Die Möwen fliegen tief – Ein Lagebericht aus Italien zur Coronakrise

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2. April 2020: Wir sind immer noch zu Hause eingesperrt. Seit genau vier Wochen.

Neuartige Situation.

Wie fühlen wir uns? In der Schwebe, desorientiert, gefangen in einer schützenden Haut, in unserem Zuhause, dem Ort, den wir mögen, weil es der Ort unseres wiederholten nostos ist.

Und der uns viel weniger gefällt, wenn es uns keine Chance zur Rückkehr gibt, da man nicht ausgehen darf.

Wir sind isoliert.

Man spürt etwas Anwesendes, sogar zu viel davon in dieser nagenden Einsamkeit.

Welche Anwesenheiten denn? Diejenigen von Orten, die zu bestimmten Zeiten nicht besucht werden, von Räumen, die zu offen sind und an langen Tagen ohne Zeit zur Verfügung stehen, entkleidet ihres üblichen Rhythmus.

Man hört aber auch die ungewohnten Stimmen der Nachbarn, die man noch nie zuvor gehört hat, einen Schrei, ein Kreischen, ein paar Worte im Wind, man versteht nichts, nur den Tonfall, brutal, wir sind versucht, uns einzumischen, vielleicht braucht dort jemand Schutz, muss verteidigt werden, vielleicht ist eine Frau Gegenstand unkontrollierter Gewalt und kann sich nicht verteidigen, nicht um Hilfe bitten.

Ich bin wie gelähmt.

Die Schreie verklingen, die ohrenbetäubende Stille kehrt zurück, wenn wir zu unseren für einige Sekunden unterbrochenen Aktivitäten zurückkehren. Wir werden von anderen Stimmen abgelenkt, von Hintergrundmusik, Kindergeschrei, und die Gedanken der Sorge um jemanden, dessen Gesicht wir nicht einmal kennen, gehen vorbei. Wir sind beruhigt durch die Rückkehr zur Ruhe, wir sind nicht mehr verunsichert. Ein Schlag auf den Kopf, ein Meer von Blut; das geschieht in einem unbedeutenden Augenblick, zwischen dem letzten Schrei und dem Schweigen. Doch wir wissen es nicht, wir sehen es nicht, und alles ist wieder wie zuvor.

Die vier häuslichen Wände binden uns in Zwangsbeziehungen.

Die vier häuslichen Wände verbergen alles.

Alles ist wie ein Hauch. Ohne Heimkehr aus einer secure distancing, zu der wir anderen gezwungen sind. Wie kann man sich wirksam distanziert fühlen, wenn man in 40 Quadratmetern verpackt ist?

Wieder Stimmen, mildere Töne, unverständliche Wörter. Vielleicht erzählen sie sich etwas, lachen, flüstern, um sich lebendig zu fühlen.

Sie lenken mich ab und stören meine Konzentration.

Aber sie sind nicht die einzigen Ablenkungen.

Man hört andere Stimmen, die aus dem Äther kommen. Das tägliche Bulletin verfolgt uns, es kennt keine Gnade in der Kaskade seiner Zahlen, wir halten den Atem an, unsere Minen werden immer trauriger. Es erinnert an Radio London, das heimlich gehört wurde, um den Kriegsverlauf zu erfahren: ein Bild, das durch viele Filme in unserem Gedächtnis verankert ist. Der angehaltene Atem, die Angst und die Hoffnung, dass alles vorbeigeht. So wird es gewesen sein.

Auf den Philippinen haben sie den Befehl, auf diejenigen zu schießen, die gegen das Ausgangsverbot verstoßen. Der Polizeichef sagt, dazu werde es nicht kommen. Aber es gibt immer ein paar Hitzköpfe, die Befehle als verpflichtend empfinden. Absurd: Tote über Tote. In den Gängen der Krankenhäuser wie auf den Straßen. Nordkorea ist nicht vom Coronavirus betroffen, jeder Befehl des Diktators wird befolgt, selbst von den unsichtbaren Feinden. Und der Jemen befindet sich noch immer im Krieg mit sich selbst und zählt nicht einmal mehr seine eigene Toten.

