Albert Camus: Die Sonne Algeriens und die Poesie der Provence

Albert Camus Festival 2021 Der Gegenwart alles geben 26. Oktober – 1. November 2021 www.albert-camus-festival.de

Heute vor 113 Jahren wurde Albert Camus in Mondovi, damals Französisch-Algerien, geboren. Albert Camus schrieb das Gedicht „Pour Némésis“ in Lourmarin. 1958 kaufte er in dem kleinen, idyllischen Dorf in der südfranzösischen Provence ein ehemaliges Seidenraupen-Zuchthaus. Hier, im Luberon, fand er die mediterrane Sonne wieder, die ihn an seine Heimat Algerien erinnerte. Camus schrieb das Gedicht parallel zu seinem autobiografischen Roman „Der erste Mensch“. Greifbar ist der Einfluss seiner „Zwillingssonne“ René Char, der ihn oft zur Lyrik ermuntert hat.

Für Nemesis

von Albert Camus

(Lourmarin, Dezember 1959)

Schwarzes Pferd, weißes Pferd, eine einzige Menschenhand zähmt die beiden Wilden.

Mit Todesmut, im waghalsigen Ringen.

Die Wahrheit flunkert, die Aufrichtigkeit dient dem Schein.

Verberge dich im Licht.

Die Welt nimmt dich ganz und du bist leer: die Fülle.

Leises Rauschen des Schaums am morgendlichen Strand; es erfüllt die Welt gleich wie der Lärm des Ruhms.

Beides entspringt der Stille.

Unter der Steinplatte der Freude, der große Schlaf.

Vom Wind gesät, vom Wind geerntet und doch schöpferisch, das ist der Mensch seit Jahrhunderten, und stolz darauf, es nur einen einzigen Augenblick zu sein.

Für Text und Übertragung © 2026 by Axel Reitel

Heute vor 158 Jahren.

Frühling ist’s

(Nachdichtung des Gedichts „Ver Erat“ von Arthur Rimbaud,

geschrieben am 06. November 1868 im Collège de Charleville,

im Alter von 14 Jahren.)

Frühling ist’s; ein Leiden fesselt Orbilius

In Rom ans Bett. Still sind die Waffen des schrecklichen Lehrers.

Die Zucht erklingt nicht mehr in meinem Ohr;

Still der Rute Sucht nach Schmerz.

Ich pack mein Glück, auf ins lächelnde Land,

Werf alles fort; semesterfrei und frei von Sorgen,

Streicheln Schmeicheleien den müden Geist.

Ein blühendes Fest ergreift die Brust;

Öde Stunden, des Lehrers barsche Vortragsart,

Der Kopf bereinigt; jauchze ich abseits in den Feldern,

Im Blütenwunder knospender Erde.

Weder such ich kindisch in der trägen Landluft Müßiggang

Noch pralle Gefühle, die größer sind als meine kleine Brust.

Ein unbekannter Vorsatz leiht hier göttliche Flügel

Für erhabenere Sinne: Zu beobachten, was ich sehe,

Im Stillen zu staunen, so kommt in meine Brust

Eine Liebe zur erwärmenden Idylle: Wie der eiserne

Ring, von geheimnisvollen Kräften des Magnetbergs

Angezogen, still am unsichtbaren Haken hängt.

Ermüdet die Glieder auf den langen Wanderwegen,

Strecke ich mich am grünenden Ufer des Bachs;

Vom matten Gemurmel geschmeichelt, ruh ich aus

Im Gesang der Vögel und hol Atem im Westwind.

Schau! Da im Tal sind Tauben in der Luft,

Der ganze Schwarm trägt duftende Kronen in den Schnäbeln,

Blumen, die Venus in ihren zyprischen Gärten pflückt.

Jetzt nähert sich die Schar dem Gras, in dem ich liege

Und schwebt mit leisem Flügelschlag grad über mir –

Darauf schlagen sie mir Haupt und Hände

In grünende Kränze mit süßer Myrte.

Sie grünen die Schläfen und tragen mich fort,

Von leichtem Gewicht durch leere Luft… durch hohe Wolken.

Entführt ist, der unter Rosengezweig geschlummert: Der Wind

Liebkost mit seinem Atem sanft mein wiegendes Bett.

Als aber die Tauben im Sturzflug ihre Heimat erreichen,

Unter ragenden Klippen, ihre hängenden

Nester, setzen sie mich ab und lassen mich zurück.

O unbeschreibliches Nest! … Hellgleißendes Licht

Um des Erwachten Schultern, der Leib umhüllt von Strahlen.

Wie wenig gleicht dieses Licht dem matten Schein,

dem Düsternisgemisch, das unsere Augen trübt:

Himmlischen Ursprungs trägt’s, nicht die Spur irdischen Lichts!

In meiner Brust erhebt sich’s als himmlische, gottverwandte

Kraft, ewig fließend wie ein mächtiger Strom.

Und wieder nahen die Tauben; jede im Schnabel

Ein Lorbeergebinde: Es liebt so gekrönt Apollo,

Mit den Händen die tönenden Saiten zu schlagen.

Und als sie meine Stirn nun mit dem Lorbeer binden,

Siehe, da öffnet sich vor mir der Himmel plötzlich,

wie ich staune! Da, auf der goldenen Wolke schwebend:

Phöbus! Mit göttlicher Hand reicht er mir die Lyra

Und brennt mit Himmelsfeuer die Worte mir in die Stirn:

DU WIRST EIN DICHTER SEIN… das fließt mir durch alle Adern.

Himmlische Wärme, was für ein Quell,

Reine glänzende Klarheit, vom Licht der Sonne entflammt.

Sodann lösen die Tauben sich in ihrer wahren Gestalten auf:

Erscheinen als Chor der Musen, der süße Lieder singt,

Mit melodischen Stimmen; voll zärtlicher Arme,

Die mich aufnahmen und weit davontragen,

Dreimal Omen verkündend, dreimal mit Lorbeer mich krönend.

©2026 by A.R. Reitel (06. November 2026)

Über Axel Reitel 49 Artikel
Axel Reitel (*1961); 1982 Freikauf/Ausbürgerung; seit 1982 Hamburg, dann Westberlin; 1983 literarisches Debüt; 1985-1990 Studium (Kunstgeschichte/Philosophie); seit 1990 freischaffender Autor (u. a. Jugendstrafvollzug der DDR; Theorie vererbter Schuld); seit 2003 freier Mitarbeiter der ARD. Lebt in Berlin.