Komplimente zu machen fiel mir immer schwer

Zum Thema entmenschlichte Parteilichkeit

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Meiner Frau mal zu sagen: „Ich liebe dich“, nein, das kam mir immer zu kitschig vor. Wir standen oder lagen uns gefühlsmäßig so nahe, dass es für Worte zwischen uns keinen Platz mehr gab, nur für Andeutungen.

In der zweiten Ferienwoche kam ein Einschreibebrief vom Literatur-Institut in Heidenau an. Was soll das denn? Ich ahnte nichts Gutes. Direktor Schulz sprach mich darin wieder mit Sie an, obwohl er uns doch das Du angeboten hatte. Er verkündete mir, dass ich

                 mit Wirkung vom 1. April 1968 ohne Disziplinarverfahren vom Studium am Institut am Institut für Literatur >Johannes R. Becher< exmatrikuliert werde…

Meine Hand begann zu zittern. Und weiter hieß es:

                 Ihre Exmatrikulation erfolgt aus erzieherischen Gründen. Wir sind auf Grund bekannter Fakten der Meinung, dass Ihre gegenwärtige politische und literarische Reife nicht den Anforderungen entspricht, die wir an den werdenden sozialistischen Schriftsteller hier und heute stellen müssen. Wir empfehlen Ihnen, eine abgeschlossene berufliche Qualifikation zu erreichen. Das wird u. e. fürs nächste der Entwicklung und Festigung Ihrer Persönlichkeit und Begabung am dienlichsten sein.

INSTITUT FÜR LITERATUR

>Johannes R. Becher<

Max Walter Schulz

Direktor

Nicht, dass ich an einem Aprilscherz glaubte, aber das war so absurd, denn die Vollversammlung hatte doch gegen eine einzige Stimme, also mit fast 96 % beschlossen, dass ich erst einmal nur mein Praktikum verlängern sollte, wozu ich selbstverständlich bereit war. Und nun das? Ich fuhr aufgeregt und unverzüglich nach Leipzig, wo mich Direktor Schulz wieder vertraulich mit Du ansprach, aber irgendwie traurig, denn er verstand mich ja, aber ich müsste auch ihn verstehen. Die angespannte in- ternationale Lage. Die Entscheidung gegen mich wäre, trotz des Beschlusses der Vollversammlung, weiter oben gefällt worden. Deshalb müsste ich jetzt erst einmal aus der Schusslinie. Ja, er verwendete das Wort „Schusslinie“.

               „Wenn du hier in Leipzig bleibst, dann suche dir eine Arbeit, denn du hast ja eine Familie. Du kannst gern weiterhin unsere Bibliothek benutzen, und falls du weiterhin zum Schreiben kommst, deine Arbeiten hier begutachten lassen oder Vorlesungen und weitere Veranstaltungen besuchen…“

Nach kurzer Pause sprach er fast tröstend weiter:

               „Wenn sich alles mal wieder entkrampft hat, was ich für uns alle hoffe, dann ergibt sich für dich auch wieder eine Chance, hier dein Studium abzuschließen.“

Und tatsächlich hielte er Wort, zwar nicht mir, aber wenigen anderen Kommilitonen gegenüber, die in dieser Zeit „geext“ worden waren, wie es im Studentenjargon hieß.

Ich wollte gern wissen, wer dieses Weiteroben war, aber da guckte er mich nur ernst an, sagte jedoch nichts. Mit überschäumendem Verständnis schwirrten mir verschiedene Gedanken im Kopf herum, manche verließen mich sogar in Richtung geistiger Leere. Wohin sollte ich mich noch wenden? Gert Neumann, einer der letzten der aus diesem Studiengang Exmatrikulierten, wird es später rückblickend einmal so beurteilen: Wenn man heute betrachtet, wer zu dieser Zeit an diesem Institut gelehrt und studiert hat, dann muss das fast zwingend so sein. Im Grunde war das eine Parteischule der SED.                    

                               EXMATRIKULATION 2

                               ich gehe

                                                    ich werde gegangen

                                                                                             ich lasse mich gehen

                                aber aufrecht immer aufrecht

                                in den sturmfreien buden unterm haardach feiern

                                                asoziale dichterlaunen wilde partys

                                ein stockwerk tiefer filosofiert die ganze zunft über vernunft

                                                auch über die technik der technik

                                und ganz unten trieft etwas durch ein schlüsselloch

                                                etwas vom privatleben der urgelüste

                                was nützen da bekenntnis kenntnis und können?