Es macht uns nervös. Es macht uns traurig.

Dieselben und wieder andere Geräusche von der Straße. Gibt es denn keine Ruhe hier?

Die hypervernetzte, hyperglobale Welt ist zu vier Wänden geschrumpft.

Viel mehr gibt es da draußen auch nicht.

Nachts macht sich eine noch nie dagewesene Fauna auf den Weg.

Füchse laufen durch die Straßen, Hasen rennen an den Wegesrändern entlang und sogar Rehe nähern sich den Wohnbezirken an.

Tagsüber flanieren sorglose Enten auf dem Bürgersteig des Dorfes, sie sind eine kleine Armee, unbewaffnet, aber fest entschlossen, den Ort zu besetzen. Falken, Papageien und Bienen kehren in die Stadt zurück.

Sie haben keine Angst mehr davor, an den Abgasen zu ersticken.

Die Fauna sucht Luftveränderung. Die Tiere sind auf einer Reise, sie besuchen die Städte, sie sind Touristen in einem Freilichtmuseum, wie am Jahrestag der offenen Tür des Kulturerbes.

Alles ist verfügbar.

Inzwischen erlebt die Welt im Innersten einen radikalen Wandel, wer weiß. Weil es nicht nur ein Börsensturz an der Wall Street ist, nicht einmal ein Konflikt zwischen Nachbarländern im Krieg oder ein Terrorismus, der wahllos, aber mit präzisen Zielsetzungen angreift: es handelt sich um ein neuartiges Phänomen, das es noch nie gegeben hat, nicht einmal vor Hunderten von Jahren, als Epidemien viele Gebiete gleichzeitig heimsuchten und Zigtausende von Menschen starben, aber es war immer noch von einer begrenzten Dimension.

Man hört immer noch Schreie. Vor dem Geldautomat. Diesmal sind es diejenigen, die in wenigen Sekunden ihre wirtschaftliche Zerbrechlichkeit begriffen haben, sie erkennen, dass sie kleine substanzlose Papierburgen gebaut haben, die von einem starken Wind schnell weggeweht wurden.

Sie sehen keine Grundlage mehr in ihrem Heute, sie denken nicht einmal an ein Morgen.

193 mit dem Virus infizierte Länder.

Sieben Inseln, die das Virus verschont hat. Kleine Gemeinden: zehntausend Einwohner, eine Handvoll Menschen im Vergleich zu den über sieben Milliarden auf dem Globus; eine Insel wird jährlich von 160 Touristen besucht. Sie wollen sie nicht mehr, diese Reisenden. Jetzt versuchen sie, die Reihen geschlossen zu halten, in der Hoffnung, dem Übel zu entkommen.

Im reichsten Land der Welt, den USA, schauen sie mit Bedauern auf das Geschehen und entlassen den Chef der Marine, weil er Zweifel am Schutz seiner Matrosen hat; man leugnet die Ineffizienz. Niemand protestiert jetzt. Macht eine Protestvideoparty Sinn?

Die Möwen haben begonnen, tief zu fliegen.

Laridae, gemeißelter Schnabel, Seevogel aus der Ordnung der Caradriiformes.

Als schönes Exemplar ihrer geflügelten Gattung weckt die Möwe ein Gefühl grenzenloser Freiheit, sie weckt ein Gefühl der Ruhe, beeindruckt durch ihre weiße Farbe, sie ist eine Metapher für die Bewegung frei von jeglichen Hindernissen: vom Meer bis zum Land reist sie losgelöst in der Luft und füllt den Himmel mit kräftigem Geschrei. Sie beherrscht die Küste, die nahe gelegenen Gewässer.

Meere, Seen, Flüsse… Das Wasser genügt ihr nicht mehr. Küsten, Ansiedlungen, Gebäude…, schnell drängeln sich die Tiere auf dem Asphalt, hüpfen auf Mauern, sie fliegen kreischend hoch zu den Dachgesimsen, auf Terrassen und Balkonen.

Auf der Suche nach Essbarem dringen sie unaufhaltsam ein.

Ein seltsam metallisches Geräusch weckt mich auf.

