Deutschland-Frust wächst: Jeder Siebte denkt ans Auswandern – Junge besonders häufig

Bundestag, Volke, Deutschland image. Quelle: benjaminkerber, Pixabay License, Freie kommerzielle Nutzung

Eine neue Umfrage zeigt wachsende Unzufriedenheit und tiefe politische Gräben. 14 Prozent der Befragten planen, Deutschland in den kommenden fünf Jahren zu verlassen. Gleichzeitig wünschen sich viele mehr Berichte über Gewalttaten von Ausländern, während die Wähler an den politischen Rändern besonders fest zu ihren Parteien stehen.

Nur noch jeder Dritte will derzeit für die drei Parteien der schwarz-roten Regierungskoalition stimmen und drei Viertel der Deutschen sind unzufrieden mit der Bundesregierung. Da stellt sich für manchen eventuell die Frage nach einer Auswanderung aus Deutschland.

Jeder siebte Befragte (14 Prozent) plant, in den nächsten fünf Jahren auszuwandern. Mehr als zwei Drittel (68 Prozent) verneinen die Frage. Deutliche Unterschiede gibt es zwischen den Altersgruppen: Gut jeder Vierte unter 40-Jährige (24 bzw. 27 Prozent) plant auszuwandern, aber nur jeder 25. über 70-Jährige (4 Prozent). Mit zunehmendem Alter sinkt der Auswanderungswunsch auch bei den mittleren Altersgruppen von 15 Prozent bei den 40-49-Jährigen, über 12 Prozent bei den 50-59-Jährigen bis zu acht Prozent bei den 60-69-Jährigen.

Weiter zeigen sich große Unterschiede in der Wählerschaft der Parteien: Fast jeder fünfte Wähler von AfD (19 Prozent) und Linkspartei (18 Prozent) plant auszuwandern. Wähler des BSW (15 Prozent), der SPD (14 Prozent), der CDU/CSU (13 Prozent), der Grünen (10 Prozent) und der FDP (7 Prozent) tun dies hingegen etwas seltener.

Über den Zusammenhang von veröffentlichter Meinung und öffentlicher Meinung wird viel diskutiert. Wir wollten wissen, ob aus der Sicht der Befragten in den Medien zu viel oder zu wenig über Gewalttaten von Ausländern berichtet wird. 18 Prozent meinen zu viel, mehr als doppelt so viele (39 Prozent) zu wenig und jeder Dritte (33 Prozent) findet das Ausmaß der Berichterstattung gerade richtig. Auch hier zeigen sich große Unterschiede zwischen den Altersgruppen: Jeder dritte 18-29-Jährige (33 Prozent) findet, dass zu viel über Gewalttaten von Ausländern berichtet wird, unter den über 70-Jährigen sagt das nur jeder Zehnte (10 Prozent). Umgekehrt findet nur knapp jeder Vierte (24 Prozent) aus der jüngsten Altersgruppe, dass zu wenig über Gewalttaten von Ausländern berichtet würde, in der ältesten Altersgruppe sagt das annährend jeder Zweite (47 Prozent). Dieser Unterschied zeigt sich auch in der politischen Selbstverortung der Befragten: Befragte, die sich politisch selbst links der Mitte verorten (30 Prozent zu viel, 21 Prozent zu wenig und 43 Prozent weder zu viel noch zu wenig) sind mit dem derzeitigen Ausmaß an medialer Berichterstattung über Gewalttaten von Ausländern deutlich zufriedener als Befragte, die sich selbst in der politischen Mitte (16 Prozent zu viel, 42 Prozent zu wenig und 34 Prozent weder zu viel noch zu wenig)  oder rechts der politischen Mitte (9 Prozent zu viel, 64 Prozent zu wenig und 22 Prozent weder zu viel noch zu wenig) verorten.

Bei den Unterschieden in den politischen Erwartungen zwischen den Wählergruppen und der Stabilität der politischen Stimmung in der Sonntagsfrage, wird der Blick darauf, ob sich die Befragten sehr sicher sind, dass ihre Wahlabsicht auch bis zum tatsächlichen Wahltag hält, immer interessanter: Gut jeder Zweite (52 Prozent) ist sich sehr sicher, jeder Dritte (34 Prozent) ist sich eher sicher und jeder Neunte (11 Prozent, kumuliert) eher oder sehr unsicher. Wenn wir auf die sehr sicheren Stimmen der Parteien schauen, sehen wir, dass die AfD (65 Prozent) und die sonstigen Parteien (61 Prozent) die meisten sehr sicheren Wähler haben. Dahinter kommen die Linkspartei (53 Prozent), die CDU/CSU (49 Prozent), die SPD (44 Prozent), die Grünen (43 Prozent), die FDP (40 Prozent) und das BSW (30 Prozent). Insbesondere die ganz kleinen Parteien, die mangels Masse in den Sonntagsfragen gar nicht aufgeführt werden, haben verhältnismäßig viele sehr treue Wähler, die sich auch nicht davon abschrecken lassen, dass ihre Stimme „verloren“ geht.

Ob Auswanderungswunsch, Bewertung der Medienberichterstattung oder Treue zur eigenen Partei – in allen drei Befragungsergebnissen zeigt sich derselbe Befund: Die politischen Lager in Deutschland driften spürbar auseinander, und gerade links und rechts im Parteienspektrum wächst sowohl der Unmut über den Status quo als auch die Entschlossenheit, der eigenen Wahlentscheidung treu zu bleiben.

Über Hermann Binkert 605 Artikel
Hermann Binkert ist 57 Jahre alt, verheiratet und Vater von vier Kindern. Der Jurist ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Markt- und Meinungsforschungsinstituts INSA-CONSULERE. Bevor er INSA im November 2009 in Erfurt gründete, war Binkert 18 Jahre im öffentlichen Dienst, zuletzt als Staatssekretär in der Thüringer Staatskanzlei und Bevollmächtigter des Freistaats Thüringen beim Bund, tätig. Heute gehört er zu den renommiertesten Meinungsforschern Deutschlands und erhebt Umfragen für Ministerien im Bund und in den Ländern, für alle Parteien und Fraktionen, die im Bundestag und in den Landtagen vertreten sind. Wöchentlich stellt INSA die Sonntagsfrage für die Bild am Sonntag und die BILD. Das Meinungsforschungsinstitut arbeitet für viele großen Verlage, z. B. Springer, Burda, Funke, Madsack. Es führt aber auch Fokusgruppengespräche und Testkäufe durch.