Bergsveinn Birgisson: Die Landschaft hat immer Recht

Monopteros im Englischen Garten in Muenchen, Foto: Stefan Groß

Bergsveinn Birgisson: Die Landschaft hat immer Recht. Roman, Residenz Verlag, Salzburg/Wien 2018, ISBN: 978-3-7017-1695-1, 22 Euro

Der noch weitgehend unbekannte isländische Autor Bergsveinn Birgisson studierte altnordische Literatur in Bergen (Norwegen), spezialisierte sich auf altisländische Poesie und Mythologie und verfasste promovierte zur skaldischen Dichtung. Sein erster Roman, Landslag er aldrei asnalegt (‚Landschaft ist niemals dumm‘), wurde im Jahr 2003 herausgegeben und kurz darauf für den Isländischen Literaturpreis nominiert. Darin beschreibt der Autor das Leben von Seemännern in einem entlegenen isländischen Fischerdorf in den Westfjorden. Strom und Fernsehen fallen regelmäßig aus, das Internet ist nur vom Hörensagen bekannt, so dass das Leben ganz nach traditionellen Riten verläuft. In deutscher Übersetzung erscheint das Werk 2018 unter dem Titel „Die Landschaft hat immer recht“.

Der Roman beginnt mit einer kurzen offiziellen Erklärung (S. 7f): Der Vorsteher des Bezirks, in dem die Handlung spielt, erzählt in einem Manuskript an einen unbekannten Herausgeber, das Tagebuch der Hauptperson Halldór Benjaminsson, genannt Dori, gekommen ist und dass er es an einigen Stellen ergänzt hat. Danach geht es in normaler, gewohnter Kapiteleinteilung weiter.

Der Fischer Dori lebt in einem Wohnheim an einem der Fjorde im Westen Islands gemeinsam mit Kollegen, die die Rauheit der Natur in ihren Emotionen übernommen zu haben scheinen. Er erzählt in seinem Tagebuch, das einer historischen Chronik ähnelt, von seinen Erlebnissen als Fischer, seinem Leben im Wohnheim, von den Naturgewalten, Wind und Wetter, die den Ablauf des Tages bestimmen, Einsamkeit und von seinen Begegnungen mit den Einwohnern der umliegenden Region.

Der Frauenmangel in dieser entlegenen Region führt dazu, dass sich Doris Kollegen Pornofilme absehen oder einen langen Weg auf sich nehmen, um eine Striptease-Bar zu besuchen. Dori untescheidet sich von den übrigen ruppigen Charakteren dadurch, dass er sich mit philosophischen Fragen und dem Sinn der Dinge beschäftigt und seiner Sehnsucht nach der großen Liebe des Lebens. Er verbringt aber seine Freizeit lieber mit dem alten Weisen Jónmundur, der nach einem Schlaganfall ans Bett gefesselt ist, und diskutiert mit ihm über Tod, Vergänglichkeit und die Liebe. Einen Verweis auf den Titel des Buches „Die Landschaft hat immer Recht“ findet sich bei einem Gespräch zwischen Dori und Jónmundur.

Seine Enttäuschung über den schlechten Charakter einer Frau, die als Haushälterin im Fischerwohnheim ihre Arbeit aufnimmt, und für die er zärtliche Gefühle hegte, wird breit thematisiert. Doch bald taucht eine neue Liebe auf, die den weiteren Verlauf des Romans prägt.

Die Stimmung des Romans erfasst alle emotionalen Komponenten: die raue Natur, die Tragik des Lebens, Einsamkeit, die Würde der Landschaft, philosophische Fragen, Humor, Melancholie, das Leben mit den Naturgewalten, Gefühle, Träume, Poesie und nicht zuletzt die Liebe, das hegemoniale Thema des Romans. Es sind also eigenwillige Charaktere: derbe nordische Mannsbilder, das harte Leben der Fischer Wind und Wetter trotzend, der einfühlsame Dori, der weise Jónmundur.

Das Buch ist eine Hommage an die Natur, dem einfachen traditionellen Leben in Island und wird mit viel Gefühl und Leidenschaft erzählt. An vielen Stellen spürt man, dass der Autor altisländische Dichtung und Sprache studiert hat. Landschaft und Natur als Poesie, inspiriert von der Liebe, und gleichzeitig herrschende Gestalt über das Leben der Menschen in den Fjorden prägen diesen lesenswerten Roman.

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.