Ein neuer Tag beginnt, der wieder in der Ungewissheit schwebt.

Auch die Welt da draußen schreit; ich kann niemanden sehen, aber ich habe Tausende von Bildern vor Augen. Ich bin in Indien und in Spanien; durchlaufe Krankenstationen, Feldbettenlager, Operationssäle, Altenpflegeheime…

Aber nein: Ich sitze ganz bequem hier und nippe an meinem Espresso.

*

Conte sagt uns, Europa brauche für Italien nicht mit zu rudern, wir haben selbst kräftige und starke Arme, um allein rudern zu können. Viele Länder sind solidarisch mit Italien, meint er. Sie zeigen uns ihr Mitgefühl. Auch Deutschland. Die Bildzeitung ist auf unserer Seite, sie spornt uns mitleidsvoll an, es allein zu schaffen, lieben sie uns oder eher das, was wir sind, was wir schaffen, was wir besitzen?

Unser Land voller Poesie, die sich in Kirchen, in alter und neuer Architektur materialisiert, dieses Land voll von einzigartigen Preziosen, durchzogen von klarem und süßem Wasser, … dieses Land, seine Kultur und seine Kulturleistungen ausstrahlt. Ein unbestrittenes Erbe der Menschheit, an dem wir uns jeden Tag erfreuen dürfen. Darum beneiden sie uns, heißt es in dem Artikel. Doch nicht nur darum. 

Die Dolce Vita steckt in uns, bei der Arbeit wie zu Hause. Auch darum beneiden sie uns.

Man muss nur wissen, wie man sich das Leben versüßt! Basta!

Und dafür muss man in Italien geboren sein.

Ein Brief voller Stereotypen, niemand hat sich die Mühe gemacht, sie zu entstauben, nicht nach dem Mauerfall, nicht nach dem Start in das dritte Jahrtausend. Obwohl wir so erfahrene Wanderer sind, bleiben wir trotzdem nur Ausflügler. Conte sagt, wir sind stark.

Wir würden es ja gern schaffen, ich sehe aber, dass die Möwen begonnen haben, tief zu fliegen.

Niemand weiß mehr, was Worte wie: Solidarität, Gemeinschaft und Zerbrechlichkeit bedeuten, wenn die Möwen tief fliegen. Sie fliegen tief auf der Suche nach Beute, nach leichter Beute und es scheint mehr davon zu geben, heute, wenn viele nicht mehr arbeiten.

Ein im dritten Jahrtausend noch nie dagewesenes Phänomen in unserem Europa. In der Schlange zu stehen vor dem Supermarkt ist für die Generationen Y und Z ein absolutes Novum.

Im vergangenen Jahrhundert gab es das. Nicht überall natürlich.

Unsere Großeltern haben das während des Krieges erlebt.

Ganze Generationen in allen kommunistischen Ländern kannten sie, bis 1989. Dann verschwanden sie. Die Gesellschaft des Überflusses wird nie wieder eine Schlange sehen, um Lebensmittel zu kaufen, so dachte man.

Ich erinnere mich an die DDR, die Läden ziemlich leer…  Doch ich gebe mich damit zufrieden, schließlich bin ich ein junges Mädchen, das nicht viel hat und nicht viel braucht.

Ich erinnere mich an Moskau und Leningrad: Traurige Schlangen, traurige Geschäfte. Eine lange Wartezeit und nicht viel zu finden. Dort brach das System zusammen, weil das Überflüssige fehlte. Uns hingegen fehlte das Überflüssige des Überflüssigen. Im Westen wollten die Leute um jeden Preis das Hyperüberflüssige kaufen und vergaßen, dass sie es gekauft hatten, also kauften sie es, und dann vergaßen sie, dass es sich in irgendeiner versteckten Ecke des Hauses stapelte, im Keller vielleicht, wo man selten hingeht.

Und doch beneidet uns der Osten.

Das System ist mangels Trends, Marken und influencers zusammengebrochen.

Sie wollten sich anders anpassen. Das war es: Sie wollten eine anders angepasste Form von Verschiedenheit.

