Feiern mit dem MärchenkönigDas Münchner Gärtnerplatztheater ist 150 Jahre alt geworden

Zwei Wochen Eislaufen auf dem Gärtnerplatz als Geburtstags-Show der besonderen Art – diese Idee kann nur von Josef E. Köpplinger stammen, dem aktuellen Scherzkeks-Intendanten des am 4. November 1865 eröffneten Staatstheaters. Aber nix da! Die sich durch die Schleifer belästigt fühlenden Anwohner des von Friedrich von Gärtner 1860 designten Platz machten Köpplinger einen Strich durch die Rechnung. Was blieb ihm übrig, als sein seit 3 Jahren zur Großbaustelle gewordenes (und eine solche wohl noch ein Jahr lang bleibendes) geliebtes Haus anders zu „bespielen“: Bei Einbruch der Dunkelheit gab`s eine visuelle Erstbesteigung des Theaters mit orangefarben gekleideten Fassadenkletterern von ICS Vertical, dazu ein Video Mapping von Betty Mü und Hiltmeyer Inc. Das Volk durfte mit Gratis-Sekt anstoßen und sah sich eine ausgedehnte Non-Stop-Gratulations-Promi-Cour auf der vor die Theater-Ruine aufgezogenen Leinwand an.
Ob es dann auch zu dem nachmittags der Presse vorgestellten Jubiläums-Buch (riesig, toll bebildert, klug getextet, Henschel-Verlag) greift, das es für knapp 35 Euro im Buchhandel gibt? Der Titel passt dennoch: „Dem Volk zur Lust und zum Gedeihen“. So nämlich lautete 1865 der Zimmermannsspruch zum Richtfest. Das einzige Münchner Theater, das von Bürgern für Bürger errichtet wurde. Acht Jahre nach Errichtung, so ist Rasmus Crommes Buchtext zu entnehmen, erhob König Ludwig II. „das Königliche Theater am Gärtnerplatz zur dritten bayerischen Hofbühne“ – neben „Resi“ und Hof- und Nationaltheater, das damals bereits 55 Jahre stand.
Ach, sagen jetzt wohl die, die die Jubiläums-Premiere, Giacomo Rossinis „La Cenerentola“, am Geburtstags-Abend im Cuvilliéstheater sahen, deshalb der Märchenkönig! Brigitte Fassbaender konnte also nicht umhin, ihn irgendwie ins Spiel zu bringen. In ihrer Regie, die schon die witzig gesetzte Ouvertüre mit Gags versah, tritt der als Prinz verkleidete Diener Dandini (Vittorio Prato) als Ludwig II. auf, zusammen mit einer skurril frisierten, aber fabelhaft spielenden und singenden Herrenriege samt Neuschwanstein- und Linderhof-Grotte-Kulisse.
Das war schon nicht übel, und das Premieren-Publikum genoss die Klischees offensichtlich, wie es überhaupt höchst angetan war von Fassbaenders allerdings zu gestrig-zopfig geratener Inszenierung.
Sie konnte – mit Dietrich von Grebmers knalliger Ausstattung, besonders aber mit dem auf Perfektion und Lautstärke setzenden Kapellmeister Michael Brandstätter – auf ein durchwegs junges Ensemble setzen, dessen geschmierte Kehle Rossinis unsterblichen verzückenden Volten und Läufen gerecht wurde: Als sich mit der „Gala“ im Küchenversteck nicht mehr zufrieden gebendes Aschenputtel brillierte die stämmige Kroatin Diana Haller. Dem Prinzen von Salerno lieh der Philippine Arthur Espiritu seinen kernigen Tenor. Don Magnifico, der seine beiden leiblichen Töchter (mit herrlich grotesker Szene kurz vor Opern-Ende: Mercedes Arcuri) gerne als Prinzenbräute gesehen hätte, spielte und sang umwerfend der Sizilianer Marco Filippo Romano.
Das Premieren-Publikum war ausnahmslos von Köpplinger und Kultusminister Spaenle zum Nachfeiern im Foyer geladen. Ludwig Spaenles Lob des „zweiten Münchner Opernhauses“ bestätigte sich: „Das Staatstheater am Gärtnerplatz arbeitet mit größter Professionalität und auf einem künstlerischen Niveau, das den Vergleich mit internationalen Adressen nicht scheuen muss.“ Die neue „Cenerentola“ steht vom 9. November an noch siebenmal auf dem Spielplan. Da zeigt „das Gärtner“ denn auch in puncto Doppel-Besetzung der Hauptpartien seine ministerial gepriesene Professionalität – und Kapazität.

Foto: Hans Gärtner

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Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 317 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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