Meinhard Miegel: Über das Laster der Hoffart – Eine Hauptsünde?

Kreuz in Bayern, Foto: Stefan Groß

Noch bis in die 1960er Jahre hinein fand es sich nicht nur in den Beichtspiegeln der katholischen Kirche, zugleich galt es als die erste und schlimmste der sieben Hauptsünden: das Laster der Hoffart. Inzwischen ist nicht nur der Begriff aus der Mode gekommen. Auch das, wofür er stand, hat an Verwerflichkeit eingebüßt: Hochmut, Anmaßung, Überheblichkeit, Eitelkeit, Selbstgerechtigkeit, Narzissmus…

Wie selbstverständlich und gesellschaftlich akzeptiert das alles geworden ist, wird deutlich, wenn dem Laster der Hoffart die kontrastierenden Tugenden gegenübergestellt werden: Demut und Bescheidenheit. Wer will in der Welt von heute noch demütig und bescheiden sein? Dann lieber anmaßend, überheblich und eitel.

Ganze Erwerbszweige haben sich aufgemacht, just solche Attribute zu fördern. Ihr Daseinszweck ist es, alles und jedes zum Strahlen zu bringen und sei es bei Licht besehen auch noch so kümmerlich. Ihr Wirkungsbereich ist beinahe grenzenlos und ihre Erfolge sind beträchtlich.

Das beginnt mit dem zur Manie gesteigerten Selfie- und Facebook-Auftritten und endet bei den vielen Größenwahnsinnigen, die im Lauf der Geschichte geglaubt haben, ihr Volk oder besser noch die ganze Welt beherrschen zu können und zu müssen. Dazwischen liegt ein weites Feld, auf dem jedweder gesellschaftliche Bereich angesiedelt ist, sei es die Wissenschaft, die Kunst, die Wirtschaft und ganz besonders die Politik. Sie alle sind vollgepfropft mit Hochmut und Anmaßung, Überheblichkeit und Eitelkeit, Selbstgerechtigkeit und Narzissmus.

Welchem Wissenschaftler, welcher Wissenschaftlerin kommt es schon leicht über die Lippen, dass ihr Wissens- und Könnensschatz in Wahrheit äußerst begrenzt ist und große Lücken aufweist? Welcher Künstler tritt schon bescheiden hinter sein Werk zurück und räumt ein, dass nicht nur er, sondern eine ganze Epoche es geschaffen hat? Was wären die Berühmtheiten ihrer Zeit, die Musiker, Maler, Bildhauer, Dichter und Architekten ohne die Heerscharen derer, die im Dunkeln oder Halbdunkeln das Material bereitstellen, das sie verarbeiten?

Und dann die Wirtschaft. Da gibt es Männer und Frauen, die mit großer Selbstverständlichkeit für sich das Hundert- oder Zweihundertfache dessen beanspruchen, was sie ihren Mitarbeitern zugestehen, obwohl sie ohne diese keinen Tag überdauern würden – hochmütig, anmaßend, überheblich.

Schließlich die Politik. Nicht wenigen ihrer Repräsentanten fällt es offenkundig äußerst schwer, sich und anderen einzugestehen, dass sie, wie alle, fehlsame, von Vorurteilen und Launen gebeutelte Menschen sind, die viel weniger vermögen, als sie auf offener Bühne vorgaukeln. Die Tragik: Die Hoffart von Politikern reißt oft mehr mit als sie selbst. Sie hat schon ganze Reiche zum Einsturz gebracht.

Vielleicht lagen die Altvorderen gar nicht so verkehrt, als sie schon vor über 1500 Jahren das Laster der Hoffart, der Anmaßung und Überheblichkeit zur ersten der Hauptsünden erklärten, einer Sünde also, in der zahlreiche weitere Sünden wurzeln. Vielleicht waren wir Nachgeborenen etwas zu voreilig, dieses Laster zunächst zu bagatellisieren und ihm allmählich das Mäntelchen einer Tugend umzuhängen. Große Veränderungen beginnen im Kopf. Wie wäre es mit dieser: Demut statt Hoffart in allen Bereichen gesellschaftlichen Miteinanders. Das klingt wie ein Echo aus längst vergangener Zeit und ist doch brennend aktuell.

 

 

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