Ein Kreuzzug gegen die Zivilreligion? – Papst Benedikt über die Kirche und den Skandal des sexuellen Mißbrauchs

Papst Benedikt XVI. Quelle: Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.- Stiftung

Der am 11. April 2019 von Joseph Ratzinger / Papst em. Benedikt XVI. veröffentlichte Aufsatz „Die Kirche und der Skandal des sexuellen Mißbrauchs“ startet mit einem Paukenschlag: „Die Sache beginnt mit der vom Staat verordneten und getragenen Einführung der Kinder und der Jugend in das Wesen der Sexualität.“ Der Leser reibt sich die Augen – hier wird Deutsch geschrieben (eine der Amtssprachen des Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation, aber nicht der römischen Kurie) und zwar über den Staat. Der Staat „in Deutschland“ (genauer in Westdeutschland, da es nur dort eine „Gesundheitsministerin Frau Strobel“ gegeben hatte) und auch „die österreichische Regierung“ werden angeklagt, vor 50 Jahren nicht nur nichts unternommen zu haben gegen Pädophilie und Mißbrauch an Kindern, sondern beides aktiv „verordnet und getragen zu haben“, qua Mitverantwortung für die 68er Revolution. Zu deren „ … Physiognomie … gehörte, daß nun auch Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert wurde.“ Erst im zweiten Punkt konstatiert der Text den zeitgleich, aber „unabhängig von dieser Entwicklung“ stattgehabten „Zusammenbruch der katholischen Moraltheologie …, der die Kirche wehrlos gegenüber den Vorgängen in der Gesellschaft machte.“ Die Kirche, und zwar explizit die katholische, wird also keineswegs entschuldigt – den Skandal des Mißbrauchs in ihren Mauern hat sie selbst zu verantworten, auch wenn dieselben Praktiken in der sie umgebenden Gesellschaft gang und gäbe geworden waren.

Ist das ein Kreuzzug – „Benedikts Kreuzzug“, um den Titel eines Buches von Alan Posener aus dem Jahre 2009 zu zitieren? In jedem Fall ist es stringent, leicht verständlich formuliert und mit jahrzehntealten persönlichen Erinnerungen illustriert, also im Schreibstil eines geistig völlig klaren 91Jährigen. Vor allem zeigt es die Kontinuität eines Programms seit der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst im Jahre 2005, welche im Folgenden näher dargelegt werden soll.

Holocaust und Zivilreligion

Alan Poseners Attacke in Gestalt des 2009 veröffentlichten Buches „Benedikts Kreuzzug“ reagierte auf dessen 2006 in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Auschwitz gehaltene Rede und führte den Begriff der „Zivilreligion“ ein, gegen welche Benedikts Speerspitze gerichtet sei. Posener meint damit „das Selbstverständnis Europas und des Westens“, also ein corpus an Glaubenssätzen, Dogmen und Ritualen, welche die demokratischen Abläufe gemäß des seit Napoleon Bonaparte in Deutschland geltenden Code civil tragen und gewährleisten sollen. Mit welchem Recht, fragt Posener, verurteilt Benedikt in seiner Auschwitzrede die von 1933-1945 an der Spitze des deutschen Staates stehenden Männer als „Verbrecher“, obwohl es doch zum Canon der Zivilreligion gehöre, dass diese von keinem Deutschen verurteilt werden könnten, da damit ja eine Exculpierung aller anderen Deutschen verbunden sei? „Und die Neigung zur Exculpierung der Täter … sitzt bei Ratzinger tief“, weiß Posener und belegt das mit dessen Satz im Interview eines italienischen Journalisten, es sei „ … kurzschlüssig, [die NSDAP] als Produkt des Katholizismus hinzustellen“, obwohl sie im mehrheitlich katholischen München gegründet wurde.                                            

