Die Ästhetik der Roten Wolken

Zahlen und Mathematik: Andere Dimensionen der Krise: Apokalyptiker & Integrierte – Gedanken in der Pandemie

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„Mit Statistiken kann ich alles beweisen, nur nicht die Wahrheit. Laut Statistik haben ein Millionär und ein armer Kerl jeder eine halbe Million“
Franklin D. Roosevelt (US-Präsident 1933-1945)

„Wir kriegen vieles im Moment zu wenig erklärt.“ 
Markus Lanz 

Bin ich paranoid, wenn mir zur Zeit dauernd George Orwell in den Sinn kommt? Aber wenn am Mittwochabend statt der vorab angekündigten und eingeforderten „Exit-Strategie“ der bislang nur bis zum 19. April geltende Ausnahmezustand verlängert wird, dann melden einige, wie der Deutschlandfunk, zutreffend „Verlängerung des Ausnahmezustands bis mindestens zum 3. Mai“. Bei anderen, wie dem MDR oder dem NDR aber heißt die Verlängerung des Ausnahmezustands jetzt „schrittweise Lockerung der Corona-Regeln“. Auch der Ausdruck „Kontakteinschränkung“ klingt nicht nur bürokratischer, sondern auch freundlicher, als Berührungsverbot, oder Versammlungsverbot. 
Aber auch derartige Sprachpolitik kann nicht über den schweren Kater hinweghelfen, den die unerwartet herben Ankündigungen der Bundesregierung hinterlassen haben. Kein bisschen Exit, kein bisschen Normalität. Bleierne Enttäuschung senkt sich über die Republik. 

Ein Wolf, der Kreide gefressen hat – es war ein interessanter Auftritt von Markus Söder im „Heute-Journal“ am Dienstag. Wie Söder das gespielt hat, war bewundernswert: Er ließ sich nicht provozieren, wollte ruhig, heiter, unprovokativ klingen. Unerwartete Hilfestellung gab es dazu von Moderatorin Marieta Slomka, die überraschend handzahm fragte, und Söder stellenweise geradezu Stichworte gab. Beide warfen sich gegenseitig die Bälle zu. Ping-Pong. „Wir müssen über die Schulen reden“ sagte Söder, Ping! „Genau“ pflichtete Slomka dem CSU-Mann bei, Pong!
Respekt gebührt Söder also nur für die Disziplin, mit der er dieses Interview führte. Und dafür, wie er in der Sache mit Links einmal mehr Armin Laschet ausgebremst hat. Auch wenn es einigen hier nicht gefallen mag, aber es geht bei der ganzen Corona-Chose natürlich auch um die Konkurrenz der zwei wichtigsten Ministerpräsidenten der Republik in der Frage der Unions-Führerschaft. 
Mich wundert, dass man da Söder so gewähren lässt. Am Tag danach dann kam er auch in der Sache mit allen Sonderwünschen durch: Auch in der Pandemie brutzelt sich Bayern munter eine fette Extrawurst. Erst ab dem 27. April, also eine ganze Woche später als im Rest der Republik, werden Läden mit einer Verkaufsfläche von bis zu oder unter 800 Quadratmetern öffnen.

Eine zweite Beobachtung: Donald Trump gegen die WHO. Wochenlang hat man die WHO wie ein rohes Ei behandelt, wer sie kitisierte, war ein Verbündeter des Virus. 
Dann kommt der Joker aus dem Weißen Haus und plötzlich kommentiert jede Zeitung: Jaja, das ist eine übertriebene Reaktion von Trump, aber ganz falsch ist die Kritik an der WHO ja nicht … Und dann wird aufgezählt, wo die WHO in den letzten Wochen irgendetwas gesagt hat, was sich später als falsch herausstellte. 
Warum zum Teufel braucht es diesen Quatschkopf, damit in den Medien auch mal kritisch über die WHO geschrieben wird?