In jenem Jahr war es in Moskau kalt, auch wenn es erst Oktober war.

Es gab nicht viel, in den Schaufenstern war nicht viel zu sehen. Frauen in der Warteschlange, die sich bis zur Nase in den Schal gewickelt hatten, weil es so kalt war. Auch heute noch bedecken wir uns bis zur Nase, weil wir so viel Angst haben, uns mit dem Virus anzustecken. Wir lassen unsere Augen unbedeckt, wir schützen sie mit einer Sonnenbrille, auch wenn die Sonnenstrahlen verschwunden sind.

Damals war es sehr kalt und ich war hungrig.

Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir bewusst, dass man verhungern kann.

Ein Tag, zwei Tage, ohne etwas essen zu können. Das passiert, wenn man eine Untersuchung am Magen oder Darm vor sich hat, aber das weiß man vorher. Dann ist alles wieder vorbei, ziemlich schnell sogar.

Für Westler findet sich immer eine Lösung: Hast du Dollars, bezahlst du in Dollars? Ja, sicher. Dann kannst du an der Schlange vorbeigehen. Hast du Dollars? Okay, bezahlst du in Dollars?

Ich aß Kaviar, Hirsch und boršč.

Ich trank schwarzen Tee und Champagner.

Hast du Dollars? Bezahlst du in Dollars? Okay, okay.

Heute stehen wir in einer einzigen Schlange. Perfekt geordnet, eine neuartige Erfahrung. Wir tauschen ein paar höfliche Worte mit buchstäblich unbekannten Menschen aus, vielleicht treffen wir sie in einer anderen Schlange wieder, wer weiß. Heute können wir alles einkaufen. Viel!

Das selbstgemachte Brot hat den Geschmack des Althergebrachten, wie damals in der Küche unserer Groß- und Urgroßeltern. Sie hatten nicht viel, aber sie musizierten und sangen abends im Garten. Einige tanzten und andere spielten.

Sie hatten nicht viel.

Wir haben immer alles in rauen Mengen.

Einige aber nicht.

Wann kommen die Hilfszahlungen?

Aber welche Arbeit machst du denn? Für wen arbeitest du überhaupt?

Ja, für wen arbeite ich denn?

Aus Sicht des Staates arbeite ich nicht. Existiere ich? Nein, ich existiere nicht.

Langsam taucht aus dem Verborgenen ein Magma auf. Es ist nicht beängstigend. Es stinkt nicht. Er ist nur hungrig.

Die Möwen haben begonnen, tief zu fliegen.

Ich zähle die Tage mit der Spitze des Lippenkonturstiftes: er ist fast ganz aufgebraucht.

Zerocalcare bringt mich zum Lachen. Es ist genial, wie er mit seinen comics die Klischees karikiert.

Der Nachbar stellt die Musik in voller Lautstärke an: für die selbstbestimmte Fitness-Stunde. Wie in einem Fitness-Studio wird streng auf den Turnus geachtet. Sieben Uhr abends, Zeit anzufangen.

Die hektische Musik dröhnt in meinen Ohren.

Es stört mich nicht, ich versinke in meinem Unterbewusstsein.

Heute wird es wieder eine Kontroverse geben.

Wir streiten immer mit jemandem über etwas, während unten die Füchse die Straße überqueren.

Es ist fast Nacht und die Möwen ziehen am Himmel vorbei. Für diesen Tag stoßen sie den letzten garrito aus, der stärker ist als die Disco-Musik, die mein Trommelfell durchdringt.

Sie fliegen mit leichten Schwüngen, um jeden Zipfel des Landes zu inspizieren, das sie erobern wollen.

Ich habe Angst.

Eine ziemlich unruhige Nacht, denn ich höre Schritte auf dem Balkon. Es ist erst vier Uhr morgens. Es ist immer noch tief dunkel da draußen.

Neulich versuchten zwei Schurken auf Mopeds einen Überfall. Direkt vor meinen Augen. Ich glaube, vor Verzweiflung, sie wächst überall.

