57 Prozent der deutschen Unternehmen ab 20 Beschäftigten setzen inzwischen künstliche Intelligenz ein. Vor zwei Jahren waren es erst 20 Prozent. Die Technologie verbreitet sich in bemerkenswertem Tempo. Doch die Mehrheit der Unternehmen steht bei ihrer Nutzung noch am Anfang. Ob daraus ein dauerhafter wirtschaftlicher Vorteil entsteht, ist deshalb längst nicht entschieden.
Künstliche Intelligenz hat innerhalb kurzer Zeit einen festen Platz in zahlreichen deutschen Unternehmen gefunden. Nach einer Untersuchung des Digitalverbands Bitkom setzen inzwischen 57 Prozent der Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten entsprechende Technologien ein. Im Jahr 2025 lag der Anteil noch bei 36 Prozent, 2024 waren es lediglich 20 Prozent. Innerhalb von zwei Jahren hat sich die Nutzung damit nahezu verdreifacht. Weitere 38 Prozent der Unternehmen planen oder diskutieren den Einsatz. Lediglich vier Prozent geben an, dass künstliche Intelligenz für sie kein Thema sei. Grundlage der im September 2026 veröffentlichten Ergebnisse ist eine repräsentative Befragung von 603 Unternehmen mit mindestens 20 Beschäftigten. Die Zahlen belegen eine schnelle Verbreitung. Sie sagen allerdings noch nicht aus, in welchem Umfang sich dadurch die Produktivität der gesamten deutschen Wirtschaft verändert.
Die Einführung einer Technologie ist noch kein wirtschaftlicher Erfolg
Besonders aufschlussreich ist die Einschätzung der Unternehmen, die künstliche Intelligenz bereits verwenden. Nach Angaben von Bitkom erklärte keines der befragten Unternehmen, das Potenzial der Technologie schon vollständig auszuschöpfen. Lediglich drei Prozent gaben an, die vorhandenen Möglichkeiten bereits eher stark zu nutzen. Daraus ergibt sich ein deutlicher Unterschied zwischen technischer Einführung und tatsächlicher wirtschaftlicher Verwendung. Eine neue Software kann in einem Unternehmen verfügbar sein, ohne dass dadurch sämtliche Arbeitsabläufe effizienter werden. Entscheidend ist, für welche Aufgaben sie eingesetzt wird, wie zuverlässig die Ergebnisse sind und ob sich daraus messbare Verbesserungen ergeben.
Damit künstliche Intelligenz wirtschaftlichen Nutzen schafft, müssen häufig bestehende Prozesse verändert werden. Beschäftigte benötigen entsprechende Kenntnisse, vorhandene Daten müssen sinnvoll genutzt werden und technische Anwendungen müssen mit betrieblichen Systemen zusammenarbeiten. Hinzu kommt die Notwendigkeit, Ergebnisse zu kontrollieren und mögliche Fehler zu berücksichtigen. Solche organisatorischen Veränderungen können aufwendiger sein als die eigentliche Einführung der Software. Der wirtschaftliche Fortschritt hängt daher nicht ausschließlich davon ab, wie leistungsfähig eine Anwendung ist. Ebenso wichtig ist, ob ein Unternehmen seine Arbeitsabläufe so gestaltet, dass die Technik tatsächlich einen Nutzen bringt.
Besonders im Kundenkontakt ist künstliche Intelligenz verbreitet
Die Bitkom-Untersuchung zeigt, in welchen Unternehmensbereichen künstliche Intelligenz bereits verwendet wird. Unter den Betrieben, die entsprechende Technologien einsetzen, nutzen 72 Prozent sie im Kundenkontakt. Dazu gehören beispielsweise Anwendungen zur Bearbeitung und Beantwortung von Kundenanfragen. Im Marketing und in der Kommunikation liegt der Anteil bei 54 Prozent. Im Controlling und Rechnungswesen setzen 25 Prozent der KI-Anwender die Technologie ein, im internen Wissensmanagement sind es 22 Prozent. Ebenfalls 22 Prozent verwenden künstliche Intelligenz in der Produktion. Im Bereich Forschung und Entwicklung beträgt der Anteil 16 Prozent. Diese Angaben beziehen sich jeweils auf Unternehmen, die bereits KI nutzen, und nicht auf sämtliche befragten Betriebe.
