Dem Ohre zur Ergötzung – Europäische Wochen Passau 2019: Musikalisches Highlight-Wochenende in prunkvollen Barock-Kirchen

Festival-reife Solistinnen bei G. F. Händels „Messiah“ in Österreichs einziger Trappistenkloster-Kirche Engelhartszell: Susan Zarrabi (Alt) und Marie-Sophie Pollak (Sopran)

Von wegen knappe 3 Stunden. „Beethovens große Musikalische Akademie“ dauerte – von 19.30 Uhr bis 23.20 Uhr – am 2. EW-Festival-Wochenende so (und also viel zu) lange, dass sich die Reihen in der St. Michaelskirche nach der 2. Pause merklich lichteten. Sogar mit den Promis Reiner Kunze und Heinrich Oberreuter, der immerhin Festival-Kuratoriumspräsident ist. Die fehlten, als Dirigent Jonathan Cohen die die fulminante Nationale Kammerphilharmonie Prag mit Ludwig van Beethovens herrlich kurioser Erster zum krönenden Abschluss eines Mammut-Konzertabends führte – und das mit ungebrochener Energie und purem Spürsinn für eine ansteckend wirkende erlesene Mischung aus Seria-Dramatik und jugendlichem Überschwang, die von Anfang an den Abend bestimmten. Kunze, Obereuter & Co verpassten denn auch den zweiten bejubelten Auftritt des jungen Ausnahme-Pianisten Kristian Bezuidenhout mit Beethovens beiden ersten Rondos op. 51 und die damit kaum je erlebte Total-Annäherung der beiden Super-Wiener Klassiker Ludwig und Wolfgang Amadé.

Mit Mozarts fein austarierter, Macht- und Kraft-Momente herausgearbeiteter  „Jupiter“-Symphonie ließ Carsten Gerhard, Künstlerischer Leiter der EW, sein ehrgeiziges Projekt, Beethovens erste öffentliche Wiener „Große Musikalische Akademie“ vom 2. April 1800 in noch nie gekannter Fülle und Finesse am 21. Juli 2019 nach Passau zu zoomen, anheben. Der von Cohens dirigentischer Glut und Bezuidenhouts brillant-brisanter Interpretation von Beethovens Klavierkonzert Nr. 1 zu solitärem musikalischen Glanz gefinkelte Abend bot jedoch noch ein tonales Bonbon allersüßester Güte: das Beethoven-Septett Es-Dur op. 20, wie es Mitglieder des vor 95 Jahren gegründeten „Tschechischen Nonetts“ darboten. Da waren vielleicht die beiden Einschübe aus Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ mit Judith Spießer („Nun beut die Flur …“) und Peter Schöne („Holde Gattin …“) nichts mehr – aber auch nicht weniger – als leckere Zugaben, die dem „Ohre zur Ergötzung“ dienten.

Auch wenn in EW-Werbung und Programmheft „Der Messias“ von G. F. Händel als großes geistliches Werk für den Sonntagabend angekündigt war: Das bejahrte und noch immer beliebte Oratorium von 1741 wurde in der Stiftskirche von Engelhartszell im englischen Original gesungen. Dirigent Martin Steidler entschied sich dafür. Gern hätte man von ihm, der der glanzvollen Aufführung seinen ganz eigenen Stempel als kraftvoll-missionarischer Anwalt der musikalisch expressiv erzählten, alttestamentlich unterfütterten Christologie aufdrückte und das hingebungsvolle Heinrich-Schütz-Ensemble Vorbach mit dem meisterlichen Barockorchester L`arpa festante wundervoll zusammenführte, erfahren: Hat er Händels Umarbeitungen, hat er Helmut Rillings kritische Edition mit den überlieferten Alternativ-Fassungen der solistischen Sätze berücksichtigt? Wie begründet er den unerwarteten Hiatus nach Nummer 31? Der spontane Kaltscher nach dem fürwahr majestätisch gesungenen und Händel-gemäßen Christus-Hymnus „He is the King of Glory“ kann`s doch nicht gewesen sein, dass man in die Pause durfte, um sich ein Flascherl Trappistenbier zu genehmigen. Egal – man war Zeuge einer denkwürdigen, wohllautenden, herrlich starken und dem den Blick auf die erlesenen Mitwirkenden verwehrenden viel zu hohen Kirchengestühl zum Trotz bejubelten „Messiah“-Aufführung. Alle Ehre dem Solisten-Quartett: Marie-Sophie Pollak mit engelsgleich-hellem Sopran, Sausan Zarrabi mit bestechend-dunklem Alt, Hans-Jörg Mammel mit technisch sauberem Tenor und einem Bass, der, längst an der Bayerischen Staatsoper und bald in Salzburg ein Festspiel-Stern, die „trompet“ so markant, aber erlösungsbereit erschallen ließ, dass man seine eigene Auferstehung gern erwartet: Tareq Nazmi. Bayreuth abgeschaut, lenkten drei Nachwuchs-Trompeter zum Auftakt den Blick auf das vom triumphalen D-Dur-Geschehen getragene, vom Komponisten der „Ehre Gottes devot“ gewidmete Opus. „Halleluja!“

Foto: Hans Gärtner

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Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 326 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.