Heute müssen wir rechnen. Wer gerade keinen Taschenrechner zur Hand hat, oder ihn auf seinem Computer nicht findet, der kann sich hier oder hier weiterhelfen, um meine Berechnungen zu überprüfen. Für Prozentberechnungen verwende ich immer diesen Prozentrechner, der es erlaubt, richtig blöde Frageformulierungen einzugeben, wie etwa: Wieviel Prozent von x ist y? 
Für Statistiken ist natürlich das statistische Bundesamt eine wichtige Quelle, aber auch „Statista“ ist eine wichtige, seriöse Quelle. Wenn es über Deutschland hinaus geht, dann geht aus meiner Sicht nichts über den „Worldometer“, den ich hier schon mal verlinkt habe. Der „Worldometer“ gefällt auch durch sein spielerisches Element und eine Dauerbewegtheit. Veränderungen geschehen hier in Echtzeit. Die Zahlen sind hier, wie das Leben, im dauernden Fluß. Und es sind Wahnsinnszahlen: Dass (alles Momentaufnahmen) nur allein heute auf der Welt über 290.000 Menschen geboren wurden, und demgegenüber 123.000 Menschen starben, die allermeisten nicht an Corona, das macht mich persönlich glücklich. Und führt zu Gedanken wie dem, dass man diese Dauerbesessenheit vom Corona-Thema, die klarerweise auch in der Natur dieses Blogs liegt, auch einmal, lassen könnte; oder dem dass tatsächlich alles noch nicht mal halb so schlimm ist angesichts des Universums, des Sternenhimmels über uns, und der Natur, die wir doch sonst auch so lieb haben. 
Ja: Menschen sterben. Auch an Corona. So what? 
Das soll nicht heißen, dass das alles egal ist. Jeder Einzelfall ist schrecklich, oder eben (wenn jemand genesen ist) wunderschön. Nur angesichts des Großen, Ganzen, macht beides nicht viel aus. 

Hierin liegt das Trügerische von Statistik. Sie lenkt vom Einzelfall ab, relativiert. Regierungen aber, und Beamte und Ärzte müssen vom Einzelfall abgelenkt handeln. Sie müssen Verhältnisse, Dinge, auch Menschenleben abwägen, gewichten, einander gegenüberstellen. Das dürfen wir nicht vergessen. 
Würden sie sagen: „Jeder Mensch zählt“ und danach handeln wollen, dann würden sie viel Unheil anrichten. Wen sie überhaupt handeln könnten.

Während ich die letzten Sätze geschrieben habe, gibt es auf dem Worldometer schon wieder 1.000 Tote mehr. 
Dort steht auch, dass es 2020 schon über 17 Millionen Tote gab. Aber über 40 Millionen Geburten. Nur heute wurden weltweit über 11 Milliarden Dollar für das Gesundheitswesen ausgegeben. Nur heute! Aber nur 8 Milliarden für Bildung. Auch nur heute. 
Ist dieses Verhältnis richtig? Sollten die Ausgabenverhältnisse nicht andersherum sein? Oder wenigstens einander angeglichen? 
Auf Zahlen folgen Fragen. Und Berechnungen. Und Zahlenvergleiche. Und zwar ganz andere, als die, auf die man nach einer Politikerrede kommt oder einer Talkshow, selbst wenn es die sehr gute von Markus Lanz ist. 

Fast 23 Millionen Autos wurden 2020 bis jetzt schon produziert. Nur heute (!) wurden 5 Millionen Handys verkauft. Soviel zum Klima. 
Nur heute und nur in den USA wurden über 150 Millionen Dollar für Abnehmprogramme ausgegeben. 

Sie wirken wie perverse Fußballtabellen, diese Coronastatistiken mit ihren Todeszahlen, ihren Messungen der Genesenen und Infizierten. 
Die Ästhetik der roten Wolken die sich über schwarz-graue Weltkarten verbreiten, verbindet die erstaunlich hellsichtige Netflix-Serie „Pandemic“ mit der Darstellung auf der Seite der Johns Hopkins University. Wem ist das schon aufgefallen: Wie die Seite sich im Aufbau verändert? Und wo sie inkonsequent ist? Auf der Seite liest man zum Beispiel links in Rot bei den Infizierten die USA an erster Stelle. Dann Spanien, dann Italien, dann Deutschland. Auf der ersten Tabelle der rechten Seite aber, wo in Weiß „Total Death“ die Toten aufgelistet sind, da steht an erster Stelle Italien, dann Spanien, dann Frankreich. Obwohl doch jeder weiß, dass die USA mit (zur Zeit) über 33.000 Opfern die meisten Toten haben. Aber die USA kommen in dieser Tabelle nicht vor, stattdessen unterscheidet man New York, Chicago, etc. Man stelle sich vor, man würde die Zahlen aus Italien nach Rom, Mailand, Genua, Bergamo differenzieren. Das ist statische Täuschung und Augenwischerei, am Rande des Betrugs – und zu Gunsten der USA. Denn man kann sich das nur so erklären, dass die USA nicht auf der Hitliste des Todes ganz oben stehen sollten. 
Dafür hat Johns Hopkins die frühere zweite rechte Tabelle der Genesenen jetzt unter die der Toten gebettet. Warum? Vielleicht weil China hier ganz oben steht? Die USA unter ferner liefen?
Dafür listet man die „Total Tested“ auf (was nichts sagt, denn wir wissen nicht, wer mehrfach getestet wurde, wer postiv, etc.) Aber hier nun stehen die ganzen US-Bundesstaaten weit oben. 
Auch Statistiken wollen gelesen werden. 

