Ulrich Semler: „Die Galeristin“ – Buchrezension über Andrée Sfeir-Semler und die Kunst aus der arabischen Welt

Lausbergs Buchtipp

Bild von bir auf Pixabay.

Pünktlich zur Verleihung des ART-COLOGNE-Preises 2025 an Andrée Sfeir-Semler erscheint die erste Biografie der libanesisch-deutschen Galeristin. Autor dieser Lebensgeschichte ist der langjährige Journalist Ulrich Semler, der durch seine Frau Andrée und die Künstlerinnen und Künstler ihrer Galerie eng mit dem Nahen Osten, insbesondere dem Libanon, verbunden ist. Mit seiner gleichermaßen einfühlsam wie distanziert geschriebenen Biografie gelingt dem Autor ein Porträt, das das Leben und die Arbeit der Kunstvermittlerin Andrée Sfeir-Semler verschränkt und sie im Auf und Ab des zeitgenössischen Kunstbetriebs sowie inmitten der von großen Erfolgen, aber auch von krisenhaften Umständen geprägten Galeriegeschichte zeigt. Heute ist Beirut, wie Andrée Sfeir-Semler sagt, „die DNA der Galerie“ und die „Bühne“ insbesondere für Künstler aus dem Nahen Osten. Zu ihnen zählen Etel Adnan, Akram Zaatari, Marwan Rechmaoui, Samia Halaby, Wael Shawky oder Walid Raad, deren Werke von der Galeristin in wichtige Spielstätten der zeitgenössischen Kunst vermittelt werden – in Museumssammlungen ebenso wie in die Documenta in Kassel, die Kunstbiennale in Venedig oder die Sharjah Biennale am Arabischen Golf.

In die Biografie eingestreut sind zahlreiche liebevoll geschriebene Künstlerporträts, mit deren Protagonisten die Galeristin und der Autor eng verbunden sind oder waren. Dazu zählen die Begegnung mit Ian Hamilton Finlay in seinem nahe Edinburgh gelegenen Kunstgarten „Little Sparta“, das Treffen mit Robert Barry in New York oder die erste Zusammenkunft mit Wael Shawky in Alexandria. Eine Zäsur in der Galeriegeschichte war das Treffen mit der libanesisch-amerikanischen Schriftstellerin und Dozentin Etel Adnan, die im Alter von 85 Jahren erstmals bei Sfeir-Semler in Beirut kleinformatige, abstrakte Werke ausstellte und kurze Zeit später eine Weltkarriere als Malerin mit Ausstellungen auf der Documenta und in vielen bedeutenden Museen startete.

Die über 90 Abbildungen illustrieren die bunte und vielfältige Welt zwischen den Galerien in Hamburg und Beirut sowie den Biennalen, Kunstmessen und Großschauen in Venedig, Kassel, Doha, Sharjah, Basel, Paris und London.

Das Buch ist zeitlich- chronologisch angeordnet, leider fehlt im Anhang eine Zeitleiste zum besseren Überblick.

Im Spiegel ihres wechselvollen Lebens lernt man die Kunst der arabischen Welt, Kulturtransfers und zeitgenössische Künstler und Künstlerinnen kennen und erhält Einblicke in den internationalen Kunsthandel. Künstlerische und private Beziehungen zum Beispiel zu Walid Raad und dessen Kunst gibt es zum Beispiel zu entdecken. Oder Yto Barrada, die sich  mit Fotografien, Videos und Skulpturen befasst.

Aber auch Privates wie die Hochzeit in Beirut mit dem Autor und einiges über ihre Vorlieben wird erzählt. Es wird aber auch deutlich, dass diese Biografie nichts Abschließendes, Endgültiges hat. Andrée Sfeir-Semler wird sich nicht zu Ruhe setzen, sondern ihre Projekte weiterführen, wenn die Gesundheit mitspielt.

Der völkerrechtswidrige Einmarsch der israelischen Armee in den Libanon im Kampf gegen die Hisbollah, der vor allem für die (unschuldige) Zivilbevölkerung Tod, Leid, Hunger, Zerstörung und Flucht bedeutet, ist hier kein Thema, da das Buch früher erschienen ist.

Dieses persönlich gehaltene Porträt zeigt eine Frau, die einen großen Teil ihres Lebens abgesehen vom Privaten der Kunst gewidmet hat. Sie zeigt, dass Kunst nur international verstanden werden kann und sie die Kraft hat, Brücken zu bauen und interkulturell zu wirken.

Ulrich Semler: Die Galeristin. Andrée Sfeir-Semler und die Kunst aus der arabischen Welt, Wasmuth Verlag, Berlin 2025, ISBN: 978-3-8030-3428-1, 28 EURO (D)

Über Michael Lausberg 645 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.