Corona-Chaos an deutschen Schulen

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»Digitalisierung« ist ein Schlagwort der deutschen Bildungspolitik. Kaum ein anderes hat je weniger Schlagkraft entfaltet, denn im internationalen Vergleich liegen deutsche Schulen weit zurück. Die Corona-Krise offenbart Digitalisierungs-Missstände, einige Alltagsbeispiele zeigen aktuelle Versäumnisse auf und weisen einen Weg, wie moderne Schule funktionieren kann. Unser Autor Andreas T. Sturm meint, dass eine umfassende Digitalisierung zwar teuer wird, weitere Versäumnisse allerdings der Gesellschaft weitaus teurer zu stehen kommen werden.

Corona-Chaos an deutschen Schulen

Die Corona-Krise hat die deutschen Schulen kalt erwischt. Es fehlt nicht nur an einer Vorbereitung für eine solche Krisensituation, deutsche Schulen haben selbst für den Schulalltag keinen umfassenden Digitalisierungsprozess durchlaufen. Ein Smartboard mit Beamer ist ein wichtiges Element, aber auch nur ein Element von vielen.

Digitaler Unterricht von zu Hause aus scheint im Zeitalter von Skype kein Problem zu sein. Das Gegenteil ist der Fall. Bei Instant Messengern wie Skype oder den Lernplattformen gibt es drei Kriterien: Praktikabilität, Kosten und Datenschutz. Kurzum: Die guten Systeme sind entweder teuer oder datenschutzrechtlich bedenklich, weil keine Server außerhalb Europas für schulische Zwecke verwendet werden dürfen. Die kostenfreien und datenschutzrechtlich unproblematischen Systeme sind meist nicht besonders gut.

Lehrkräfte haben in dieser Situation genug damit zu tun den Unterrichtsstoff zu organisieren. Die vielen rechtlichen und technischen Probleme, die man zentral lösen könnte, fressen unendlich Ressourcen.

Zielgerichtete Digitalisierung – kein digitales Feuerwerk

Indem Schule im Zeichen der Digitalisierung umfassend neu gedacht werden muss, bedeutet dies nicht, ein digitales Feuerwerk zu veranstalten. Digitalisierung als Selbstzweck kann schnell kontraproduktiv werden. Altgediente Methoden und Ausstattung gehören auf den Prüfstand, digitale Elemente müssen dann zielgerichtet und sinnvoll eingesetzt werden: als Ersatz oder ergänzend.

Den Lehrkräften kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, der Unterricht kann immer nur so gut sein wie die Lehrkraft, die ihn plant und durchführt. Ein bewusster Umgang mit Medien und Technik sorgt für einen Mehrwert. An drei Alltagsbeispielen möchte ich dies illustrieren.

Alltagsbeispiel 1: E-Schulbücher und Tablets

Stellen Sie sich vor, sie besuchen im Jahr 2020 einen Englisch-Leistungskurs am Gymnasium und schlagen ihr Lehrwerk auf. Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sie ein Kapitel zur Amtseinführung von Barack Obama finden. Obwohl sich der Kurs in Donald Trumps viertem Amtsjahr befindet, wird der aktuelle Präsident mit keinem einzigen Wort erwähnt.

Der Preis für die meisten Schulbücher liegt zwischen 25 und 40 Euro. Auch aktuell werden an Schulen Bücher angeschafft, die schon Jahre veraltet sind. In Fächern wie Politik und Wirtschaft (aktualisierte Auflagen ca. alle fünf Jahre) ist ein Buch schon mit dem Druck des Erstexemplars schon nicht mehr aktuell. Zusatzmaterialien der Schulbuchverlage sind hilfreich, die primäre Aufgabe von Schulbüchern ist es aber, für den Unterricht einsatzfähiges Material zur Verfügung zu stellen. Eine Lehrkraft kann unmöglich für jede Stunde Extramaterial suchen.

E-Schulbücher und Tablets für jeden Schüler würden Unterricht erheblich erleichtern und die digitalen Kompetenzen stärken. Die Kosten würden die jetzigen Ausgaben (zumindest bei Bundesländern mit Lehrmittelfreiheit) kaum übersteigen. E-Book-Lizenzen wären günstiger, man könnte das Geld für Schulcomputer sparen und ein Massenauftrag an einen Tablet-Hersteller würde für preisgünstige Schul-Tablets sorgen.