Die täglichen Infizierten- und Todeszahlen werden gemeldet wie Frontberichte in einem merkwürdigen Krieg, einem „Drole de Guerre“ gegen einen unsichtbaren Feind. Gegen Aliens.
Was nach den Zahlen von der Corona-Front nicht gemeldet wird, auch das ist wie im Krieg, das sind die Kosten. Die ganz konkreten, materiellen, finanziellen.

Ein Leser bittet mich auf Facebook um eine „verständliche und persönliche Antwort“, ob ich denn finde, man müsste um die Bürgerrechte und Bürgerfreiheiten zu wahren, die Pandemie-Einschränkungen und Ausgangssperren lockern, ob ich finde, dass das dramatisiert wird, und wir (Zitat!) „alle unnötig Wind um ein paar Zehntausend Tote machen“.
Meine Antwort dazu lautet: Wenn (wenn!) die Experten recht haben, dann dramatisieren wir tatsächlich gewaltig. Denn dann haben wir keine verlässlichen Zahlen, und dann sind die Verhältnisse schwer vergleichbar. Ein Beispiel: In Italien sind die Zahlen schlimm, obwohl dort sehr früh sehr harte Ausgangssperren verhängt wurden. Daraus folgt, dass harte Ausgangssperren keineswegs automatisch hohe Todesraten verhindern oder „die Kurve“ schnell abflachen lassen. 
Zugleich ist klar: Fast alle, die in Italien sterben, sind über 70, oft über 80 Jahre alt. Die Menschen dort sterben aber im Schnitt ohne Corona zwischen 75 und 80 Jahren. In Frankreich und USA liegt die Lebenserwartung dieser Generation noch niedriger. Das heißt: Es ist normal, dass ein bestimmter Teil infizierter Leute jetzt stirbt. Nicht schön, aber Teil des Daseins, „Lebensrisiko“ wie es der Ethikrat nennt.
Es ist auch normal, dass in New York unter diesen Umständen besonders viele sterben, weil dies eine dichte Metropole ist. Im Mittleren Westen wird es anders sein (und dies ist übrigens eine persönliche Angst in Bezug auf die US-Wahlen: Weil dort die Zahlen niedriger liegen, wird Trump behaupten, das liege an seiner großartigen Politik. Zudem werden Evangelikale die niedrigeren Zahlen im Bible Belt auf dessen Gottesfürchtigkeit zurückführen, die hohen Zahlen im „Sündenbabel“ New York auf dessen „Amoral“. Das wird Trump helfen).
Die schlechteren Verhältnisse der Krankenhäuser tun in Italien ein Übriges um die dortige Sterbequote zu erhöhen. Sie liegt aber auch dort nur bei 4 Prozent oder darunter – trotz medienwirksamer Leichenwagenbilder. 

Darum geht es. 
Also ja, wenn man es so ausdrücken möchte: Wir machen alle unnötig Wind um ein paar Zehntausend Tote.
In Deutschland haben wir im Jahr über 3.000 Verkehrstote. Verbieten wir deshalb das Autofahren? Tun wir wenigstens ernsthaft etwas gegen die hohe Geschwindigkeit, die viele Menschenleben kostet? 
Alles eine Frage der Perspektive.
In Deutschland sterben ohne Corona täglich 2.616 Menschen. Was ist mit denen? Was ist mit den langfristigen Opfern des Ausnahmezustands? Mit denen, die nicht sterben, aber in der geschlossenen Psychiatrie landen? 
Schwerer messbar, denn das sind keine guten Bilder für die „Tagesschau“. So wie die Toten der „Dritten Welt“. 
Daher hätte ich mir gewünscht: Nicht nochmal 14 Tage so wie jetzt. Sondern ein zügiges Ende der Ausgangsbeschränkungen, alle Schulen sofort wieder auf, alle Geschäfte und Lokale in Schritten, zuerst die kleinen. 
Auch Fußballstadien, Kinos und ähnliches aufmachen, aber erstmal nur für 30 Prozent mit gesichertem Abstand. 
Denn schließlich gilt, und das vergessen wir andauernd: Je mehr infiziert sind, um so schwerer hat es das Virus, andere zu infizieren. 