                                was hilft da meine einsicht gegen die eine sicht?

                                 o magenpförtner! wem gott sein amt gibt!

                                                das passt nicht in die volksmasse des bauches

                                passt nicht in die gesellschaft der nützlichen glieder

                                               basta!

Beim Herausgehen lief ich ausgerechnet noch Genossen Dr. Pickert über den Weg, der sich auch noch erlaubte, mich mit blödem Lächeln zum Essen einzuladen. Und ich war noch blöder, die Einladung anzunehmen. Vor lauter Hunger? Nein, der war mir vergangen. Am Tisch in der Jugendstil-Mensa der Karl-Marx-Uni überbrachte er mir die Botschaft, dass ich mich unverzüglich in der SED-Kreisleitung zu melden hätte. Aha. Am Nachmittag ging ich zu der mir von Pickert vermittelten Adresse, stand vor dem Haus, ging die Stufen zum Eingang hinauf, doch vor dem Treppenaufgang gab es unübersehbar eine Pförtnerloge, wo ich meinen Ausweis zeigen musste. Ich sagte, dass ich vorgeladen sei.

                „Ja, das ist bekannt. Haben Sie Ihr Parteidokument mit?“

               „Natürlich“ sagte ich.

               „Dann geben Sie das mal her!“

Ich reichte es durch die Luke am unteren Rand der Glasscheibe. Er nahm es, blickte kurz darauf und sagte lässig:

               „Damit hat sich alles erledigt.“

               „Was?“ fragte ich noch naiv.

                „Alles! Sie können gehen. Sie sind jetzt kein Kandidat unserer Partei mehr!“

Das erste Mal in meinem Leben verspürte ich ein Schwindelgefühl. Die Füße oder die Beine oder was auch immer, alles in oder an mir wollte seinen Dienst versagen. Ich war platt. Wie ein Schwerkranker tastete ich mich am Geländer die Stufen zur Straße hinab. Wohin? Wohin sollte ich mich wenden?

Woher soll ich Hilfe erhalten? Anstatt meine neue Unterkunft in Schkeuditz aufzusuchen, gelangte ich, und es war schon Dämmerung angesagt, in die alte Unterkunft der Brandvorwerkstraße. Mein Ex-Kommilitone Frank Heine war da und wunderte sich, dass ich hier wieder auftauchte. Ich war noch so verwirrt, dass ich kaum einen vernünftigen Satz über die Lippen brachte. Die Tränen rannen mir hemmungslos übers Gesicht. Ich verbarg mein Gesicht hinter den auf dem Tisch aufgestützten Armen mit beiden Händen. Frank stellte mir nach einer Weile wortlos ein gefülltes Schnapsglas vor mich hin. Ich nahm es hoch, roch daran und stellte es wieder hin. Nein, Alkohol kann da auch nicht helfen, dachte ich mehr verschüchtert als ernüchtert, aber was? Frank machte sich reisebereit, denn er wollte in seine Heimatstadt Chemnitz fahren, wie er sagte, obwohl jeder wusste, dass die Stadt schon lange Karl-Marx-Stadt hieß. Er konnte sich solche Provokationen leisten, war er doch nicht in der SED, sondern in der Blockpartei, die sich Liberal-Demokratische Partei Deutschlands (LDPD) nannte.

                „Und wo ist Dietrich?“ fragte ich?

                „Dietrich ist schon zu Hause“.

                „Dann bin ich ganz allein heute Nacht?“

               „Seit wann hast du denn Angst, allein zu sein?“

Ich erklärte nun, was ich heute erlebt habe, wie mich die Kreisleitung beim Pförtner abgefertigt hatte:              

               „Ohne Gespräch, ohne Diskussion…“

               „Was erwartest du denn von Kommunisten?“

               „Na, dass sie… dass sie…“

Ich wusste nicht mehr, was ich antworten sollte. Ich heulte wieder. Frank riet mir:

               „Mensch, stürze dich ins Nachtleben von Leipzig, wenn du dir schon keinen Schnaps gönnst.“

               „Nachtleben? Wo gibt’s das denn?“ fragte ich.

               „Na, nicht weit von hier gibt es die ‚Regina-Bar‘, da kannste bis früh um drei Uhr tanzen. Ganz nett dort, fast immer voll. Zumeist mehr Frauen als Männer.“

                „Ne Nachtbar? Ich war noch nie in einer Nachtbar…“

               „Da kommst’e aber nur mit Schlips und Anzug rein.“

               „Ach, da fällt das schon mal aus.“

               „Wenn du willst, dann kann ich dir meinen borgen. Du hast zwar breitere Schultern… Komm her, probiere mal die Jacke.“

Ich probierte, sie passte irgendwie.

