Das Leben in Zeiten der Pest – Oder, was können wir aus dem Pestjahrhundert lernen?

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Wir wissen spätestens seit Voltaire, Geschichte wiederholt sich nicht, aber die Fehler, die Menschen machen, sehr wohl. Das dramatische 14. Jahrhundert, welches die Historikerin Barbara Tuchmann in ihrem Fulminanten Werk „Der ferne Spiegel“ beschreibt, ist einerseits von den in ihm herrschenden Lebensbedingungen so verschieden, dass man von einer fremden Zivilisation sprechen kann, andererseits sind uns viele der dort herrschenden Verhaltensweisen so vertraut, dass man sich des Gedankens, es handle sich um menschliche Konstanten, nicht erwehren kann.

Liest man, das 14. Jahrhundert wäre von wirtschaftlichem Chaos, sozialen Ungewissheiten und Unruhen, Profitsucht, Niedergang der Moral, industrieller Stagnation, frenetischer Vergnügungssucht, Luxus, gesellschaftlicher Hysterie, Habgier. Geiz und Misswirtschaft geprägt gewesen, so fühlt man sich ins Europa unseres Jahrhunderts versetzt.

Was das 14. von unserem Jahrhundert fundamental unterscheidet, ist die Tatsache, dass diese verwirrte, von Seuchen, Krieg und frühen Tod gepeinigte Zeit die wunderbarsten Kunstwerke hervorgebracht hat, deren Meisterschaft bis heute sprachlos macht. Die Zeitgenossen aus dem 14. Jahrhundert würden uns, könnten sie uns in unserer Alltagskleidung begegnen, als Bettler ansehen.

Europa war vor dem 14. Jahrhundert eine Einheit, sozusagen eine EU ohne Brüssel. Die Universitäten hatten Studenten aus allen Teilen des Kontinents, Ehen wurden über Gebietsgrenzen (Länder im heutigen Sinne gab es noch nicht) hinweg geschlossen, Handwerksburschen wanderten in alle Richtungen, um ihre Ausbildung zu vervollständigen. Das örtliche geprägte Geld wurde überall anerkannt.

Die Ritter und ihr Gefolge waren die damaligen Anywheres. Der Hauptheld in Tuchmanns Historie, Enguerrand III de Coucy, ein vermögender Ritter aus der Picardie, reiste so viel in Europa hin- und her, dass man sich fragt, wie er es schaffen konnte, sich um seine Burg, die ausgedehnten Besitzungen und um seine Ehefrauen zu kümmern. Die Somewheres waren dafür da, die Lebensgrundlagen für die Gesellschaft herzustellen und immer neue Steuern zu zahlen, hauptsächlich für die vielen Feldzüge und anschließend für das Lösegeld, um die gefangenen Ritter freizukaufen, aber auch für die opulenten feste der Herrschenden, deren Beschreibung man mit ungläubigem Staunen liest.

Die Greta des 14. Jahrhunderts hieß Katharina von Siena. Sie mahnte Herrscher und Volk ununterbrochen, ihr sündhaftes Tun aufzugeben, kasteite sich vorbildlich selbst, bis sie schließlich an den Folgen ihres exzessiven Fastens starb. Das Gift der Eigensucht zerstöre die Welt, war ihr Credo. Damit lag sie nicht falsch. Vor ihren Augen zerfiel die alte Weltordnung. Das mächtigste Symbol dafür war das Kirchenschisma, die Herrschaft zweier Päpste, einer in Rom, der andere in Avignon, die Europa zerriss.

Ebenso verheerend war der hundertjährige Englisch-Französische Krieg, der große Gebiete Frankreichs verwüstete, sodass man sich fragt, wie die Mittel für die außerordentliche Prachtentfaltung der Herrschenden aufgebracht werden konnten.