Ich finde es zynisch, nicht über den Tellerrand zu schauen – also weder die nicht-westlichen Länder zu sehen, noch anzuerkennen, dass es auch noch andere Probleme gibt, als Corona. 
Das heißt nicht, dass es schön ist wenn Menschen sterben. Aber sie sterben. Auch ohne Corona. Im Schnitt in Deutschland 2.616 täglich, davon täglich 140 an atemwegsbedingten Krankheiten. Ohne Corona. Zur Zeit sind über 99 Prozent aller Deutschen nicht infiziert. Die Chance, dass Menschen unter 70 an Grippe sterben, ist höher, als dass sie an Corona sterben. Auch 87 Prozent aller Menschen über 80 Jahre überleben eine Corona-Infektion – und da sind die Zahlen aus China, Italien, Spanien eingerechnet, d.h. in Deutschland sind die Chancen wohl noch besser. Auch für die über 80-jährigen. 
Medizinstatistiker rechnen vor, dass jetzt Menschen „an Corona“ sterben, die sowieso zur gleichen Zeit gestorben wären, zum Beispiel an Alter, Herzschwäche, Demenz, etc. Ich möchte die Gefährdungen in ein Verhältnis mit anderen Gefahren stellen. Was ist mit denen, denen jetzt die Chemotherapie verweigert wird? Die Psychotherapie? Die Abtreibung? Wer gewichtet, welche Opfer gerechtfertigt sind? Nach welchen Kriterien? Man könnte auch sagen: Jetzt sterben gerade weniger Menschen im Straßenverkehr, weil es weniger Verkehr gibt. Der Vergleich ist nicht von mir – das macht aber bei über 3000 Verkehrstoten pro Jahr, bei über 1,3 Millionen weltweit, schon einiges aus.
Wenn ich das jetzt schreibe, heißt es nicht, Corona sei harmlos. Es heißt: Gefahren gehören zum Leben, viele tagtägliche Gefahren machen wir und nicht klar. Corona wird im Verhältnis dazu gerade überschätzt, weil es medial dauerpräsent ist. Und ich weiß, dass mir jetzt gleich wieder irgendwer die Verhältnisse in Italien vorhält, als ob die Probleme dort etwas mit Unterschätzung der Krankheit zu tun gehabt hätten. 
Alle Zahlen vom statistischen Bundesamt, keine Fake News.

Nehmen wir die Idee, dass die Reproduktionszahl des Virus nicht über 1 liegen darf, wörtlich, dann bedeutet dies Folgendes: Pro Tag 2.500 neue Fälle, das sind knapp eine Million im Jahr, mit Dunkelziffer vielleicht zwei bis drei Millionen. Herdenimmunität ist bei 50 bis 60 Millionen Infizierten erreicht. Also grob in 20 bis 25 Jahren. 
Damit ist das Konzept der Reproduktionszahl 1 schon jetzt gescheitert. Nicht aber das der Herdenimmunität. Denn die könnte schneller erreicht werden. Genau mit der ursprünglich auch von der Bundesregierung vertretenen Idee, Schüler und junge Menschen schnell zu infizieren. Sie wären dann bald danach immun. 

Eine fortdauernd debattierte Frage ist, wie viele Tests durchführbar sind. In diversen Papieren wird gerade das Ziel formuliert, täglich 500.000 Tests durchführen zu können. Sobald diese Kapazitäten geschaffen sind, sollen Symptomträger und Kontaktpersonen immer getestet werden, Personen in besonders gefährdeten Bereichen wie Pfleger in kurzen Abständen. 
Bei dieser Zahl würden 1 Million Menschen in zwei Tagen getestet, nach 20 Tagen 10 Millionen, in 160 Tagen alle 83 Millionen Deutschen. 
Ein Test kostet etwa 100 Euro, das macht 8,3 Milliarden Euro Kosten allein für die Tests der Gesamtbevölkerung. Nicht eingerechnet, dass viele mehrfach getestet werden müssen, jene, die einmal infiziert waren allerdings nicht mehr.

Wieviel kostet diese Krise eigentlich? Und wer bezahlt die Kosten? Und wofür wird das Geld ausgegeben? Diese Fragen sind schwer, wenn überhaupt, zu beantworten. 
Und zwar nicht so sehr, weil alles im Fluss ist, sondern weil es schwer ist, selbst für eine Momentaufnahme alle Zahlen zu bekommen, und verlässliche Zahlen. Und bei den Zahlen, die ich bekommen kann, sind Widersprüche offenkundig. 
Die „Tagesschau“ meldete bereits Ende März, Corona könnte Hunderte Milliarden Euro kosten. Dazu gleich morgen mehr. 

Erschienen auf https://out-takes.de

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