 gegründete Königreich Bayern. Am 2. Dezember 1805 hatte die zahlenmäßig unterlegene Armee Napoleons das österreichisch-russische Heer besiegt. Am Nachmittag des 8. Juni haben wir noch in der Schneebergstraße Kaffee getrunken und den Hauptbahnhof besichtigt. In der Nähe Lindaus liegt die Stad Wasserburg (4000 Einwohner), wo der Schriftsteller Martin Walser (1927-2023) am 24. März 1927 geboren ist und wo mein Mainzer Doktorvater nach der Emeritierung lebte.

Die zweite Stadt, die wir am 9. Juni besuchten, war Friedrichshafen. Meine Frau, der es an diesem Tag nicht gut ging, blieb in unsrer Wohnung in Oberteuringen. Die Stadt Friedrichshafen, die heute 63000 Einwohner hat, entstand 1811 aus der Fusion der Reichsstadt Buchhorn mit Dorf und Kloster Hofen. Benannt ist sie nach Friedrich I. (1754-1816), dem ersten König von Württemberg. Die Stadt verfügte im Zweiten Weltkrieg über vier Rüstungsbetriebe, darunter Dornier und Luftschiffbau Zeppelin, und wurde deshalb von den angloamerikanischen Flugzeugen 19mal bombardiert (1000 Tote). Nach 1945 gehörte die Stadt zur Französischen Besatzungszone. Als wir zu dritt am Ufer des Bodensees entlanggingen, standen wir plötzlich vor einem Denkmal für den Stuttgarter Schriftsteller Gustav Schwab (1792-1850), der uns Schülern in Coburg schon bekannt war als Verfasser des Buches „Sagen des klassischen Altertums“ in drei Bänden, die 1838/40 erschienen sind. Es sind Nacherzählungen griechischer und römischer Mythen in verständlicher Sprache. Biografisch sind Gustav Schwab und Friedrichshafen in keiner Weise verbunden. Es geht nur um Gustav Schwabs Gedicht „Der Reiter und der Bodensee“ (1826), dessen hier in Friedrichshafen gedacht wird. Beschrieben wird ein Ortsfremder, der, ohne es zu wissen, über den zugefrorenen Bodensee reitet. Als er das Ufer erreicht hat, erzählen ihm die Dorfbewohner, dass er eben über den Bodensee geritten ist. Da erschrickt er so sehr, dass er tot vom Pferd fällt. Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit: Der elsässische Postvogt Andreas Egglisperger ist 1573, ohne es zu wissen, über den zugefrorenen Bodensee nach Überlingen geritten. Gustav Schwab war aber nicht nur Schriftsteller, er war Stipendiat des Evangelischen Stifts an der Universität Tübingen, studierte Theologie, Philosophie und Altphilologie, war Gymnasialprofessor für alte Sprachen und wirkte als Pfarrer.

Etwas weiter am Ufer stießen wir auf das „Schwätzbänkle“, wo der Wanderer zum Verweilen und Plaudern angehalten wird. Irgendwo wurde mit einem Plakat zum „Seehasenfest“ aufgerufen. Ein Bus fuhr vorüber mit der Aufschrift „Wir machen kein Theater, wir fahren Sie hin!“. Das Wetter war regnerisch mit aufhellenden Momenten!

Am 10. Juni (Mittwoch) regnete es ununterbrochen. Deshalb fuhren wir nach Bad Buchau ins Thermalbad. In mehreren Becken war das Wasser unterschiedlich warm. Dabei stellte ich fest, dass mir das Schwimmen schwerfällt. Ich gerate außer Atem und ermüde schnell. Wir sind auch in Coburg lange nicht mehr schwimmen gewesen. Das sollte sich ändern. Wir verbrachten den Tag mit Besuchen in den verschiedenen Becken, mit Essen, Schlafen, Lesen. Und ich lauschte dem schwäbischen Dialekt, weil mich das an meine Schulzeit 1955/58 in Kirchheim/Teck erinnerte.

