Neue Reihenfolge: Der Union folgen nicht die SPD oder Grüne, sondern die AfD

AfD-Logo, Quelle: SGL

Die großen Veränderungen in den Sonntagsfragen zur Bundestagswahl finden große Aufmerksamkeit. Die Reihenfolge der Parteien hat sich geändert. Der CDU/CSU folgt nicht die SPD oder Bündnis90/Die Grünen, sondern die AfD. Die SPD steht an dritter Stelle und die Grünen kommen nicht mehr aufs Treppchen. Eine grüne Kanzlerkandidatur hat aktuell wenig Erfolgsaussichten. Die FDP ist klar einstellig und beim Blick auf die sicheren Stimmen (4 Prozent) sogar gefährdet, an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern. Das Gleiche gilt für die Linke, die weder bei den sicheren Stimmen (3 Prozent) noch bei der aktuellen Sonntagsfrage den Einzug ins Parlament schaffen würde. Häufig werden aus dem Trend bei Bundestagswahlen Rückschlüsse auf andere Wahlen gezogen, zum Beispiel auf Europa- oder Landtagswahlen. Das ist auch nicht falsch, weil Trends sich durchziehen. Eine Partei, der der Wind bundesweit ins Gesicht weht, spürt das gewöhnlich auch, wenn auf anderen Ebenen Wahlen stattfinden.

Wir haben in unserem aktuellen Meinungstrend die Sonntagsfrage auch für die Europa- und Landesebene erhoben und die Befragten danach gefragt, was sie wählen würden, wenn kommenden Sonntag Europawahlen bzw. Landtagswahlen wären. Das Ergebnis zeigt, dass es Unterschiede gibt, wenn man die Ebenen einzeln betrachtet: Die CDU/CSU würde bei zeitgleich stattfindenden Europawahlen (28 Prozent) oder Landtagswahlen (auch 28 Prozent) jeweils zwei Prozentpunkte besser abschneiden als bei Bundestagswahlen (26 Prozent). Bündnis90/Die Grünen würden bei Landtagswahlen (15,5 Prozent) ebenfalls zwei Prozentpunkte besser abschneiden als bei Bundestagswahlen (13,5 Prozent).  SPD (21 statt 19,5 Prozent) und AfD (22,5 statt 21 Prozent) wären bei Europawahlen eineinhalb Prozentpunkte stärker als bei Bundestagswahlen. Der Unterschied zu Landtagswahlen liegt aktuell bei beiden Parteien nur bei einem halben Prozentpunkt.

Einen entscheidenden Einfluss hat bei allen Wahlen die Wahlbeteiligung. Diese ist bei Bundestagswahlen gewöhnlich höher als bei Landtags- und Europaparlamentswahlen. Deshalb kommt es hier ganz entscheidend darauf an, wie den Parteien die Mobilisierung gelingt. An der letzten Wahl zum Europaparlament hat nur jeder zweite Deutsche (50,66 Prozent) teilgenommen. Dass es erneut keine Fünf- oder Drei-Prozent-Hürde geben wird, erhöht die Chancen kleinerer Parteien ins Europaparlament einzuziehen. Es gibt weniger „verlorene“ Stimmen. Manche Beobachter rechnen auch damit, dass neue Parteien – zum Beispiel eine eigene Liste der bisherigen Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht – antreten könnten. All das wird natürlich Einfluss auf die Stärke der bisher im Bundestag vertretenen Parteien haben. Gerade weil sich in den letzten zwölf Monaten in der politischen Stimmung in Deutschland so viel getan hat, werden auch alle Landtagswahlen und die Europaparlamentswahl, die vor der nächsten Bundestagswahl stattfinden, besonders große Aufmerksamkeit erhalten. Diese Wahlen werden die Veränderungen dokumentieren, die die Umfragen seit Monaten andeuten.

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Hermann Binkert ist 57 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Der Jurist ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Markt- und Meinungsforschungsinstituts INSA-CONSULERE. Bevor er INSA im November 2009 in Erfurt gründete, war Binkert 18 Jahre im öffentlichen Dienst, zuletzt als Staatssekretär in der Thüringer Staatskanzlei und Bevollmächtigter des Freistaats Thüringen beim Bund, tätig. Heute gehört er zu den renommiertesten Meinungsforschern Deutschlands und erhebt Umfragen für Ministerien im Bund und in den Ländern, für alle Parteien und Fraktionen, die im Bundestag und in den Landtagen vertreten sind. Wöchentlich stellt INSA die Sonntagsfrage für die Bild am Sonntag und die BILD. Das Meinungsforschungsinstitut arbeitet für viele großen Verlage, z. B. Springer, Burda, Funke, Madsack. Es führt aber auch Fokusgruppengespräche und Testkäufe durch.