Ekstasen der Liebe zwischen Salonmöbeln.In seiner letzten Spielzeit am Staatstheater Darmstadt inszeniert John Dew „Tristan und Isolde“

Richard Wagners während der „Ring“- Krise entstandenes Ausnahmewerk „Tristan und Isolde“ scheint sich wie kein anderes dem Zugriff des Regietheaters zu verweigern. Das haben unter anderen die Inszenierungen von Graham Vick an der Deutschen Oper Berlin 2011, die eines Tilman Knabe im gleichen Jahr in Mainz und die von Vera Nemirova in Mainz im Wagner-Jubiläumsjahr gezeigt. Schließlich bezieht das Werk nach dem mittelalterlichen Vers-Epos Gottfried von Straßburgs seinen Konfliktstoff aus dem Gegensatz von dem gesellschaftlich verbindlichen strengen Wertekanon und der zum Absoluten gesteigerten Liebe. Versetzt man die Handlung in eine gänzlich andere Zeit, unsere Gegenwart etwa, in der jeder jeden lieben darf, verlieren die Protagonisten ihre Fallhöhe, und das Werk hat keinen dramatischen Kern.
John Dew, ein erfahrener Regisseur und Theatermann, der den „Tristan“ nicht zum ersten Mal inszeniert, ging vielleicht deshalb in der neuen Produktion besonders vorsichtig an den Stoff heran. In seiner Inszenierung 1978 in Krefeld rückten die autobiographischen Züge des Werks, nämlich die Katastrophe im Hause Wesendonck, in den Mittelpunkt seiner originellen Interpretation. Jetzt ist aus Wagners Zeit nur noch das Mobilar geblieben, Sitzmöbel in Chippendale-Optik, vielleicht noch Frack und Abendkleid. ( Bühne und Kostüme von Heinz Balthes und José Manuel Vázquez) .Im zweiten, dem berühmten Akt des Liebesrausches lässt der Regisseur farbige Nebel wallen und verlässt sich ganz auf die Farb- und Lichtwirkung einer altbewährten Bühnentechnik. Warum aber haben Tristan und Isolde den Salon nicht verlassen? Braucht es die Möbel im Bühnenbild noch? Bis zum letzten Akt scheint es, als wolle der Regisseur nur einen anderen optischen Rahmen für eine Liebesgeschichte schaffen, die sich ja sowieso in der besten Musik abspielt, die Wagner je komponiert hat. Und musikalisch ist dieser „Tristan“ in Darmstadt dann auch so etwas wie eine Sensation.
Der junge Generalmusikdirektor Martin Lukas Meister, der nach einigen Theaterquerelen im letzten Jahr die Nachfolge für Constantin Trinks angetreten hat, legt mit seinem Orchester eine ganz große Leistung vor. Wagners aufwühlende Musik mit ihrem symphonischen und sehrenden Charakter, revolutionär im Ausloten der Tonalität, treibt unter seinem Dirigat nicht nur die Bühnenfiguren sondern auch die Zuhörer in ein extremes Wechselbad der Gefühle. Und dann die Steigerung durch den Darsteller und Sänger des Tristan ! Noch hat Andreas Schager keinen weltweiten Erfolg, aber in Japan war er schon, und nicht nur John Dew sagt ihm eine ganz große Karriere voraus. Noch ist er so etwas wie ein Geheimtipp unter den Tenören im großen Wagner-Fach, sang bislang den Tristan in Minden und Meiningen und singt in dieser Spielzeit zum wiederholten Mal den Siegfried in Halle und den Rienzi in Riga.
Mit dieser Rolle feierte er 2011 in Meiningen seinen ersten großen Erfolg, den er jetzt mit dem Tristan in Darmstadt krönen konnte. In dieser mörderischen Rolle ist seine Stimme durchgängig von außerordentlicher Strahlkraft, mit metallischem Glanz bis in die Spitzentöne, flexibel bis zum lyrischen Piano.. Tristans Leiden und Fieberwahn im letzten Akt ist erschütternd, auch weil hier Andreas Schager seine ganz eigene Personenregie übernommen zu haben scheint. Ruth-Maria Nicolay singt die Isolde mit dramatischer Schärfe und Wucht und in den mittleren und leisen Tönen mit großer Klangschönheit bis hin zum sogenannten „Liebestod“, aber John Dew lässt sie in seiner Inszenierung nicht sterben.
Von den Nebenrollen hat sicher Ralf Lukas als Kurwenal mit seinem voll tönenden und klaren Bass-Bariton den größten Applaus verdient und auch bekommen. Rauschender Beifall und stehende Ovationen am Schluss aber vor allem für das Orchester und den Ausnahmesänger Andreas Schager.

Weitere Aufführungen gibt es am 1.2., 28.2., 9.3., 23.3., 11.5. und am 8.6.

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Über Sylvia Hüggelmeier 31 Artikel
Sylvia Hüggelmeier studierte Kunstgeschichte, Germanistik, Publizistik und Pädagogik an den Universitäten Münster/Westfalen und München. Seit 1988 schreibt sie als Freie Journalistin für verschiedene Zeitungen.

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