CDU: Selbstgesteuert ins Nichts?

merkel cdu parteitag zeichnung angela politikerin, Quelle: dianakuehn30010, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung Kein Bildnachweis nötig
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Sie reden stets gerne von Dialog, von Respekt, von Vielfalt und Toleranz. Die Großkopferten der CDU beherrschen das wirkmächtige Vokabular. Theoretisch. Denn in der Praxis scheitern sie schon mal kläglich – aber sehr selbstbewusst und auch selbstgerecht – an der von der eigenen Kompetenzgläubigkeit überwölbten mentalen Enge ihrer eigenen Grenzen. Und dann kann es schräg werden, sehr schräg.

Armin Laschet hat das jetzt wieder bewiesen. Leider. Er, der eigentlich Respekt, Dialog und Toleranz kann, distanzierte sich nun von der WerteUnion. Damit trottete er brav dem Nolens-Polenz-Mantra hinterher, eigene Leute und Parteimitglieder zu diskreditieren – ohne Kompetenz, ohne Kenntnis, ohne Dialog, ohne Fairness. Einfach so. Als wolle man allen Linken, Linksradikalen, Grünextremen, grün angestrichenen Freiheitsfeinden und Antidemokraten mal eben eine Ergebenheitsadresse schicken. Hat der bislang eher glücklos und ängstlich agierende CDU-Chef tatsächlich vergessen, dass das Konservative eben auch zur Union gehört? Oder weiß er gar nicht, wofür die WerteUnion steht?

Haben ihm vielleicht gar seine Berater bislang vorenthalten, dass sich hier überzeugte Christdemokraten engagieren, die – ganz im Sinne von Vielfalt und Toleranz – nicht wollen, dass liberal-konservativ Denkende im Geiste eines Konrad Adenauer, eines Ludwig Erhard und eines Helmut Kohl in einer nach links verrutschten Union politisch heimatlos werden? Weiß der Aachener Kanzlerkandidat nichts von der Notwendigkeit eines breiten und nun wirklich bunten wie vielfältigen Profils seiner Partei, wozu eben auch der alles andere als reaktionäre konservative und auf Zukunft hin belastbare und nachhaltige Kern einer CDU gehört? Man will doch nicht annehmen müssen, dass derartige Pauschaldiskreditierungsversuche des Parteivorsitzenden eine pure Phobie vor Vielfalt und Toleranz sein könnten. Und wie abwegig wäre der Gedanke, dass diese dumpfen Beschimpfungen eigener Leute und Wähler ein Akt der – freilich ungewollten und sicher ganz unbeabsichtigten – Hilfe für eine politische Partei seien, die vorgibt, eine Alternative zu sein.

„Mir sind Leute suspekt, die sich so nennen, sondern mir sind die lieb, die das Ganze jeden Tag leben“, sagte Laschet im Blick auf die christdemokratische WerteUnion. Man brauche keine WerteUnion. Der Satz fällt wie automatisch und ungebraucht auf Laschet zurück. Denn diejenigen, die viel von Respekt, Dialog und Vielfalt und auch Demokratie reden, können einem bisweilen schon etwas suspekt vorkommen. Glaubwürdiger sind jene, die das Ganze Tag für Tag leben – und im Praxistest nicht kläglich scheitern. Oder ist bekannt, dass sich der jüngst gewählte Parteivorsitzende – ganz im Sinne einer starken und fairen Union – mal wirklich informiert hat über die WerteUnion? Also selbst? Dass er einmal den Dialog gesucht hat? Dass er seine – durchaus zur Kritik fähigen, was ja kein Grund zur Panik sein sollte, wenigstens nicht für einen Demokraten – Leute einmal ernst nimmt und wissen will, was sie als Christdemokraten bewegt?

Nur ganz nebenbei: Mit der Laschtschen Logik, man brauche keine WerteUnion, würden auch parteiliche Gruppierungen wie FrauenUnion, Wirtschaftsrat der CDU, Christdemokraten für das Leben (CDL) und Lesben- und Schwulen-Union obsolet. Umgehend. Doch es ist wohl nicht anzunehmen oder zu befürchten, dass die Union diese „Sonderinteressen“ ausgrenzt, oder? Oder steht etwa die CDU Laschets nicht mehr insgesamt – eben auch – für die Anliegen der Frauen, der Wirtschaft, des Lebens und der Lesben und Schwulen? Sollen Frauen, Lebensrechtler, Unternehmer, Arbeitnehmer, Soziale und sexuell anders Orientierte etwa keine politische Heimat mehr in der Union finden können? Oder will man „nur“ Liberale und Konservative, will man Werte- und Freiheitsorientierte allen Ernstes zu politisch Heimatlosen machen? Vertreibung unter Laschet?

Es ist kaum zu übersehen, dass es in der Union in manchen Teilen eine panische Angst vor Vielfalt und Profil gibt. Auch das gehört zum Erbe der ewigen Raute, die aus dem Osten kam. Anders ist kaum zu erklären, warum beispielsweise die Kandidatur eines überzeugten Demokraten namens Maaßen, der nachweislich – im Unterschied zu anderen – nicht gelogen hatte und für seine politisch unpassende oder unerlaubte Ehrlichkeit gehen musste, innerhalb der Partei von manch Großkopfertem so perfide bekämpft wird, bis hin zum offensichtlichen Hass. Die Profil- und Toleranzphobie muss eklatant sein, wenn gar ganz oben sitzende CDUler bereits im Vorfeld der Kandidatur von Hans-Georg Maaßen quer durch die Republik telefonierten, um Gegner der demokratischen Kandidatur zu sammeln. Aber dann wurde der Kandidat mit großer Mehrheit gewählt – was für manche „Demokraten“ offenbar so störend ist, dass sie sich wünschten, diese Wahl müsse rückgängig gemacht werden. Da schießen sie nun nachträglich aus allen Rohren der Demokratieferne auf den Christdemokraten. Letztlich verweisen sie aber nur auf ihr eigenes Armutszeugnis und leisten einen für CDU, Demokratie und Freiheit fatalen Offenbarungseid.

Selbstverschuldet und erhobenen Hauptes unbeirrt ins Nichts? Es kann wohl kaum das erklärte Ziel sein, dass der Düsseldorfer Ministerpräsident aus Aachen in Berlin sich das einzigartige Label holen soll, der letzte Vorsitzende der CDU gewesen zu sein. Armin Laschet ist – im Sinne der Freiheit, der Demokratie und der Union – nur dringend zu wünschen, dass er sich befreit aus der Schlinge der falschen Ratgeber und jenes Potential der christlichen Weite zulässt, das in ihm schlummert – und das endlich zur Geltung kommen muss. Den Menschen in Deutschland zuliebe.  

Über Martin Lohmann 43 Artikel
Martin Lohmann studierte Geschichte, Katholische Theologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften in Bonn. Er war Redakteur der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur", Ressortleiter "Christ und Welt", stellv. Chefredakteur des "Rheinischen Merkur", Chefredakteur der Rhein-Zeitung und Moderator der Livesendung "Münchner Runde" von 1996-2002.