Der Stoff, aus dem Geschichten sind : Otfried Preußler und sein Werk – von Akademikern unter die Lupe genommen

Das hätte Otfried Preußler, der im Februar 2013 im Alter von knapp 90 Jahren in Prien am Chiemsee starb, gut gefallen: ein praller Band mit Texten zu Person und Werk ausschließlich aus der Feder von Akademikern. Preußlers Bescheidenheit ging beileibe nicht so weit, dass er absehen wollte von einer literaturtheoretischen Auseinandersetzung mit seiner literarischen Produktion. Er wusste sehr wohl, was er konnte – die Kinder in Bann schlagen mit seinen aus dem Heimatlichen und Volksnahen geschöpften Figuren, die er in Stoffen zu abenteuerlichen und humorvollen Handlungsträgern machte, die Herz und Gemüt selbst kindlich gebliebener Erwachsener aufs Beste unterhielten. In seinem ihn mit hohen Buchauflagen und Übersetzungen, Verfilmungen und Mediatisierungen feiernden Heimatland brachte er es nicht zu akademischen Ehren; da musste das Nachbarland Österreich her, ihm den Professorentitel zu verleihen. Auf den war Preußler stolz – daraus machte er keinen Hehl. Das soeben erschienene Buch, das Preußler als Schriftsteller würdigt und sein immenses Werk von allen nur denkbaren Seiten beleuchtet und analysiert, trägt einen eingängigen Haupt- und einen weniger gut verständlichen Untertitel. „Der Stoff, aus dem Geschichten sind“ (Shakespeare lässt grüßen) weist trefflich ins erzählerische Werk Preußlers, der sich selbst gern, in der eben erwähnten Bescheidenheit, als „Geschichtenerzähler“ einstufte, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Mit dem Begriff „Intertextualität“ kann nur der Insider etwas anfangen. Er stammt aus der strukturalistischen Literaturtheorie und besagt etwa, „dass kein Bedeutungselement – kein Text also – innerhalb einer kulturellen Struktur ohne Bezug zur Gesamtheit der anderen Texte denkbar ist“. So Wikipedia.
Auf der Frühjahrstagung der „Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur“ im Städtchen Volkach/Main sollte deren Gründungsmitglied Otfried Preußler geehrt werden. Elf „Weise“ hielten Vorträge und brachten diese in den von Kurt Franz (Ehrenpräsident der Akademie) und Günter Lange sorgfältig edierten Sammelband ein. Gedacht ist der teils bebilderte Reader mit Anmerkungen und Quellenangaben für Leser, die sich, aus neuester Sicht der Forschung, des Werks eines der großenzeitgenössischen Kinderbuchautoren vergewissern möchten.
Leben und Werk des zu Ehrenden durchforstet eingangs akribisch und beflissen Günter Lange auf 30 Seiten des 260 Seiten umfassenden Bandes. Darauf folgt die gut lesbare Wiedergabe der für die Drucklegung überarbeiteten Referate und Arbeitsgruppen-Berichte. Verzichtet werden musste auf den Einbezug der vielen „Krabat“-Verfilmungen; stattdessen wurde das breite inhaltliche Spektrum um den Beitrag einer Expertin über die Rolle Preußlers in der Kinderliteratur der 1950-er Jahre und um Kurt Franz` höchst bemerkenswerte Erkenntnisse zu Otfried Preußlers Rübezahl-Sammlung.
Kritische Blicke richten Universitätslehrer, Germanisten und ein Illustrator auf Preußlers Verhältnis zur Volksliteratur, auf die Figuren des Riesengebirgs-„Herrn“ Rübezahl, des sagenumwobenen Müllerburschen „Krabat“ und seiner Vor-„Dichter“ Jurij Brezan und Merzin Nowak-Njechornski, der „kleinen Hexe“ und des seit 2012 farbig gezeichneten „Räubers Hotzenplotz“. Einige Beiträge beziehen sich auf den Literaturunterricht, einer stellt den Stuttgarter Lieblingsverlag des Haidholzner Autors vor. Erich Jooß überrascht in seinem Beitrag über noch zu entdeckende „religiöse Elemente“ in Preußlers Werk, die keineswegs auf den Roman „Die Flucht nach Ägypten“ beschränkt bleiben.
Das hier anzuzeigende Buch setzt einen Schluss-Stein unter den Berg bislang erschienener Auseinandersetzungen mit dem Werk des in der Nähe von Rosenheim ansässig gewordenen geborenen Nordböhmen, der immer wieder seinen Vater Josef Preußler und seine Großmutter als die für sein schriftstellerisches Schaffen entscheidenden Schlüsselfiguren herausstellte. Weder diese noch der von ihnen Angeregte sahen vermutlich das „komplexe Beziehungsgeflecht“, mit dem wir es – ob unsere Kinder und wir Großen –, den Eruierungen der Volkacher Akademiker zufolge, beim „Kleinen Wassermann & Co.“ zu tun haben.

Das Buch
„Der Stoff, aus dem Geschichten sind. Intertextualität im Werk Otfried Preußlers“, herausgegeben von Kurt Franz und Günter Lange, 261 Seiten, Abbildungen, 22 Euro, Schneider Verlag Hohengehren2015, Band 44 der Schriftenreihe der „Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur“, ISBN 9783834014719

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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