Die Verteilung zeigt, dass sich künstliche Intelligenz zunächst besonders stark in Bereichen verbreitet, in denen Informationen verarbeitet, Texte erstellt oder standardisierte Vorgänge unterstützt werden können. Der Einsatz in industriellen Produktionsprozessen kann andere Voraussetzungen erfordern. Dort müssen technische Systeme teilweise mit Maschinen, Steuerungsanlagen und speziellen Unternehmensdaten verbunden werden. Außerdem können höhere Anforderungen an Zuverlässigkeit und Kontrolle bestehen. Deshalb ist die wirtschaftliche Nutzung in einzelnen Branchen und Unternehmensbereichen unterschiedlich weit entwickelt. Aus einer hohen Verbreitung im Kundenservice lässt sich nicht unmittelbar ableiten, dass sich sämtliche industriellen Tätigkeiten in vergleichbarem Umfang automatisieren lassen.
Unternehmen berichten bereits von messbaren Vorteilen
Viele der Unternehmen, die künstliche Intelligenz einsetzen, bewerten ihre Erfahrungen positiv. Nach der Bitkom-Untersuchung geben 66 Prozent an, ihre Wettbewerbsposition durch die Technologie verbessert zu haben. 48 Prozent berichten von deutlich beschleunigten internen Prozessen, während 45 Prozent einen messbaren Beitrag zum Unternehmenserfolg erkennen. Diese Ergebnisse zeigen, dass künstliche Intelligenz bereits über die Phase rein technischer Erprobung hinausgeht und in zahlreichen Betrieben wirtschaftlich relevant geworden ist. Die Angaben beruhen allerdings auf den Selbsteinschätzungen der befragten Unternehmen. Sie ermöglichen keine genaue Berechnung, um wie viel die gesamte deutsche Wirtschaftsleistung durch künstliche Intelligenz gestiegen ist.
Der tatsächliche Nutzen kann sich zwischen Unternehmen erheblich unterscheiden. Eine Anwendung kann beispielsweise Bearbeitungszeiten verkürzen und damit vorhandene Arbeitskapazitäten freisetzen. In anderen Fällen können Unternehmen durch technische Unterstützung neue Leistungen anbieten oder bestehende Produkte verbessern. Ob daraus zusätzliche Gewinne entstehen, hängt auch von den Kosten der Einführung und des laufenden Betriebs ab. Eine Zeitersparnis ist wirtschaftlich bedeutsam, führt aber nicht zwangsläufig in gleicher Höhe zu einer höheren Wertschöpfung. Für eine umfassende Produktivitätsbewertung müssten deshalb weitere Daten über tatsächliche Kosten, Arbeitsleistungen, Umsätze und langfristige Effekte herangezogen werden.
Rechtliche Unsicherheit und fehlendes Wissen bremsen die Entwicklung
Die Befragung zeigt auch erhebliche Hindernisse beim Einsatz künstlicher Intelligenz. 66 Prozent der Unternehmen nennen Datenschutzanforderungen als eine wesentliche Schwierigkeit. 56 Prozent verweisen auf rechtliche Unsicherheiten. Unter den Unternehmen, die bislang keine künstliche Intelligenz verwenden, führen 85 Prozent fehlendes technisches Wissen als einen Grund an. Die Zahlen machen deutlich, dass die technologische Entwicklung nicht unabhängig von rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen betrachtet werden kann. Unternehmen müssen wissen, welche Daten sie verwenden dürfen, wie Anwendungen kontrolliert werden können und welche Verantwortung mit ihrem Einsatz verbunden ist.
Besonders für kleinere und mittlere Betriebe kann der Aufbau entsprechender Kenntnisse eine Herausforderung darstellen. Sie müssen abwägen, welche Anwendungen wirtschaftlich sinnvoll sind und welche finanziellen oder personellen Ressourcen dafür benötigt werden. Gleichzeitig sollen Datenschutz und rechtliche Sicherheit gewährleistet bleiben. Eine erfolgreiche Digitalisierung setzt deshalb sowohl technische Kompetenz als auch nachvollziehbare Regeln voraus. Unsicherheit kann Investitionsentscheidungen erschweren, während fehlendes Wissen dazu führen kann, dass vorhandene Möglichkeiten nicht genutzt werden. Die große Zahl der Unternehmen, die den KI-Einsatz bislang nur planen oder diskutieren, zeigt, dass solche Entscheidungen vielerorts noch bevorstehen.
Die Beschäftigten müssen den technischen Wandel mittragen
Die Unternehmen reagieren zunehmend auf den Qualifizierungsbedarf. Nach Angaben von Bitkom schulen inzwischen 70 Prozent ihre Beschäftigten im Umgang mit künstlicher Intelligenz. Im Vorjahr lag dieser Anteil bei 43 Prozent. Der deutliche Zuwachs zeigt, dass Weiterbildung zu einem wichtigen Bestandteil des technologischen Wandels geworden ist. Neue Anwendungen verändern nicht nur einzelne technische Werkzeuge, sondern teilweise auch die Anforderungen an berufliche Tätigkeiten. Beschäftigte müssen verstehen, wofür die Systeme geeignet sind, welche Ergebnisse überprüft werden müssen und welche Aufgaben weiterhin fachliche Erfahrung erfordern.
