Gender-Irrsinn

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Fast zwei Drittel der Bundesbürger hält nicht viel vom Gendern. Dennoch streicht die Bundeswehr ein altbewährtes Wort und die Stadt Bonn legt einen Leitfaden für korrektes Sprechen vor. Von Stefan Groß-Lobkowicz.

Ein Gespenst geht um – der Genderwahn. Dass wir inmitten der größten Pandemie der Weltgeschichte keine anderen Probleme haben, unterstreicht der ganze Irrsinn der angestachelten Diskussion. Auch die Bundeswehr gendert, was das Zeug hält. Nun soll ein Begriff geopfert werden, der den Soldaten lieb und teuer ist. Seit Jahren bekommen diese ihre Marsch- und Feld-Verpflegung in der sogenannten „Einmannverpackung“, einer Tagesration, die aus Fertiggerichten und Instantkaffe besteht. Doch auf Rücksicht auf die Soldatinnen muss ein neues Wort her, das in Zukunft für das kulinarische Glück der Truppe steht. Bis zum 30. September hat die Armee jetzt Zeit, Ersatz für das unliebsam gewordene Wort zu finden.

Die Stadt Bonn, einst das mächtige politische Zentrum der Republik, hat einen neuen Leitfaden mit dem Titel „Geschlechtergerechte Sprache in der Stadtverwaltung“ vorgelegt, der den Mitarbeitern vorschreibt, welche Begriff sie verwenden dürfen. Zulässig sind danach nur noch gendergerechte Formulierungen. Seit Jahren hat sich die ehemalige Bundeshauptstadt den Neusprech auf die Fahnen geschrieben, „Geschlechtergerechtigkeit (Gender Mainstreaming) wird hier als integrierender Prozess verstanden, der hinterfragt, inwieweit „politische Entscheidungen und Verwaltungshandeln eine echte Chancengleichheit der Geschlechter erreichen.“ Wohin die neue Sprachideologie führt, zeigt sich schon exemplarisch in Köln. Dort muss die Kölner Verwaltung statt „jeder“ künftig „alle“ sagen, „weil jeder – Bürger, Kölner, Jeck – ja nur Männer anspreche“. Und aus den Fußgängern und Fußgängerinnen würden demnächst Zufußgehende.

Das Gendern wird zum Religionsersatz

Was sich einst als eine harmlose linguistisch anmutende Debatte über das Geschlecht nach dem Linguistic Turn entwickelte, die sich maßgebende Impulse dem postmodernen, poststrukturalistischen Diskurs von Jaques Derrida verdankte, ist zu einer radikalen Programmatik geworden, absoluter Wahrheitsanspruch inkludiert. „Nun sag‘, wie hast du’s“ mit dem Gendern, dann ich sage Dir, wer Du bist. So zumindest könnte man Goethes Gretchenfrage zur Religion aus dem „Faust“ zum Glaubensbekenntnis des 21. Jahrhunderts transformieren. Denn das Gendern trägt heutzutage – und dies immer mehr – fast religiöse Züge. Wie einst im Mittelalter Wahrheit, Rechtgläubigkeit und Dogma der katholischen Kirche das Leben der Menschen justierten, so ist es heute das Gendern. Wer damals nicht an die ewige Wahrheit, Offenbarung und an das Dogma glaubte, wurde der Ketzerei bezichtigt und auf das mediale Schafott geführt, entmündigt und totgeschwiegen. Wer heute an der neuen Religion und Deutungshoheit zweifelt, dass Mannsein und Frausein eine „gesellschaftliche Konstruktion“ sind, wer Alternativen zu Homo und Hetero nicht aufheben will, wer Begriffe wie „Mann“ und „Frau“ unkritisch seinem Seelenhaushalt verordnet, gehört einer Welt oder Generation buchstäblich im Sinne Stefan Zweigs von Gestern an. Das moderne Autodafé dreht sich weiter, es ist zwar antimetaphysisch, aber das Dogmatische bleibt, als transzendenzlose Metaphysik. Heute geht es nur noch um die beweglichen Formen von Geschlechtlichkeit – oder eben um den Abschied vom Prinzipiellen, von der tradierten Überlieferung von Mann und Frau.

Schon längst hat die Gendertheorie, Gender Studies und Gender-Mainstreaming die Welt des Wissens erobert. Die Universitäten, einst Kathedralen des Wissens, sind zu Sprechröhren der neuen politischen Korrektheit geworden, zu regelrechten Blasen des Gender-Jargons, die die neue „Wissenschaft“ mit hunderten von Lehrstühlen und mit Millionen Unsummen finanzieren. Aber beim Gendern handelt es sich nach wie vor um eine Religionswerdung qualitativ schwacher Kraft, die zwar den Anspruch auf eine Mehrheitsdoktrin mit gewaltigen Sanktionsmechanismen für sich in Anspruch nimmt, letztendlich aber nichts anderes als ein neues Glaubensbekenntnis ist, das Kritiker vor den Richterstuhl zieht und knechtend beugt bis sie sich zum „neuen“ Glauben bekennen.