Tatsächlich ist aber dieser Staatsakt Benedikts in Auschwitz juristisch bemerkenswert, da auf den ersten Blick unklar scheint, in welcher Autorität er hier verurteilte – war er denn das deutsche Staatsoberhaupt, hatte er sich gar wie weiland Napoleon Bonaparte die Kaiserkrone selbst aufs Haupt gesetzt? Hans Blumenberg skizzierte schon in seinen zwischen 1973 und 1981 diktierten, erst kürzlich posthum herausgegebenen „Unerlaubten Fragmenten“ das Dilemma: „Die Bundesrepublik, obwohl aus dem blanken Nichts auftauchend, hätte diese Strafe nicht einmal über den Vernichter des Reiches, als dessen Rechtsnachfolgerin sie entstand, verhängen können. Dann etwa über Eichmann?“                                                                                                                    

Benedikt erschien in Auschwitz zwar nicht aus dem Nichts, sondern als Oberhaupt einer zweitausendjährigen Institution, dennoch bleibt seine Verurteilung der damaligen, international anerkannten und von den Deutschen nie abgesetzten Regierung ein juristisches Rätsel – solange man nicht einen wenig später vollzogenen liturgischen Akt in Betracht zieht. Die Kaiserkrönung? Nicht direkt, doch ein entscheidendes Element derselben, nämlich die Cura sanitatis Tiberii Caesaris Augusti. Was 1452 bei der letzten in Rom vollzogenen Krönung eines Deutschen Kaisers, Friedrich III., den liturgischen Hauptteil bildete – dass diesem das Sudarium mit dem Volto Santo, dem „Heiligen Antlitz“ in der Peterskirche feierlich gezeigt wurde – vollzog Benedikt an sich selbst. Ende August 2006 fuhr Joseph Ratzinger in das kleine Dorf Manoppello in den Abruzzen und ließ sich in der dortigen Kirche die nach 1600 dorthin gelangte Reliquie zeigen, als erster Papst jemals. Kurz danach, am 3. September, zog er triumphal in Bayern ein.

Freudianismus und Zivilreligion

Es liegt in der Natur liturgischer Akte, dass sie für Außenstehende bedeutungslos bleiben. Als Benedikt kurz nach der Papstwahl nach Köln gereist war, hatte er auch die dortige Synagoge besucht und gesagt: „In diesem Jahr gedenken wir des 60. Jahrestages der Befreiung aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern, in deren Gaskammern Millionen von Juden – Männer, Frauen, Kinder – umgebracht und in den Krematorien verbrannt worden sind. Ich mache mir zu eigen, was mein verehrter Vorgänger zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz geschrieben hat und sage ebenfalls: ‚Ich neige mein Haupt vor all denen, die diese Manifestation des mysterium iniquitatis erfahren haben’. Die fürchterlichen Geschehnisse von damals müssen unablässig die Gewissen wecken, Konflikte beenden und zum Frieden ermahnen.“ Es handelte sich jedoch um keinen Staatsbesuch, Benedikt war lediglich Gast des Kirchentages und seine Rede erregte weder Alan Posener noch wurde sie überhaupt besonders zur Kenntnis genommen. Das war 2006 schon anders. Der Staatsbesuch wurde per se auch zu einer Stellungnahme gegenüber der Reformation und um die Bedeutung der auf den ersten Blick so unspektakulären Cura sanitatis Caesaris zu erfassen, muss man Martin Luthers Kommentar zu eben dieser Reliquie bedenken:

„ … gleichwie sie mit der Veroniken auch thun, geben für es sei unsers Herrn Angesicht  in ein Schweisstüchlin gedruckt, und ist nichts denn ein schwarz Bretlin viereckt, da hänget ein Klaretlin für, darüber ein anders Klaretlin, welches sie aufziehen, wenn sie die Veronika weisen; da kann der arm Hans von Jenä nicht mehr sehen, denn ein Klaretlin für ein schwarzen Bretlin: das heisst denn die Veronika geweiset und gesehen. Und hie ist grosse Andacht, und viel Ablass bei solchen ungeschwungen Lügen. So gar grosse unmässliche Lust hat der verdampte Papstesel und seine verfluchte Bubenschule zu Rom den armen Christenmann zu äffen … usw.“

