Arthur Rimbaud wollte die Grenzen menschlicher Wahrnehmung überschreiten und der Dichtung Erfahrungen erschließen, für die die Sprache seiner Zeit kaum einen Ausdruck kannte. Sein berühmter Satz „Ich ist ein anderer“ berührte eine Frage, die auch die Philosophie des 19. Jahrhunderts beschäftigte. Noch als junger Mann wandte sich der französische Dichter von der Literatur ab, reiste später nach Afrika und wurde Kaufmann. Am 10. November 1891 starb er in Marseille. Zum 135. Todestag eines Dichters, dessen Werk die europäische Moderne beeinflusste und dessen frühes Verstummen die Literaturgeschichte bis heute beschäftigt.
Arthur Rimbaud hatte es eilig mit der Poesie. Bereits als Schüler beherrschte er die klassischen Versformen, wenig später entwickelte er eine Bildsprache, die mit den überlieferten Vorstellungen französischer Dichtung brach. Charles Baudelaire hatte mit seiner Erkundung der sinnlichen Korrespondenzen eine neue Auffassung poetischer Wahrnehmung vorbereitet, die sein jüngerer Nachfolger mit einer Entschiedenheit weiterführte, welche schließlich das Verhältnis des Dichters zu seiner eigenen schöpferischen Tätigkeit erfasste. Die Einbildungskraft sollte Erfahrungen ermöglichen, die der gewöhnlichen Wahrnehmung verborgen blieben. Von der Poesie verlangte er eine Erkenntnis, deren Voraussetzungen er am eigenen Bewusstsein erproben wollte.
Geboren am 20. Oktober 1854 in Charleville, wuchs er unter der strengen Aufsicht seiner Mutter auf. Der Vater, ein französischer Berufsoffizier, lebte getrennt von der Familie. Schon früh fiel die außergewöhnliche Begabung des Jungen auf. Er schrieb preisgekrönte lateinische Verse, kannte die französischen Klassiker und verfügte über eine bemerkenswerte Sicherheit im Umgang mit den traditionellen Formen der Dichtung. Sein Lehrer Georges Izambard förderte das Talent des jungen Arthur, der den geistigen Verhältnissen seiner Heimatstadt zunehmend mit Abneigung begegnete.
Charleville, die Provinzstadt in den Ardennen, verkörperte für ihn eine bürgerliche Ordnung, deren moralische Ansprüche er verachtete. Frankreich durchlebte damals eine geschichtliche Krise. Der Deutsch-Französische Krieg und der Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs hatten die politischen Verhältnisse erschüttert. Die Pariser Kommune stellte im Frühjahr 1871 die bestehende Machtordnung mit revolutionärer Entschiedenheit infrage. Er verfolgte diese Ereignisse mit lebhaftem Interesse, das auch in seinen frühen Gedichten Ausdruck fand. Wiederholt verließ er Charleville, dessen gesellschaftliche Enge ihm unerträglich geworden war. Seine Auflehnung gegen die bürgerliche Moral erfasste schließlich auch die Grundlagen seines dichterischen Selbstverständnisses.
„Ich ist ein anderer“ – Die Entdeckung des fremden Bewusstseins
Am 15. Mai 1871 schrieb der Sechzehnjährige an Paul Demeny: „Car Je est un autre.“ Ich ist ein anderer. Er hatte beobachtet, wie seine Gedanken entstanden, und beschrieb sich als einen, der ihrem Werden gleichsam zuhörte. Die ungewöhnliche Grammatik entsprach einer Erfahrung, die sich mit der vertrauten Vorstellung eines souveränen dichterischen Ichs kaum vereinbaren ließ. Der schöpferische Vorgang entzog sich der vollständigen Verfügung seines Urhebers.
René Descartes hatte mit seinem Cogito ergo sum im Denken die unbezweifelbare Gewissheit des eigenen Daseins gefunden. Den jungen Franzosen beschäftigte die Herkunft jener Gedanken, deren Existenz dem Bewusstsein unmittelbar gegeben ist. Dass der Mensch denkt, erklärt noch keineswegs, weshalb ihm bestimmte Vorstellungen und Bilder begegnen. Friedrich Nietzsche sollte später die Annahme eines souveränen Subjekts, das seine Gedanken nach eigenem Willen hervorbringt, einer philosophischen Kritik unterziehen. Eine unmittelbare geistesgeschichtliche Verbindung zwischen Nietzsche und Rimbaud lässt sich daraus freilich nicht ableiten. Beide berührten auf unterschiedlichen Wegen die Frage, wie weit die Selbstgewissheit des Menschen über die Entstehung seines Denkens reicht.
Daraus entwickelte sich seine Vorstellung vom Dichter als voyant, als Seher, der durch eine lange, umfassende und planvolle Veränderung aller Sinne das Unbekannte erreichen sollte. Dieser Anspruch schloss Leiden und geistige Gefährdung ausdrücklich ein. Die poetische Erkenntnis verlangte eine Veränderung der eigenen Wahrnehmung, deren Folgen sich weder vollständig vorhersehen noch beherrschen ließen.
