Björn Berge: Atlas der verschwundenen Länder. Weltgeschichte in 50 Briefmarken

Weltkarte (Ausschnitt), Foto: Tine Vogeltanz

Björn Berge: Atlas der verschwundenen Länder. Weltgeschichte in 50 Briefmarken. Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob und Frank Zuber, dtv, München 2018, ISBN: 978-3-423-28160-7

Der norwegische Autor Björn Berge stellt in diesem Buch 50 Länder oder autonome Regionen der Welt vor, die im Laufe der Geschichte von der Landkarte verschwunden sind. Darunter sind Territorien, die wahrscheinlich nur ausgewiesenen Kennern etwas sagen wie Ober-Yafi, Labuan oder Hatay. Dagegen bieten andere wie Oranje-Freistaat, Helgoland oder Freies Territorium Triest schon bekannte Assoziationen.

Die Idee zu diesem Buch entstand durch die Leidenschaft des Briefmarkensammelns: „Das Buch (…) hat seinen Ursprung in Briefmarken. Es stellt eine Reihe von Ländern und autonomen Regionen vor, die nicht mehr existieren. Auf dieser Basis konnte ich wirklich aus dem Vollen schöpfen, denn weltweit haben mehr als tausend Regierungen oder Verwaltungen beschlossen, eigene Briefmarken herauszugeben (…) Briefmarken und ihre Motive zeigen deutlich, worum es in der Geschichte wirklich geht: Territorial- und Machtansprüche, Siegerposen, aber auch kulturelle Identität. Sie sind stumme Zeitzeugen, die ihre Ursprungsländer überlebt haben.“ (S. 8)

Dieses Buch ist aber nicht als Entdeckungsreise für verschwundene Länder gedacht, sondern sollen als „Sammlung von Gutenachtgeschichten, die den Träumen auf die Sprünge helfen“, betrachtet werden. (S. 9)

Die Vorstellungen der verschwundenen Länder und autonomen Zonen gliedert Berge in drei Bereiche: der Auswertung der Briefmarke und seines Motives als solchen, Zeitzeugenberichte und der historischen Deutung von Wissenschaftlern. Er teilt diese Länder nach ihrem historischen Bestehen ein: die Zeit von 1840-1860, die Zeit von 1860-1890, die Zeit von 1890-1915, die Zeit von 1915-1925, die Zeit von 1925-1945 sowie von 1945-1975. Diese werden auf vier Seiten mit Landkarte, der Zeit des Bestehens, der Bevölkerungszahl, der Flächengröße, der Abbildung der dazugehörigen Briefmarke, einem Zitat, Literaturempfehlungen, manchmal auch Musik, Filmen oder landestypischen Rezepte dargestellt.

 

Für historisch, politisch und gesellschaftliche Interessierte bietet dieses Buch über verschwundene und vergessene Länder sehr viel. Die hier sehr schön vorgestellten Länder oder autonome Regionen finden sich in den meisten Geschichtsbüchern eher in den Fußnoten. Es ist auch eine Geschichte des Imperialismus und des Kolonialismus westlicher Staaten und der Widerstand dagegen, hier werden die rassistischen Konstruktionen und die brutale Machtpolitik nochmals ersichtlich. Eine spannende Einführung in längst verschwundene Welten.

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.