Die dritte Geisel war die Pest, die in drei Wellen aus China kam. Die erste Welle, mit den meisten Todesopfern, erfasste vorwiegend ältere Menschen. Die zweite Welle, zehn Jahre später, wurde als fürchterlicher empfunden, obwohl es weniger Opfer gab. Aber diesmal waren es die Jungen, die dahingerafft wurden. Die dritte Welle ging dann glimpflicher ab, weil man gelernt hatte, strenge Quarantänen einzuhalten, die Toten sofort aus den Siedlungen zu schaffen und zu begraben. Am Ende war mehr als die Hälfte der Bevölkerung Europas tot, eine Delle, die erst nach über hundert Jahren wieder ausgeglichen wurde.

Vielleicht, so Tuchmann, war das 14. Jahrhundert von einer Art kollektiven Wahnsinns befallen.

Wenn ein aufgeklärtes Eigeninteresse das Kriterium geistiger Gesundheit sein sollte, dann sei keine Epoche wahnsinniger gewesen, als diese. Das bringt uns zu der Frage, wie Tuchmann die Gegenwart einordnen würde, in der, mindestens in Deutschland das Eigeninteresse keine Rolle mehr spielt und die Fremdinteressen zur ultima ratio politischen Handelns erklärt werden.

Das Kirchenschisma war ein Hauptgrund für den Zerfall der alten Weltordnung, aus der Kirche kam aber auch die Grundlage des Neuen. Der eifrige Prediger gegen das Papsttum John Wyclif proklamierte die Lehre von der „Macht allein durch Gnade“, der zufolge Gott selbst jede Autorität direkt verleiht. Damit bestritt er den politischen Machtanspruch des Papstes und vertrat die völlige Unterordnung der Kirche unter den Staat. Mehr noch: „Jeder Mensch, der gerettet sein soll, soll durch sein eigenes Verdienst gerettet sein“. Die Übertragung der erlösenden Kräfte des Glaubens von der Kirche auf das Individuum war der Beginn der modernen Welt.

Die Krankheit der Herrschenden war nicht nur die Überschätzung ihrer Macht, die Ritter scheiterten auch an ihrem Unwillen, ihre Kampfmethoden weiter zu entwickeln. Sie lehnten es ab, Bogenschützen im Kampf einzusetzen, oder wenn, nur in den hinteren Reihen, wo sie so gut wie wirkungslos blieben. Die einzige Neuerung, die sich durchsetzte, war eine Verstärkung ihrer Rüstung, um sie undurchdringlicher für die feindlichen Pfeile zu machen. Das hatte aber die fatale Nebenwirkung, dass die Rüstungen so schwer wurden, dass die Ritter ihre Schwerthand nicht mehr frei führen konnten, oft einen Herzinfarkt bekamen und im Kampf von einem Pagen gestützt werden mussten, denn wenn sie hinfielen, konnten sie nicht mehr aufstehen.

So verloren die Ritter trotz allen Kampfesmutes eine entscheidende Schlacht nach der anderen. Zuletzt gegen Sultan Bajasid. Als die Kreuzfahrer vor der befestigten türkischen Stadt Nikopol ankamen, stellten sie fest, dass sie keine Belagerungsmaschinen mitgeführt hatten. Das Geld war für Ihre Ausstattung in samt, Seide und Goldstickerein draufgegangen. Diese Sucht nach Luxus war gepaart mit mangelnder Moral und fehlender Einigkeit der Hauptgrund für die katastrophale Niederlage. Ihr Sieg in Nikopol etablierte die Türken in Europa für die nächsten 500 Jahre.

Das System der Ritterlichkeit zerfiel und machte einer Zeit der Verantwortungslosigkeit Platz. Verhaltensmaßregeln wurden kraftlos, Institutionen zerfielen. Die Menschen fühlten sich wie Treibgut in einer Welt ohne Sinn und Richtung.

Der Zerfall von Gesellschaften geht so langsam voran, wie der von alten, berühmten Gebäuden. Es ist ein kaum merklicher Prozess, denn die Fassade hält am längsten.

Viele Probleme des 14. wurden ins 15. Jahrhundert verschleppt. Und dann kam der Mut der Erneuerung, zu dem die Alten nicht mehr fähig waren, aus einer ganz unerwarteten Ecke der Gesellschaft – von einem Dorfmädchen, Jeanne d´Arc- aber das ist schon eine andere Geschichte.

Quelle: Vera Lengsfeld

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