In welcher Kapazität hatte nun der „Mozart der Theologie“ das Klaretlin für ein schwarzen Bretlin sich selbst gewiesen – eher als Hans von Jenä oder als Friedrich III.? Um die liturgische Kluft zu überbrücken, muss Hans von Jenä sich ja erst bewusst werden, dass er immer so handeln soll als sei er der Gesetzgeber – oder nach Kants Worten: so dass er von den Maximen seiner Handlungen wollen kann, sie würden zu allgemeinen Gesetzen. Der Freudianismus hingegen „entlarvt“ bekanntlich als zweiter fester Bestandteil der Zivilreligion jeden kulturellen Akt als triebgesteuert und legt so jedem als Gesetzgeber Handelnden nahe, den Hans von Jenä in sich immer im Blick zu behalten. Benedikt straft Freud zwar mit Nicht-Erwähnung (wie auch die DDR als den anderen Staat „in Deutschland“) doch er illustriert den Kern des Freudianismus anhand eines biblischen Beispiels (Ijob 1 und 2, 10; 42, 7 – 16) : “Dort wird erzählt, daß der Teufel vor Gott die Gerechtigkeit des Ijob als nur äußerlich herunterzureden versuchte. Dabei ging es gerade um das, was die Apokalypse sagt: Der Teufel will beweisen, daß es gerechte Menschen nicht gibt; daß alle Gerechtigkeit von Menschen nur von außen dargestellt sei. Wenn man näher hinklopfen könne, falle der Schein der Gerechtigkeit schnell ab.“ Ergreifend die eingestreute Erinnerung des alten Mannes: „Ich erinnere mich noch, wie ich eines Tages in die Stadt Regensburg gehend vor einem großen Kino Menschenmassen stehen und warten sah, wie wir sie vorher nur in Kriegszeiten erlebt hatten, wenn irgendeine Sonderzuteilung zu erhoffen war. Im Gedächtnis ist mir auch geblieben, wie ich am Karfreitag 1970 in die Stadt kam und dort alle Plakatsäulen mit einem Werbeplakat verklebt waren, das zwei völlig nackte Personen im Großformat in enger Umarmung vorstellte.“                        

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden bisher dargestellten Säulen der Zivilreligion? Hans Blumenberg argumentiert dafür, in seinem Text „Moses der Ägypter“ aus der oben genannten posthumen Edition „Rigorismus der Wahrheit“. Diesen Rigorismus sieht er als Frevel, dessen er sowohl Sigmund Freud beschuldigt, weil er ausgerechnet 1939 „ seinem Volk … den Mann Moses genommen hatte“, als auch Hannah Arendt, weil sie „Adolf Eichmann dem Staat Israel … nimmt“. Statt wie in „Eichmann in Jerusalem“ wahrheitsgemäß die Banalität des Bösen herauszustellen, hätte sie, so Blumenberg, staatstragend im Sinne Israels handeln und anerkennen sollen, dass „ es … den negativen Nationalhelden als Staatsgründer [gibt]. Er muss getötet werden wie Moses, obwohl er die Bedingungen der Möglichkeit dieser nationalen Existenz geschaffen hat.“ Der Klappentext des Suhrkamp-Verlags bekräftigt mit dem Blumenberg-Zitat: „Nichts ist weniger sicher, als daß die Wahrheit geliebt werden will, geliebt werden kann, geliebt werden darf.“

Klimabewegung und Zivilreligion

Anlässlich der Seligsprechung von John Newman sagte Papst Benedikt, es sei „ die Aufgabe des Papstes, den Gehorsam gegenüber der Wahrheit einzufordern“. Sein Nachfolger im Amt empfängt und segnet Greta Thunberg. Geht es ihm dabei um die geplagte Seele des Mädchens? Benedikt schreibt: „In der Tat wird die Kirche heute weithin nur noch als eine Art von politischem Apparat betrachtet. Man spricht über sie praktisch fast ausschließlich mit politischen Kategorien, und dies gilt hin bis zu Bischöfen, die ihre Vorstellung über die Kirche von morgen weitgehend ausschließlich politisch formulieren. Die Krise, die durch die vielen Fälle von Mißbrauch durch Priester verursacht wurde, drängt dazu, die Kirche geradezu als etwas Mißratenes anzusehen, das wir nun gründlich selbst neu in die Hand nehmen und neu gestalten müssen. Aber eine von uns selbst gemachte Kirche kann keine Hoffnung sein.“                                                                                                                      