Herkömmliche »Schulcomputer« sind ohnehin vielerorts derart heruntergekommen, dass keine Lehrkraft und kein Schüler ein solches Gerät privat benutzen würde. Es ist eine bittere Tatsache, dass es die Smartphones der meisten Fünftklässler locker mit der Rechenleistung der meisten Schulcomputer aufnehmen können. Bei einem flächendeckenden Tablet-Einsatz ergeben Schulcomputer nur Sinn, wenn sie für Informatikkurse eingesetzt werden, die die Leistung der Tablets übersteigen.

Trotzdem darf die Wichtigkeit der Handschrift und der Rechtschreibung nicht außer Acht gelassen werden. Bücher sind nach wie vor wichtig, in Form von Lektüren, Wörterbüchern und Atlanten hätten sie noch einen festen Platz in der Schule. Außerdem hat die Kreidetafel immer noch eine wichtige Funktion und wird leider allzu oft komplett ersetzt. Witze über die »Kreidezeit im Klassenzimmer« unterschlagen den Wert, den das große Format der Tafeln für den naturwissenschaftlichen Unterricht oder Grammatikunterricht hat. Das ist ein gutes Beispiel, dass Bewährtes neben dem Neuen funktioniert.

Alltagsbeispiel 2: Lernplattformen

Lernplattformen sind essentiell für einen modernen Unterricht. Lehrkräfte können außerhalb des Unterrichts jederzeit Materialen hochladen und teilen, dazu auch noch papiersparend. Wichtige Dokumente sind immer abrufbereit, Schülerinnen und Schüler können Arbeitsaufträge einreichen. Außerdem wäre es hilfreich, wenn dort Videokonferenzen angelegt werden könnten. Wie bereits erwähnt, hakt es meistens an einem der drei Kriterien Praktikabilität, Kosten und Datenschutz. Nur hervorragende, zentral eingerichtete Systeme sind für die Erfordernisse eines modernen Unterrichts zu gebrauchen. Die Zeiten sind vorbei, in der ein Lehrer für drei Entlastungsstunden nebenbei das Schulnetzwerk pflegt.

Alltagsbeispiel 3: Schulorganisation

Als ich im Jahr 2011 ein Praktikum an drei englischen Schulen absolvierte, staunte ich nicht schlecht über die Anwesenheitserfassung. Abwesende Schülerinnen und Schüler wurden von der Lehrkraft sofort eingegeben und eine Minute später erhielten die Eltern eine Mail.

Ein Großteil der Unterrichts- und Schulorganisation könnte digital ablaufen: Abwesenheitserfassungen, Entschuldigungen für versäumten Unterricht, Anträge auf Unterrichtsbefreiungen, Elternrundbriefe, Elternbriefe für nichterledigte Hausaufgaben.

Seit Oktober 2016 können in Deutschland Verträge mit Mobilfunkanbietern oder Stromanbietern per Mail gekündigt werden. Es muss doch möglich sein in der Schule effiziente Arbeitsschritte einzuführen. Nicht zuletzt schafft dies Synergieeffekte und ermöglicht nachhaltige Arbeitsprozesse.

Wer an Investitionen in Bildung spart, zahlt später

Zweifellos sprechen wir bei einer umfassenden Digitalisierung im Bildungsbereich von einem Milliardenprojekt. Nicht-investiertes Geld ist nur für kurze Zeit gespart, die Gesellschaft wird für dieses Versäumnis zu einem späteren Zeitpunkt teuer bezahlen. Während sich Bildungspolitiker, Lehrer und Juristen darüber streiten, wie die Datenschutzverordnung an deutschen Schulen durchgesetzt wird, gibt es eine rasante Entwicklung von Industrie 3.0 zu Industrie 4.0. Die Schlagworte der Industrie 4.0 sind: Hightech-Forschung, (weltweite) Lernfabriken, Smart Factory, künstliche Intelligenz und kognitive Systeme.

Glauben Sie, dass die momentane Schullandschaft dafür gerüstet ist? Ich nicht. Wir benötigen eine umfassende digitale Neuausrichtung deutscher Schulen. Umfassend. Praktikabel. Intelligent. Nicht weniger als das.

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