Dabei kann vorhandenes berufliches Wissen besonders wertvoll bleiben. Wer betriebliche Prozesse, Kundenbedürfnisse oder technische Anforderungen genau kennt, kann besser beurteilen, an welchen Stellen künstliche Intelligenz sinnvoll eingesetzt werden kann. Die Technologie ersetzt deshalb nicht automatisch die Bedeutung menschlicher Fachkenntnisse. In vielen Fällen kommt es darauf an, vorhandene Fähigkeiten mit neuen Werkzeugen zu verbinden. Für die Unternehmen ergibt sich daraus eine langfristige Qualifizierungsaufgabe. Die wirtschaftliche Wirkung der Technologie hängt nicht nur von Investitionen in Software und Infrastruktur ab, sondern auch davon, ob die Beschäftigten ihre Möglichkeiten fachgerecht nutzen können.
Die Unternehmen sehen Chancen und fürchten zugleich den Wettbewerb
Die Bitkom-Untersuchung zeigt eine bemerkenswerte Gleichzeitigkeit von Zuversicht und Sorge. 91 Prozent der befragten Unternehmen betrachten künstliche Intelligenz als wichtigste Zukunftstechnologie. 80 Prozent bewerten sie überwiegend als Chance. Gleichzeitig sehen 34 Prozent durch die Entwicklung ihre eigene wirtschaftliche Existenz bedroht. Im Vorjahr hatte dieser Anteil noch bei 23 Prozent gelegen. Diese unterschiedlichen Einschätzungen müssen sich nicht widersprechen. Technologischer Fortschritt kann neuen wirtschaftlichen Nutzen schaffen und gleichzeitig bestehende Geschäftsmodelle verändern. Unternehmen, die neue Technologien erfolgreich einsetzen, können ihre Wettbewerbsposition verbessern. Andere geraten möglicherweise unter Druck, wenn bisherige Leistungen günstiger oder schneller erbracht werden können.
Daraus folgt jedoch nicht, dass sich bereits zuverlässig vorhersagen lässt, welche Branchen langfristig gewinnen oder verlieren werden. Die konkreten Auswirkungen hängen unter anderem von den eingesetzten Anwendungen, der Nachfrageentwicklung und den Reaktionen der Unternehmen ab. Für die deutsche Wirtschaft wird entscheidend sein, wie gut Betriebe ihre vorhandenen Kenntnisse mit neuen technischen Möglichkeiten verbinden. Besonders dort, wo komplexe industrielle Produkte, spezialisierte Dienstleistungen und anspruchsvolle technische Verfahren eingesetzt werden, können branchenspezifische Anwendungen wirtschaftlich interessant sein. Ob sich diese Möglichkeiten verwirklichen lassen, muss sich allerdings an tatsächlichen Kosten und Ergebnissen zeigen.
Die wirtschaftliche Bewährungsprobe beginnt erst
Die Untersuchung belegt, dass künstliche Intelligenz inzwischen in einem großen Teil der deutschen Unternehmenslandschaft angekommen ist. Die Mehrheit der befragten Betriebe ab 20 Beschäftigten verwendet entsprechende Technologien. Viele berichten bereits von verbesserten Abläufen und wirtschaftlichen Vorteilen. Gleichzeitig schöpft nach eigener Einschätzung kein befragtes Unternehmen die Möglichkeiten vollständig aus. Die Verbreitung der Technologie ist damit weiter fortgeschritten als ihre umfassende wirtschaftliche Nutzung. Für die kommenden Jahre wird entscheidend sein, ob es gelingt, aus einzelnen Anwendungen dauerhaft effizientere Prozesse, neue Produkte und eine stärkere Wettbewerbsfähigkeit zu entwickeln.
Die bloße Zahl der Unternehmen, die künstliche Intelligenz einsetzen, ist deshalb nur ein erster Maßstab. Wirtschaftlich bedeutsamer wird sein, ob die Technologie tatsächlich zu höherer Produktivität führt und ob Unternehmen damit im internationalen Wettbewerb erfolgreicher werden. Der technische Wandel ist bereits in den Betrieben angekommen. Seine langfristigen wirtschaftlichen Ergebnisse stehen noch nicht fest. 57 Prozent nutzen künstliche Intelligenz. Was sie daraus machen, wird darüber entscheiden, welchen Beitrag die Technologie künftig zum deutschen Wohlstand leistet.