Dabei sind zwei Drittel, wenn nicht fast 90 Prozent der Deutschen, nicht mit der Umformatierung der Sprache einverstanden, wie eine neuere Umfrage von Infratest ergab. Hierzulande hält sich die Begeisterung in Grenzen, wenn es um einen Neusprech geht, der die Sprache verunglimpft und geradezu verhunzt, wo der Begriff des Bäckerhandwerks durch Backendenhandwerk ersetzt werden soll, wo von im Biergarten sitzenden Radfahrenden statt von dort sich erholenden Radfahrern die Rede ist. Die Corona-geschüttelten deutschen Bundesbürger wollen keine Elter 1 oder Elter 2 sein. Man trägt ein großes Unbehagen an den Sprach- und Schreibmonstern wie Bürger*innen, BürgerInnen, Bürger:innen, Bürger/innen und Bürger_innen.

Wer die Sprache transformiert, legt das Hackebeil an die tradierte Gesellschaft, an einen Wertkanon, der sich über Jahrhunderte formte und nimmt die Zerstörung kultureller Traditionen leichtfertig in Kauf. Denn wer seine Sprache zerstört, cancelt sich selbst.

Australische Universität gibt neue Richtlinie, die die Wörter „Mutter“ und „Vater“ geschlechtsneutral machen

Die Amputation der Sprache wird aber in Australien ganz anders gesehen. Dort wird akribisch transformiert und das Halteseil traditioneller Begriffe zerschnitten. Die „Australian National University“, keineswegs eine Eliteuniversität, und speziell ihr Gender-Institut sind es, das sich eine gerechtere, menschlichere, nicht rassistische und nichtdiskriminierende Sprache auf die Agenda geschrieben haben. Und das wollen sie so genau und akkurat machen, dass sie Wörter wie „Mutter“ und „Vater“ zwar nicht gleich aus dem kulturellen Gedächtnis tilgen wollen, aber zumindest perspektivisch durch geschlechtsneutrale Wörter zu ersetzen suchen. Richtlinie hin und her, es bleibt dem Duktus nach eine unverbindliche Verbindlichkeit, die hier im Namen einer selbst aufgeplusterten „Wissenschaft“ aufgerichtet wird und damit letztendlich kein Angebot der intellektuellen Freiheit mehr ist, sondern selbst zur Doktrin avanciert. Man kann am Sinn und vor allem am Verstand der „Macher“ zweifeln, ausgerechnet bei Wörtern wie „Mutter“ und „Vater“ den Rotstift anzusetzen. Denn den Initiatoren geht es um nichts Geringeres als peu à peu eine genderspezifische Sprache quasi durch die Hintertür hindurchzuwinken, da im Handbuch erklärt wird: „Sprachgewohnheiten brauchen Übung, um sie zu überwinden, und die Studenten erkennen die Bemühungen an, die Sie machen, um sich inklusiv auszudrücken.“

Der genderneutrale Wort-Schatz beinhaltet unter anderem neue Begriffe für die Eltern. So sollen die Lehrenden und Studenten zur Mutter zukünftig „Austragendes Elternteil“ und zum Vater „Nicht-gebärendes Elternteil“ sagen. Gleiche Umbenennung soll, rein akademisch und unverbindlich, als „wissenschaftlich gender-integrative Lehre auch für den Begriff des Stillens gelten. Anstelle der „Muttermilch“ wollen die Macher künftig den Ausdruck „Menschliche Milch“ oder „Elternmilch“ setzen.

Auch in England wird gegendert, was das Zeug hält. Hier will man die historische Ausgrenzung von trans- und nichtbinären Menschen auf den Geburtsstationen beenden und setzt auf geschlechtsneutrale Begriffe. So legten die Universitätskliniken von Sussex und Brighton, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nahe, neutrale Worte zu verwenden. Man will, so die neue Maxime, der Vielfalt ihrer Patientinnen und Patienten gerecht werden – und da es nun auch transsexuelle Schwangere gibt, müssen neue Begriffe kodifiziert werden. „Person” statt „Frau”, „Geburtselternteil” statt „Mutter” oder eben auch „Menschenmilch” oder „Milch des stillenden Elternteils” soll die Bezeichnung „Muttermilch” ersetzen. Und statt „Vater” gelte es eher „Elternteil” oder „Co-Elternteil” zu sagen. Diese neu erschaffene Sprache soll dann frei von Diskriminierung sein und auch in den Geburtsvorbereitungskursen oder bei anderen Terminen, an denen beide Elternteile teilnehmen, verwendet werden. Schließlich beginne Ausgrenzung bei der Sprache. Trotz der geschlechtsneutralen Begriffe soll aber auch weiterhin die übliche Sprache für (CIS-) Frauen verwendet werden, hieß es.

Für einen religiös Musikalischen ist der Neusprech aber nichts anderes als eine neue Form sprachlicher Apartheid, die nicht nur Sprachmonster generiert, sondern in ihrer medialen Diktion und im Tenor erschreckend einseitig, intolerant und aggressiv ist. Anstatt die ohnehin brüchige Gesellschaft im Geist der Versöhnung harmonisch zu befrieden, befeuert das Gendern einen kontraproduktiven Diskurs.

Über Stefan Groß-Lobkowicz 2096 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".