Baudelaires „Correspondances“ hatten bereits die geheimnisvollen Beziehungen zwischen den sinnlichen Erscheinungen erkundet, in denen Düfte, Farben und Klänge einander begegnen. Die Verehrung für Baudelaire verband sich mit der Aufnahme seiner dichterischen Entdeckungen. Der Begriff des Sehers gab dieser poetischen Erfahrung eine neue Dringlichkeit. Die Sprache musste sich erst an dem bewähren, was der Dichter auf seinem Weg zum Unbekannten zu erfahren hoffte.
Das „Trunkene Schiff“ – Die Welt gerät in Bewegung
1871 entstand „Le Bateau ivre“, das „Trunkene Schiff“, eines der kühnsten Gedichte des jungen Rimbaud. Ein führerloses Schiff treibt durch unbekannte Meere, begegnet gewaltigen Naturerscheinungen und durchquert Landschaften von betörender Schönheit. Meer und Himmel verwandeln sich, Farben erhalten eine beinahe körperliche Gegenwart, und die Fahrt führt durch Erscheinungen, deren ungewohnte Verbindung den Leser immer weiter von den vertrauten Bildern der Natur entfernt.
Das Gedicht folgt dem klassischen Alexandriner, dessen metrische Ordnung sein Verfasser bereits während seiner Schulzeit gründlich kennengelernt hatte. Seine Vertrautheit mit der französischen Verskunst erlaubte ihm, innerhalb einer strengen Form Bilder von ungewöhnlicher Beweglichkeit zu entwickeln. Der Alexandriner, lange Zeit Träger einer klassischen dichterischen Ordnung, wurde zum Ausdruck einer Vorstellungskraft, die mit den Gegenständen ihrer Anschauung immer freier verfuhr. Die überlieferte Form bewahrte ihre Genauigkeit, während sich ihre poetischen Möglichkeiten auf eine Weise entfalteten, die seine Kenntnis der Tradition ebenso erkennen ließ wie seinen Willen, sie zu verändern.
Auch „Voyelles“, das Gedicht von den farbigen Vokalen, gehört in diese Phase seines Schaffens. Den einzelnen Lauten ordnete er Farben zu und verband die akustische Erscheinung des Wortes mit einer sinnlichen Bilderwelt. Die ungewöhnlichen Zuordnungen lassen sich kaum auf eine allgemein verbindliche Bedeutung zurückführen. Ihr Zusammenhang erwächst aus der dichterischen Gestaltung selbst.
1871 kam er nach Paris und begegnete Paul Verlaine. Zwischen beiden entwickelte sich eine leidenschaftliche Beziehung, die bald von heftigen Auseinandersetzungen geprägt wurde. Gemeinsam reisten sie nach Belgien und England. Im Juli 1873 eskalierte der Konflikt in Brüssel, als Verlaine mit einem Revolver auf seinen jüngeren Gefährten schoss und ihn am Handgelenk verletzte. Der ältere Dichter wurde anschließend zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.
Das Zusammenleben der beiden und sein gewaltsames Ende beschäftigten zahlreiche Biografen. Über den dramatischen Ereignissen ihrer Beziehung gerieten zeitweise jene dichterischen Vorstellungen in den Hintergrund, deren Grundzüge bereits im Mai 1871 in den Briefen an Georges Izambard und Paul Demeny entwickelt worden waren. Seine literarische Eigenständigkeit war damals schon unverkennbar.
„Eine Zeit in der Hölle“ – Rimbaud und das christliche Erbe
Noch 1873 ließ er „Une saison en enfer“, „Eine Zeit in der Hölle“, drucken. Es blieb das einzige Buch, dessen Veröffentlichung er selbst veranlasste. Darin unterzog er seine bisherigen Erfahrungen einer Untersuchung, die auch die dichterischen Hoffnungen seiner Jugend erfasste. Erinnerungen verbinden sich mit Anklagen, persönliche Bekenntnisse mit einer Auseinandersetzung über die eigene Existenz, deren Widersprüche er mit zunehmender Schärfe wahrnahm.
Die katholische Erziehung hatte ihm eine religiöse Vorstellungswelt vermittelt, deren Einfluss während seiner Auflehnung gegen den Glauben fortbestand. Schuld und Erlösung, Sünde und Verdammnis durchziehen das Werk. Selbst dort, wo er die Autorität der christlichen Überlieferung bestritt, bediente er sich ihrer Bilder, um seine Erfahrungen zu begreifen. Seine Abkehr von den Glaubensüberzeugungen der Kindheit hatte deren geistige Prägung keineswegs aufgehoben. Aus diesem Konflikt gewannen seine Fragen nach moralischer Schuld und persönlicher Freiheit jene Schärfe, die „Eine Zeit in der Hölle“ auszeichnet. Die Geschichte seiner religiösen Herkunft wirkte in einem Denken fort, das sich von ihren überlieferten Bindungen zu befreien suchte.
