Vor 80 Jahren: Der US-amerikanische Ordensgeistliche Sixtus O`Connor OFM bekehrte den NS-Verbrecher, „Schlächter von Polen“ und Juristen Hans Frank zum katholischen Glauben und begleitete ihn im Oktober 1946 zum Galgen im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis. Von Benedikt Vallendar.
Von Pater Richard James „Sixtus“ O’Connor OFM ist ein Brief erhalten, der eigentlich in ein polnisches Staatsarchiv gehört. Detailliert beschreibt der Franziskanerpater darin die letzten Stunden des NS-Verbrechers Hans Frank. Vor dessen Hinrichtung im Nürnberger Kriegsverbrechergefängnis in den frühen Mordenstunden des 16. Oktober 1946. Der Brief liegt heute digitalisiert im Nürnberg Memorial, das sich der historischen Aufarbeitung der Nürnberger Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher widmet.
Massenmörder im Beichtstuhl
Hans Frank war als Hitlers Generalgouverneur in Polen für millionenfachen Mord an Zivilisten verantwortlich gewesen. In die Geschichtsbücher eingegangen ist er als „Schlächter von Polen“, auch wegen seiner Skrupellosigkeit, mit der der promovierte Jurist und Einserabiturient die mörderischen Pläne Adolf Hitlers in die Tat umgesetzt hatte. Frank residierte seit Oktober 1939 mit seiner Familie in Krakau, wo er sich einen pompösen Hofstaat leistete und alles tat, um der NS-Ideologie zu huldigen, durch Terror, Raub und Mord; und am sinnbildlichsten wohl im Konzentrationslager Auschwitz, das sich als Verkörperung des Bösen ins Gedächtnis der Menschheit gebrannt hat. Ob sich Pater Sixtus Sünden dieser Dimension von Hans Frank persönlich anhören musste, ist indes nicht überliefert.
Hinwendung zum Glauben
Vor seiner Verhaftung im Mai 1945 durch US-Truppen in Bayern hatte sich Hans Frank wiederholt über Menschen wie Pater Sixtus lustig gemacht, sie verachtet und ermorden lassen; darunter den bekannten Pater Maximilian Kolbe im August 1941, der ebenso wie Sixtus dem Franziskanerorden angehört hat. „In seiner Not und Verzweiflung im Nürnberger Gefängnis dürfte mein Vater den katholischen Glauben für sich wiederentdeckt haben“, vermutet sein 1939 geborener Sohn Niklas Frank, der sich als Publizist höchst kritisch mit dem kriminellen Wirken seines Vaters auseinandergesetzt hat. Mehrere Bücher hat er dazu veröffentlicht, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Heute lebt der Autor zurückgezogen in Norddeutschland und widmet sich weiter all dem, was die NS-Diktatur an Bösem hinterlassen hat. Frank glaubt, dass die Hinwendung des Vaters zum Katholizismus auch Teil einer Verteidigungsstrategie war, mit dem Ziel, dem Galgen vielleicht doch noch zu entkommen. Pater Sixtus war Seelsorger, doch ob bei seinen Gesprächen mit den Mördern auch kritische, gar vorwurfsvolle Worte gefallen sind, ist nicht bekannt. Noch in der Nacht vor seinem Tode versuchte Hans Frank das in Polen angerichtete Unrecht zu relativieren, dass „die Wahrheit eines Tages ans Licht kommen“ werde, so im letzten Brief an seine Frau.
Eintöniger Haftalltag
Zweimal wöchentlich durften die Nürnberger Häftlinge duschen und sonntags den Gottesdienst bei Pater Sixtus in der Gefängniskapelle besuchen. So berichtet es der US-Psychologe Gustave M. Gilbert in seinen Memoiren. Eigens war dazu in einem Gebäudetrakt eine Wand herausgebrochen worden. Damit alle Platz fanden, auch das Wachpersonal. Hans Frank ging gerne zur Messe, wird berichtet, und las zudem täglich in der Bibel. Pater Sixtus war in den Stunden der Einsamkeit sein wohl wichtigster Ansprechpartner, da Besuche der Familie nur sehr begrenzt gestattet waren.
Pater Sixtus soll seiner Tätigkeit als Seelsorger in Nürnberg in „vorbildlicher Weise“ nachgekommen sein, berichten Zeitzeugen, gleichwohl sein Brief an Frank-Sohn Norman im Oktober 1946 keine Distanz zu den NS-Verbrechen erkennen lässt; etwa wenn Hans Frank darin als „lieber Vater“ bezeichnet wird, dessen „Ehre“ es zu „verteidigen“ gelte. „Sixtus war wahrscheinlich auch ein Rechter“, versucht Niklas Frank den Blick des Geistlichen auf die Nürnberger Todesnacht zu deuten. So wie viele Kleriker nach dem Krieg, die es Hitler heimlich dankten, dass der „gegen den gottlosen Kommunismus“ gekämpft hatte. Dass Ordensgeistliche nach Kriegsende auch aktiv Kriegsverbrechern die Flucht nach Südamerika ermöglichten, ist historisch erwiesen.
Studium in Bonn
Das Deutsche indes war Pater Sixtus seit seiner Geburt in New York im Jahre 1909 in die Wiege gelegt. Seine Mutter stammte aus der Schweiz und hatte sieben Kinder. Die Familie lebte bescheiden, und höhere Bildung bot allein die Kirche. Als junger Mann war Sixtus Franziskaner geworden. Er studierte Theologie und wurde 1934 zum Priester geweiht. Später diente Sixtus in den Streitkräften und verbrachte ein paar Semester an der Universität Bonn. Bevor er das Rheinland bei Kriegsausbruch wieder verlassen musste. 1943 wurde der Ordensmann dienstverpflichtet und nahm unter anderem als Militärseelsorger an der alliierten Invasion in der Normandie im Sommer 1944 teil.
Pater Sixtus sprach fließend Deutsch, was ihn für die Tätigkeit als Militärseelsorger in Nürnberg qualifiziert haben dürfte, vermutet Niklas Frank. Leider liegt über die Nürnberger Zeit nur wenig Quellenmaterial vor, was die Bewertung seines dortigen Wirkens erschwert. Unbekannt etwa ist, wo Pater Sixtus als Gefängnisseelsorger gewohnt und gespeist hat, wie sein Verhältnis zu den protestantischen Seelsorgerkollegen war und inwieweit er den Prozess in Saal 600 im nahe gelegenen Gerichtsgebäude persönlich mitverfolgt hat.
Aus der Ferne entsteht damit das Bild eines bescheidenen, nachdenklichen Seelsorgers, der pflichtgetreu seiner Arbeit nachgegangen ist. Und bis zu seinem Tod im Jahre 1983 wohl nur in kleinem Kreise über seine Gespräche im düsteren Nürnberger Zellentrakt gesprochen haben dürften.


