Identitätspluralität als Chance

Ich habe einen Bekannten. Ein junger Mann, Muslim, Deutscher, Akademiker, Fußballfan und vieles mehr. Schon früh betraute man ihn auf kommunaler Ebene mit politscher Verantwortung. Heute arbeitet er für eines der führenden Internetunternehmen in Irland. Eigentlich jemand, der mit seiner identitären Vielfalt im Einklang steht. Und doch weiß er nicht recht, wer er wirklich ist, wo er hingehört. Ist er Muslim, Deutscher, gar Europäer?

Das Leben hat mosaikhafte Formen

Damit ist er nicht alleine, sondern einer von vielen. Denn wir leben in Zeiten, in denen das Leben mosaikhafte Formen annimmt. Wir selbst werden zu einem Flickenteppich aus Ideen, Vorstellungen, Lebensweisen. „Bastelidentitäten“ nennen es die Soziologen. Wir leben mehrere Leben in einem. Wir sind Menschen, Eltern, Gläubige, vielleicht Syrer und jetzt auch Deutsche, dort Politiker, hier Informatiker, jetzt Briefmarkensammler, dann Rammstein-Fans. Wir wechseln oft unsere Arbeitsstelle, gar unseren Beruf, unsere Lebenspartner, Wohnorte, Interessen, Parteien. Wir sind überall gleichzeitig und doch nirgendwo. Je est un autre war gestern. Je est tout les autres ist heute.

Von der widersprüchlichen Identitätspluralität

Man wird nicht müde, darauf hinzuweisen, dass diese Identitätspluralität – so schön ihre Freiheit und Vielfalt auch sein mag – nicht nur widersprüchlich, sondern auch zerreißend sein kann. Dass Menschen mit dieser Komplexität nicht immer zurechtkommen, sich nach Einfachheit sehnen, deshalb dort suchen, wo man einfache Antworten bietet, singuläre Identitäten. Manche flüchten sich in ihre Heimat, in den Nationalismus, andere über seine Grenze hinaus, um sich einem Heiligen Krieg gegen die einstige Heimat zu radikalisieren.

Die Mannigfaltigkeit an Identitäten ist eine Herausforderung

Es mag sein, dass diese Mannigfaltigkeit an Identitäten eine Herausforderung ist. Dass es zu Sinnkrisen kommt, wenn metaphysische Weltbilder zusammenkippen und vorgegebene Weltanschauungen nicht mehr greifen. Doch vielmehr ist diese Vielfalt eine Möglichkeit. Mag man dem indischen Nobelpreisträger Amartya Sen glauben, führen singuläre Identitäten allzu oft zu Konflikten, egal, ob im Mikro- oder Makrokosmos, in der Person selbst oder dem Konglomerat der Personen, dem Staat. Eine Vielzahl von Identitäten hingegen bieten mehr Möglichkeiten, sich mit dem anderen zu identifizieren. Briefmarkensammler gibt es auf der ganzen Welt.
Aber vor allem bietet Identitätspluralität die Möglichkeit, sich zu dem zu entwickeln, der oder die man sein will. Während rigide, singuläre Identitäten dem entgegenwirken, ein Herausbrechen aus dem Einzelnen nicht zulassen wollen, schafft eine Mehrzahl an Identitäten eine Offenheit des Seins. Sie beinhaltet ein Wählen-, Gewichten- sowie ein Sich-entwerfen-können, auch wenn dies anfangs mit einem Unbehagen der Geworfenheit einhergehen mag. Im existenziellen Sinne folgt sie dem Sartre'schen Diktum „l'existence précède l'essence“ („Die Existenz geht dem Wesen voraus“). Identitätspluralität bedeutet also Freiheit. Freiheit sich als Weltbürger zu sehen, als Europäer, aber auch gleichzeitig als Deutscher und Muslim. Ganz gleich ob heute oder morgen.

Identitätspluralität als Chance

Er ist nicht strikt kommunitaristisch, nicht etwas Inhärentes, das wir entdecken, anstatt uns frei dafür zu entscheiden. Nicht eine romantische Idee der Authentizität eines verborgenen Ichs, das darauf wartet, herausgegraben und zum Vorschein gebracht zu werden. Nein, er ist Existenz im Werden, Möglichkeit, Freiheit. Deswegen müssen wir – ohne natürlich gleichzeitig seine Risiken zu verkennen – die Identitätspluralität und den mit ihr eihergehenden Pluralismus als Chance begreifen.

Meinem Bekannten erzählte ich von der Banyan-Feige, einem mythischen Baum, der in Indien heilig ist. Die Samen des Banyan-Baums werden von Vögeln in ihren Mäulern getragen, bis sie irgendwo zur Erde fallen. Wenn sie auf einem fremden Baum landen, ernähren sie sich zunächst von diesem und lassen Luftwurzeln bis zum Boden wachsen. Irgendwann bilden sie Erdwurzeln und einen eigenen Stamm um den bereits bestehenden Stamm des Wirtbaumes. Immer wieder wachsen neue Luftwurzeln und auch Baumstämme. Der Banyan-Baum ist nicht einer, er ist viele. Er ist nicht einfach verwurzelt, sondern vielmalig und -seitig.Aus seiner Geworfenheit heraus macht er sich in der Luft und in der Fremde ein Zuhause mit unzähligen Wurzeln.
Der Text erschien zuerst auf „The European“

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