In den später unter dem Titel „Illuminations“ veröffentlichten Prosagedichten ging er noch freier mit den Möglichkeiten der Sprache um. Städte und Landschaften erscheinen in wechselnden Perspektiven, menschliche Figuren treten aus rätselhaften Zusammenhängen hervor, vertraute Gegenstände gewinnen ein ungewohntes Aussehen. Eine fortlaufende Erzählung lässt sich aus diesen Bildern vielfach kaum gewinnen. Ihre Beziehungen überlässt er einer sprachlichen Ordnung, die der Leser erst aus der Begegnung mit den einzelnen Erscheinungen erschließen kann.
Über die genaue Entstehungszeit der „Illuminations“ wird bis heute diskutiert. Einige Texte dürften erst nach „Eine Zeit in der Hölle“ entstanden sein. Veröffentlicht wurden sie 1886 in der französischen Zeitschrift „La Vogue“. Paul Verlaine hatte inzwischen wesentlich zur Bekanntheit seines ehemaligen Gefährten beigetragen. Ihr Verfasser lebte zu diesem Zeitpunkt bereits fern der europäischen Literaturwelt.
Der Dichter verschwindet – Ein Leben in Afrika
Um 1875 endete seine literarische Tätigkeit. Seine Reisen führten ihn durch verschiedene Länder Europas und bis nach Java. Später arbeitete er in Aden und im ostafrikanischen Harar als Kaufmann, unterhielt Handelsverbindungen und beteiligte sich zeitweise am Waffenhandel.
Die erhaltenen Briefe berichten von geschäftlichen Unternehmungen, finanziellen Schwierigkeiten und Reiseplänen. Er suchte nach Wegen, seine wirtschaftliche Existenz zu sichern. Die Dichtung seiner Jugend fand in dieser Korrespondenz kaum noch Erwähnung.
Manche Interpreten sahen in seiner Abkehr von der Literatur die letzte Konsequenz seiner poetischen Revolte. Andere vermuteten eine Erschöpfung seiner schöpferischen Möglichkeiten oder eine Enttäuschung über den Erkenntnisanspruch, den er einst mit der Dichtung verbunden hatte. Auch die Vorstellung, sein Schweigen sei selbst noch ein letzter dichterischer Akt gewesen, gehört zu den Versuchen, seinen Lebensabschnitten eine gemeinsame geistige Absicht zuzuschreiben. Keine dieser Deutungen lässt sich durch die Briefe und die übrigen erhaltenen Zeugnisse überzeugend belegen.
1891 kehrte er schwer krank nach Frankreich zurück. Wegen eines bösartigen Tumors musste ihm in Marseille das rechte Bein amputiert werden. Seine letzten Monate waren von zunehmenden Schmerzen geprägt. Seine Schwester Isabelle begleitete ihn während seiner Krankheit. Am 10. November starb Arthur Rimbaud im Alter von 37 Jahren.
Rimbaud und die Geburt der modernen Poesie
André Breton und die Surrealisten erkannten in seinen Gedichten eine künstlerische Erfahrung, an die sie mit ihrer Beschäftigung mit dem Traum und dem Unbewussten anknüpfen konnten. Die ungewöhnlichen Bildverbindungen hatten den vertrauten Zusammenhang der sinnlichen Erscheinungen verändert und einer poetischen Anschauung Ausdruck verliehen, die für die französische Literatur des 20. Jahrhunderts folgenreich wurde.
Die Anerkennung seiner dichterischen Leistung begann bereits, als er längst in Ostafrika lebte. Verlaine trug zu seiner Bekanntheit bei, seine Gedichte gelangten in Zeitschriften und fanden Leser. Spätere Generationen beschäftigten sich mit einem Werk, das innerhalb weniger Jugendjahre entstanden war und dessen Verfasser an der literarischen Entwicklung Frankreichs keinen erkennbaren Anteil mehr nahm.
Der Sechzehnjährige, der 1871 die Entstehung seiner Gedanken beobachtete und das Ich als einen anderen bezeichnete, hatte von der Dichtung eine Erkenntnis verlangt, die weit über die gewohnten Erfahrungen des Bewusstseins hinausreichen sollte. In seinen Gedichten verfolgte er diesen Anspruch mit einer Entschiedenheit, die selbst die überlieferte Vorstellung poetischer Schöpfung veränderte. Die Literaturgeschichte hat sein späteres Verstummen mit der gleichen Leidenschaft zu begreifen versucht, mit der sie seine Verse deutete. Doch die Erklärung, die man von seiner Lebensgeschichte erwartete, findet sich weder in den Gedichten noch in seinen afrikanischen Briefen. Was als dichterisches Experiment mit dem fremden Ich begonnen hatte, wurde von späteren Generationen weitergedacht, während er selbst der Literatur längst den Rücken gekehrt hatte.