Das komplizierte Wechselspiel des Wahren, Guten und Schönen beleuchtet Benedikts Text anhand des von ihm diagnostizierten Zusammenbruchs der katholischen Moraltheologie. Diesen beschreibt er wie folgt: „Schließlich hat sich dann weitgehend die These durchgesetzt, daß Moral allein von den Zwecken des menschlichen Handelns her zu bestimmen sei. Der alte Satz ´Der Zweck heiligt die Mittel´ wurde zwar nicht in dieser groben Form bestätigt, aber seine Denkform war bestimmend geworden. So konnte es nun auch nichts schlechthin Gutes und ebensowenig etwas immer Böses geben, sondern nur relative Wertungen.“ Spätestens seit Konrad Maurers „Jesuitenspiegel“ von 1868 wird der Satz „Der Zweck heiligt die Mittel“ von vielen als geheimes Motto der Jesuiten angesehen – laut Benedikt bezeichnet er den Ungeist, der zur Wiederrichtung der Moraltheorie überwunden werden muss.                                                                                                                                              Die Kampfansage wird unverblümt, aber nicht grimmig vorgetragen! Eine gehörige Portion Heiterkeit des Alters findet sich zum Beispiel in folgender Anekdote: “ Unvergessen bleibt mir, wie der damals führende deutsche Moraltheologe Franz Böckle, nach seiner Emeritierung in seine Schweizer Heimat zurückgekehrt, im Blick auf die möglichen Entscheidungen der Enzyklika Veritatis splendor erklärte, wenn die Enzyklika entscheiden sollte, daß es Handlungen gebe, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien, wolle er dagegen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften seine Stimme erheben. Der gütige Gott hat ihm die Ausführung dieses Entschlusses erspart; Böckle starb am 8. Juli 1991. Die Enzyklika wurde am 6. August 1993 veröffentlicht und enthielt in der Tat die Entscheidung, daß es Handlungen gebe, die nie gut werden können.“ Mit diesem Rückblick auf „Veritatis Splendor“ (Pracht der Wahrheit) illustriert Joseph Ratzinger seine enge Zusammenarbeit mit Johannes Paul II., dessen erster Deutschlandbesuch übrigens ein seit Pius VI. anno 1782 nicht dagewesenes Ereignis dargestellt hatte.

Zusammenfassend möchte man urteilen: Ja, Alan Posener hat 2009 zurecht von einem Kreuzzug Benedikts gesprochen und ja – auch 2019 wird dieser fortgesetzt. Ein gegen mehrere Säulen der „Zivilreligion“ (Posener: „nennen wir sie ruhig so“) gerichteter Kreuzzug, aber ohne Zwangstaufen oder Mordaufrufe, wie Joseph Ratzingers seit 1974 ungebrochenes Engagement für die katechumenalen Gemeinschaften in Deutschland bezeugt. Dem im Herbst 1989 noch ungetauften Verfasser dieser Zeilen war damals übrigens die DDR-Gesellschaft zu so einer Gemeinschaft geworden, nachdem die Freiräume der Kirche (besonders der evangelischen) entscheidend zum friedlichen Gelingen des Aufbruchs beigetragen hatten. Die damals erkämpfte Demokratie braucht Rechtssicherheit für ihre Bürger und Religionsfreiheit, keineswegs eine wie auch immer geartete „Zivilreligion“. Wünschen wir Benedikt also noch viel Schaffenskraft – auf hundert Jahre, wie die Polen sagen!

Hansjörg Rothe
Über Hansjörg Rothe 5 Artikel
"Dr. Hansjörg Rothe, geboren 1966 in Leipzig, niedergelassener Arzt in einer Dialysepraxis mit genetischem Labor in Sachsen, praktizierte als Krankenhausarzt für Innere Medizin und Nephrologie in England, Sachsen-Anhalt und Bayern, arbeitete in New York in der klinischen Forschung und hat einen Lehrauftrag für Bioanalytik an der Hochschule für Angewandte Naturwissenschaften Coburg. Er ist Mitglied der Deutschen und Österreichischen Gesellschaften für Nephrologie, der Hippokratischen Gesellschaft Zürich und des Freien Deutschen Autorenverbandes Thüringen."