Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor

Treppen, Foto: Stefan Groß

Holger Afflerbach: Auf Messers Schneide. Wie das Deutsche Reich den Ersten Weltkrieg verlor, C. H. Beck Verlag, München 2018, ISBN: 978-3-406-71969-1, 29,95 EURO (D)

Holger Afflerbach, Professor für Europäische Geschichte an der Universität Leeds, geht in diesem Buch der Frage nach, ob die Niederlage des Deutschen Reiches und seiner Verbündeten im Ersten Weltkrieg unvermeidbar war. Entlang dieser Fragestellung untersucht er Vorgeschichte, den Verlauf und die unmittelbaren Auswirkungen des 1. Weltkrieges.

Die millionenfache Zahl der Opfer des Ersten Weltkrieges hätte vermieden werden können: „Die schreckliche Rechnung dieses Weltkrieges war die Konsequenz zweier katastrophaler politischer Entscheidungen. Die erste war, den Krieg nicht zu vermeiden; die zweite, ihn ohne Rücksicht auf die Schäden viereinhalb Jahre weiterlaufen zu lassen.“ (S. 508) Ihm geht es dabei nicht um die Frage, welche „Seite die aggressiveren Ziele“ hatte, sondern darum, ob es „wirklich notwendig war, den Krieg auszukämpfen und den Sieg zu erringen. Ab einem gewissen Zeitpunkt konnte der Sieg das Unheil nicht mehr abwenden, im Gegenteil, ein Sieg, gleich welcher Seite, musste die Lage verschlimmern. Das zeigte sich nach 1918. Die alte Ordnung war zerstört und die neue funktionierte nicht. Der Sieg konnte die Folgen des Krieges weder bewältigen noch kontrollierbar machen.“ (S. 511f) Als Konsequenz daraus schließt Afflerbach: „Ein insgesamt negativer Verlauf des 20. Jahrhunderts war als Resultat dieses Krieges vorgezeichnet und wohl unvermeidlich.“ (S. 512)

Bei einem schnellen Sieg einer der beiden Parteien hätte es keine so große Zahl an Verlusten gegeben, stattdessen „rannten sich beide Seiten in einem Patt fest, und um zu gewinnen, wurde der Krieg immer weiter ausgeweitet und radikalisiert, durch neue Bundesgenossen und durch innere Mobilisierung aller Ressourcen“, so dass ein „Kompromissfrieden immer unwahrscheinlicher wurde.“ (S. 512). Der Krieg stand laut Afflerbach aus „Messers Schneide“ und hätte auch anders ausgehen können und widerspricht damit der Annahme, dass das Deutsche Reich „nach dem Scheitern des Schlieffen-Plans im September 1914 nur noch den Zeitpunkt seiner Niederlage hinauszögern, diese selbst aber nicht mehr habe verhindern können.“ (Ebd.)

Ein Unentschieden wäre während des europäischen Teil des Krieges das „vorgezeichnete und praktisch unausweichliche Ergebnis der strategischen Lage“ gewesen, wenn nicht das Deutsche Reich den „schweren Fehler“ begangen hätte, die USA in den Krieg zu zwingen. Dies wäre „der Untergang“ gewesen. (S. 514f)

Er schiebt dabei den Alliierten die größere Schuld für die Verlängerung des Krieges zu: „Den hoffnungslos verfahrenen Krieg gewinnen zu wollen, war aber mehr alliierte als deutsche Politik. Die Zentralmächte machten drei offizielle Friedensangebote, und zwar im Dezember 1916, im Juli und im Dezember 1917. (…) Zumindest die beiden ersten Angebote waren aber trotz vieler unverzeihlicher Halbherzigkeiten ernst gemeint, und das dritte, sich mit den Verhandlungen mit Russland zu beteiligen, lädt immerhin zu interessanten kontrafaktischen Überlegungen ein.“ (S. 517) Diese „verbissene und ungeheuer schädliche, alliierte Siegfriedensstrategie“ hätte schließlich den Krieg unnötigerweise in die Länge gezogen. (S. 518)

Somit bilanziert er: „Der Ausgang des Ersten Weltkrieges war lange offen. Er war auch deshalb so eine erbitterte Auseinandersetzung mit so weitreichenden Folgen, weil er so lange auf ‚Messers Schneide‘ stand, weil er deshalb viel zu lange dauerte; weil er auch hätte anders enden können und die Sieger und Besiegten das wussten; und weil die Sieger schließlich, geschwächt wie sie waren, in der moralischen, sozialen und finanziellen Misere, die der Krieg erzeugt hatte, gar nicht mehr anders als unerbittlich sein konnten.“ (S. 521)

Einige seiner Thesen sind sehr heikel, auch wegen vieler Schlussfolgerungen im Konjunktiv: Ob tatsächlich das Deutsche Reich zu einem Kompromissfrieden bereit gewesen wäre oder ob es sich bei den hier genannten Vorstößen für einen Frieden wirklich um ernstzunehmende Angebote handelte, muss bezweifelt werden. Daraus den Alliierten deshalb ein größerer Schuldvorwurf für die Verlängerung des Krieges zu machen, ist nicht seriös. Das Buch zeigt aber eindrucksvoll auf, dass es bei der Verfolgung von imperialistischer Politik um jeden Preis auf allen Seiten nur Verlierer gibt, was auch Brücken zur Gegenwart erlaubt. Es untersucht zwar die Machtpolitik der teilnehmenden Staaten, ist aber aus Sicht einer Friedenssicherung geschrieben, um ein „sinnloses Abschlachten“ zu verhindern. Diese nicht allzu oft benutzte Perspektive ist herauszuheben.

Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.