Am Donnerstag, das Wetter hatte sich aufgehellt, fuhren wir nach Bregenz, die drittgrößte Stadt des österreichischen Bundeslandes Vorarlberg und die Landeshauptstadt. Sie ist mit 29 000 Einwohnern kleiner als Coburg. Die Gegend war schon 1500 Jahre vor Christi Geburt besiedelt, vom keltischen Stamm der Brigantier. Bis 470 nach Christus war Brigantium, so der lateinische Name von Bregenz, Sitz einer römischen Kriegsflotte am Bodensee. Nach 470 wurde das Gebiet vom westgermanischen Volksstamm der Alemannen erobert und dauerhaft besetzt. Im Jahr 1523 wurde Bregenz Teil von Vorderösterreich. 1805 kam es zu Bayern. Die französische Besatzungszeit in Vorarlberg nach dem Zweiten Weltkrieg dauerte bis 1955. Wir gingen an der Seebühne entlang, die während der „Bregrenzer Festspiele“, immer im Juni, 7000 Zuschauer unterbringen kann. Dann erreichten wir die Innenstadt, die breite Straßen und große Plätze aufweist. Am Bahnhof fragte ich die Zeitungsverkäuferin und bekam den Hinweis auf die örtliche Ausgabe der Wiener Zeitung „Die Presse“ und die „Vorarlberger Nachrichten“, die kaum mehr Qualität haben als die deutsche Bildzeitung. In einer Buchhandlung kaufte mir meine Frau Gabriele die von Ina Hartwig geschriebene Biografie „Wer war Ingeborg Bachmann?“ (2026 zum 100. Geburtstag der österreichischen Lyrikerin erschienen). Sie starb im Alter von 47 Jahren in ihrer Wahlheimat Rom. Sie hatte nachts im Bett geraucht und war eingeschlafen. Das war die Nacht vom 26. zum 27. September 1973, gestorben ist sie erst am 17. Oktober.

Unser letzter Tagesausflug galt der Stadt Konstanz, durch die wir am Sonntag zuvor schon einmal gefahren waren. Wir fuhren mit einem Katamaran in 50 Minuten ans jenseitige Ufer und besuchten zum Frühstück ein Restaurant in der Innenstadt. Am Hafen schon sahen wir das Konzil-Restaurant, das an den böhmischen Reformator Jan Hus (1370-1415) erinnert, der während des Konstanzer Konzils 1414 bis 1418, trotz der Zusicherung freien Geleits, am 6. Juli 1415 bei lebendigem Leibe verbrannt wurde, weil er seine „Irrlehren“ nicht widerrufen wollte. Konstanz ist mit 87 000 Einwohnern die größte Stadt am Bodensee und wurde unter Kaiser Claudius (15 vor Christus bis 54 nach Christus) erobert und der Provinz Rätien zugeschlagen. In und um Konstanz lebte der keltische Stamm der Helvetier, der schon in Gaius Julius Caesars (100-44 vor Christus) Schrift „Commentarii de Bello Gallico“ genannt wird. Konstanz wurde 1548 österreichisch und 1806 badisch, 1952 wurde es Teil des Bundeslandes Baden-Württemberg. Als 476, zu Beginn der Völkerwanderungszeit, das Weströmische Reich zerfiel, geriet Konstanz unter die Herrschaft Odoakars  (433-493), eines weströmischen Offiziers germanischer Herkunft, nach dessen Tod Konstanz bis 536 Teil des Ostgotenreichs blieb. Der Ostgotenkönig Witichis trat 537 Teile seines Reichs an die Franken ab. König der Franken war damals Theudebert I. von den Merowingern. Von 1192 bis 1548 war Konstanz Freie Reichsstadt, das heißt: Die Steuern mussten direkt an den Kaiser gezahlt werden.

Auf dem Weg zur Stadt sahen wir einen Schwan (eine Schwänin) mit vier halbwüchsigen Jungen am Ufer des Bodensees. In der Innenstadt kamen wir am „Seebrünzler“ vorbei: Das ist die Bronzefigur eines Mannes, der seit 2013 in den stilisierten Bodensee vor ihm pinkelt. Wir Coburger kannten selbstverständlich das Wort „Brunzen“.

In Meersburg sind wir leider nicht gewesen, dazu reichte die Zeit nicht. Dort lebte die westfälische Dichterin Annette von Droste Hülshoff (1797-1848) seit 1841 bei Schwester und Schwager auf Schloss Meersburg. Dort schrieb sie auch ihre Erzählung „Die Judenbuche“ (1842), die heute noch (?) an den Schulen gelesen wird. Ihrem Leben und Werk sind heute zwei Museen in der Stadt gewidmet.

Am 13. Juni gegen 18.00 Uhr sind wir wohlbehalten wieder in Coburg angekommen. Die Hitzewelle kam danach.

 

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Dr. Jörg Bernhard Bilke, geboren 1937, studierte u.a. Klassische Philologie, Gemanistik und Geschichte in Berlin und wurde über das Frühwerk von Anna Seghers promoviert. Er war Kulturredakteur der Tageszeitung "Die Welt" und später Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung ostdeutscher Kulturrat.