Ich gehe mit dem Hund spazieren und bleibe vor dem Blumenbeet stehen, dort, wo sich seit Jahren eine Obdachlose niedergelassen hat, eine clochard, aber ich benutze dieses Wort, um mich von dem Thema zu distanzieren. Dann macht die forma mentis derjenigen, die so leben, weniger Angst. Sie wird in meinem Alter sein. Vielleicht ist sie sogar jünger als ich, und wenn ich sie genauer ansehe, finde ich, dass sie sogar schöne Gesichtszüge hat.

Normalerweise sehe ich sie und laufe weg.

Ich hatte immer ein bisschen Angst vor ihrem undurchschaubaren, durchdringenden Blick.

Wie ein Vorwurf.

Das fehlte gerade noch, dass ein clochard mir vorwirft, es gehe mir gut!

Etwas hat mich dazu bewegt, heute mit ihr sprechen zu wollen. Selbstverständlich sieze ich sie.

„Haben Sie die Buchhandlung wiedereröffnet?“. Sie antwortet mir sofort und mit einem freundlichen Ton, ihre Gesichtszüge verändern sich plötzlich, ich sehe nicht mehr die investigative Härte, die mich sonst immer beunruhigt hatte.

„Ja.“.

„Aber vor ein paar Tagen hat man alles ausgeräumt, wer war es?“.

Sie erwidert höflich:

„Ja. Ich weiß es nicht. Sie haben aber alles weggeräumt!“.

Ich weiß nicht mehr, ob ich es gesagt oder gedacht habe: Es wird wegen des Coronavirus geschehen sein.

Fleißig hat sie ihre Ware wieder ausgestellt.

Die Bücher, die sie jetzt stolz in ihrem „Schaufenster“ aus Gras, Kieselsteinen und Erde zeigt, scheinen halbneu zu sein. Die letzten, die ich vor der Räumungsaktion gesehen habe, waren alle nass vom Regen. Denn sie lässt sie dort unachtsam liegen, so als ob sie ihr eigenes Leben hätten. Auf dem Asphalt oder auf dem Mäuerchen, bis der Regen vorbeigeht. Wie sie auch. Sie trocknen an der Luft. Wie sie auch.  

Diese hier sind fast so, als ob sie aus einem Regal kämen. Ich frage mich, woher sie sie hat.

Ich habe nicht den Mut, ihr diese Frage zu stellen, aber, als wäre sie eine Ladenbesitzerin, die in schlechten Zeiten besorgt in ihrer Kasse schaut, frage ich sie: „Geht denn etwas weg?“ Sie lächelt mich sofort mit einem netten, fast einnehmenden Lächeln an und antwortet: „Ja, und wie!“

Ich bin verblüfft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich über mich lustig macht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie sich nicht über mich lustig macht.

Wir spielen dasselbe Spiel.

Von diesem Moment an mag ich sie, und ich bin nicht mehr bestürzt, sie zu treffen.

Tatsächlich sehe ich sie später wieder, nicht wissend, ob sie mich erkannt hat oder nicht, und lächle sie an, während sie vorbeigeht.

Es hat sich zwischen uns eine gewisse Beziehung entwickelt: Sie ist die Buchhändlerin und ich bin ihre Kundin.

Vielleicht werde ich morgen etwas kaufen.

Aber wo wohnt sie überhaupt?

4. April 

Heute wäre der Geburtstag meines Vaters gewesen. Es ist immer ein schöner Tag gewesen, mit Schokoladentorte. Die afrikanische nannte meine Mutter sie, weil mein Vater lange in Afrika gelebt hatte. Für ihn war das ein sublimer Genuss. Er war sehr erfindungsreich und hätte bestimmt einen Weg gefunden, Gesichtsmasken zu kreieren, um uns zu schützen und um sie zu verschenken.    

Auch die Gänse werden kommen. Sie werden wie üblich schnattern. Aber diesmal werden sie auch in der Stadt gut gehört werden können. Es sind sehr sympathische Tiere. Sie erinnern an das Gefieder der Möwen. Weiß und weich watscheln sie an den Ufern von Wasserläufen entlang, geradewegs und ganz entschieden zu ihrem Ziel; hin- und herwackelnd markieren sie ihren Gänslein den Weg.

Doch hier draußen sehen wir bislang nur Hunde.

Alle sind auf der Straße, wie sonst auch, vielleicht sogar mehr als vorher.

Sie sind froh, dass sie ihre Geschäfte nicht in Eile machen müssen, wie sonst immer. Jetzt ist Zeit genug.

Ich stehe früh auf und gehe auf den Balkon.

Ich habe einmal den Film Sommer auf dem Balkon gesehen, vielleicht war er schon eine Vorahnung unserer Gegenwart, noch zu unverdächtigen Zeiten. Es ist ein deutscher Film über die ersten Jahre nach der Wiedervereinigung: Die Westler verreisen, weil sie die Akteure des Wirtschaftswunders waren, diejenigen im Osten sind immer noch arm und vom Leben ausgeschlossen, das sich am Unwesentlichen und an den Extras orientiert. Sie können nur ein Glas Wein, eine Billigmarke, auf dem Balkon ihrer Wohnung trinken, wobei sie die Wärme der Sonne langsam in ihre Körper eindringen lassen.

Jetzt sind bei uns viele auf dem Balkon.

Wir haben sogar gesungen, im gleichen Rhythmus und zu selben Uhrzeit gesungen, anderswo haben sie uns nachgeahmt.

Aber jetzt ist es mit dem Singen vorbei. Und jeder hat sich auf seine Weise im Ausnahmezustand eingerichtet, jeder in seiner abgeschotteten comfort zone, eine Isolation in der Isolation.

Gerade so, wie es den Möwen gefällt.

Wenn sie die einen weit entfernt von den anderen sehen, dann sind sie eine leichte Beute.

Am frühen Morgen sind auf dem Balkon zwitschernde Vögel zu hören. Eine Gruppe von Insekten, deren Identität nicht zu erkennen ist, weil sich so schnell bewegen. Spinnen, Ameisen, aber vor allem Schnecken, die sich auf den Zitronenblättern festhaften wollen.

Um diese Uhrzeit lasse ich sie in Ruhe.

Ich schaue vom Balkon runter und sehe einen aus der clochards-Clique, die zwischen der winzigen Grünfläche hier unten und der vor dem Tunnel hin und her zieht.

Er geht mit festem Schritt.

Schnell geht er an seinen Freunden vorbei, die etwas murmeln wie „…komm hierher zu uns, was trägst du denn da…?“, doch er geht unerschüttert weiter, lässt sich nicht ablenken und dann bemerke ich, dass er einen kleinen Koffer unter dem Arm hält. Nein, der kann nicht ihm gehören! Er ist aus echtem Leder, so glänzend und neu, als käme er aus einem Schaufenster in der Via Frattina. Er presst ihn fest an den Körper.

Ich frage mich, wo er ihn aufgefischt hat.

Ich verliere ihn aus den Augen. Er macht sich aus dem Staub, mit seiner kostbaren Beute.

Die Reinigungsfahrzeuge kommen und desinfizieren die Straßen.

Ich sehe keine Schutzanzüge, ich sehe keinen Nebelwolken und ich rieche keine Chemikalien.

Die Luft hat sich in den letzten Wochen verbessert.

Die Bienen sind da.

Früher habe ich nur Wespen gesehen, die ich als die Familie der Hungrigen betrachtete. Doch endlich kommen die Bienen, die so gut für uns sind.

Es scheint mir, dass sich die Luft mit gesunden Partikeln füllt.

Ich kann klarer sehen.

Ich gehe mit meinem Beagle vor die Tür. Ihm gefallen die frischen Gerüche am morgen. Es ist schön, spazieren zu gehen. 

Am Horizont nähern sich jedoch die Möwen. 

Eine Nacht so ruhig wie die Nacht zuvor und das Radio hat bereits mit der Ausstrahlung der Presseschau begonnen, während die Coronabonds die Titelseiten dominieren. Ursula von der Leyen sagt: „Liebe Italienerinnen und Italiener, ihr seid nicht allein…“. Wir wissen das. Wie viel Slogan steckt in den Coronabonds? So ändert Conte deren Namen in European recovery bonds und fordert mehr Europa, er schreibt einen schönen Brief.

Weiß jemand, worüber wir sprechen?

Jeder kennt sie aus den vielen Kommentaren, die das Netz ausspuckt.  

China schaut auf uns, auch Russland und sogar Trump’s Amerika, in gedämpftem Tonfall aber, und jetzt richtet sich das Augenmerk auf Europa, die kleine große Welt der vieltausendjährigen Kulturen, die in Empfehlungen, Maßnahmen und Verordnungen erstickt!

Kulturen, Sprachen, Charaktere, Meinungen leben weiter.

Die Nachrichten sind vorbei und draußen scheint die Sonne.

Das Leben geht so weiter wie gestern.

In China schien alles fast zu Ende zu sein, aber stattdessen fängt es wieder an. Die unsichtbare Präsenz des Feindes terrorisiert weiter. China ist weit weg, dachten wir alle, und sahen die Nachrichten in Mitgefühl an. Es ist eine Frage der Wahrnehmung. China ist tatsächlich nicht so weit weg.

Im Februar wurden ganze chinesische Provinzen mobilisiert. Wir sahen ungläubig und nonchalant zu. Wir waren davon überzeugt, dass unser kleines großes Italien nicht davon berührt werde. So wie der Tsunami 2004.

Unser kleines großes Italien, Erbe mehrtausendjähriger Kulturen, das in Kürzungen der öffentlichen Ausgaben, der Forschung und der Gesundheitsversorgung erstickt.

Die Fledermaus schläft tagsüber, das Schuppentier gräbt sein Versteck. Auf dem Markt bieten sie eine Fülle von Nahrung an, vielleicht zu viel für unsere schwachen Mägen.

Eine Flut von Stimmen kündigt radikale Veränderungen an, doch ich denke, dass es nach einer Seuche immer eine andere Seuche gegeben hat, auch wenn viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte vergangen sind, und nach einem schrecklichen Krieg gab es einen weiteren Krieg, der vielleicht kleiner und weiter weg war, aber doch immer ein Krieg.

Und dann kommen die Möwen in Scharen geflogen, weiß, sie steuern ihr Ziel an. Allein mit dem Müll sind sie nicht zufrieden.

Jemand schaut vom Balkon und singt.

Eine Biene schwirrt um mich herum, ich sehe gerne ihr gelbbraunes, behaartes Fellchen, sie schlüpft in die Geranie, die seit kurzem auf meiner Terrasse blüht.

2. Mai 2022

Eine Nacht so ruhig wie die Nacht zuvor und das Radio hat bereits mit der Ausstrahlung der Presseschau begonnen: „….wir erkunden derzeit Synergien zwischen diesen zwei Politikbereichen im Hinblick auf eine gemeinsame europäische Antwort….“, mir scheint, sie sprechen von mehr Liquidität und gezielten Maßnahmen. Ein Interview mit der jungen britischen Premierministerin. Ein chinesischer Business-Tycoon hat eine Hotelkette aufgekauft, man rechnet in diesem Jahr mit einem Tourismusboom in Griechenland. Ich verabschiede mich von den Pflanzen auf dem Balkon, bevor ich aus dem Haus gehe, ich winke meinem Vater im Äther zu, heute jährt sich sein Todestag. Der Bus kommt gleich, ich muss mich beeilen.

Nach einem Arbeitstag gehe ich gerne in einem zügigen Tempo. Das Wetter ist schön. Es ist schon ziemlich warm.

Die Buchhändlerin-clochard hat die neuen Waren sorgfältig auf dem Mäuerchen ausgestellt, die älteren Bücher auf dem Rasen verteilt: Schachhandbuch, Reiseführer durch Irland, Grundschulbuch Ausgabe 2000, COVID-19 Outbreak.

Vielleicht kaufe ich bei ihr heute ein Buch. Vielleicht später, wenn ich wieder vorbeikommen sollte.

Die Möwen machen Höhenflüge, während ich von einer Wespe abgelenkt werde, die um mich herumschwirrt. Ich vertreibe sie, denn ich habe Sorge, dass sie mich sticht.

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