                „Na also, die Hose wird auch passen. Und hier haste sogar die Auswahl von zwei Schlipsen. Welchen willst’e?“

Ich nahm den einfarbigen Dunkelgrauen zum hellgrauen Anzug. Frank verabschiedete sich und wünschte mir viel Glück. Glück, was soll das denn? Ich musste einfach den Pechtag, den Tag der Schande wegstecken. Meiner Schande?

               PARTEIAUSSCHLUSS

                mit gallensteinen bewirft sich das zwerchfell und

                hechelt sich tot

                noch tödlicher glimmen die holzaugen der macht

                arbeiterhände biegen im verborgenen symbolisch

               an den ewig verbogenen linien

                der kurs stimmt trotzdem: tote klassiker haben schon

                vorgedacht für denkfaule zeitgenossen

                ich schließe mich als ausgeschlossener da gar nicht

aus dem hysterischen menschengewimmel

                das sich allemal um etwas schart

                was sich religion weltanschauung oder sportverein nennt

                begreife wer begreifen will die verschrienen schreie

                es hört sich nach schlachtfeld parteitag oder sportplatz an

                geschossen wird allemal: und sei es ins eigene tor

                der beifall von der falschen seite sei uns immer gewiss

                egal ob man männlich weiblich oder sonstwas ist

                ob da einer lyrik oder prosa schreibt

                doch ich trinke weder whisky noch wodka

               alle wollen nur dass ich ihr lied singe weil ich das

                staatliche konsumbrot kaue

                dabei schere ich mich einen feuchten kehricht um die

                gekauften verkäufer die mir mit rabatt drohen um

                ihnen den ochsenschwanz in der suppe zu glauben

                endlich ist mir die frömmigkeit abhanden gekommen

                denn meinen tränensäcken fehlt das salz zum traurigsein

                nun bin ich wieder parteilos und heillos zerstritten in mir

                mein loses maul bleckt die zähne und weiß nicht

                ob es lachen oder beißen soll.

„Regina-Bar“ stand mit rosaroter Neonschrift über dem Eingang. Die Tür war zu. Es gab eine Klingel. Wollte ich klingeln, wollte ich wirklich hier hinein? In eine Nachtbar hat es mich nie gezogen. Wohin sollte ich sonst? Ich blickte auf meine Taschenuhr, die ich in die linke Jackentasche gesteckt hatte, weil ich unter diesem Anzug keine Weste trug, obwohl ich ansonsten im Winterhalbjahr fast immer mit einer grauschwarzen Großvaterweste herumlief. Es war kurz vor 23 Uhr. Um diese Zeit war es fast öde und leer in der Stadt, höchstens am Hauptbahnhof war man noch nicht ganz allein. Am Marktplatz? Ich klingelte plötzlich und erschrak. Da ging eine kleine Klappe auf, ich wurde oder ich fühlte mich gemustert. Dann ging die Tür einen Spalt auf, Tanzmusik schwoll mir entgegen und dicker Zigarettenqualm. Ein stämmiger Kopf musterte mich nochmals von oben bis unten durch die zu einem Viertel geöffnete Tür:

                  „Sind Sie allein?“

Ich blickte mich um und sah keinen Menschen weit und breit. Ich nickte nur mit dem Kopf. Er öffnete die Tür ganz und ich durfte herein. Da stand ich nun, vor mir eine Tanzfläche, total voll, links eine Bar, an der alle Barhocker besetzt waren. Ich blickte mich nach einem Sitzplatz um. Vor mir auf der Tanzfläche tanzten zwei jungen Frauen miteinander. Sie guckten mich irgendwie neugierig, zugleich auch etwas frech und herausfordernd an. Die Kleinere von beiden, blond mit draller Oberweite fragte nach einer erneuten Drehung:

               „Bist du Ausländer?“

              „Wieso?“ wollte ich zurückfragen, aber irgendetwas schaltete in mir schnell. Ich nickte und murmelte etwas. Sie blieben ruckartig stehen, obwohl der Tanz noch gar nicht zu Ende war. Die Blonde fragte:

               „Woher kommst du denn?“

               „Woheeer?“ fragte ich mit leicht verstellter Stimme zurück, Akzent vortäuschend. Ich wollte Zeit gewinnen, aber die hatte ich nicht, also sagte ich:

               „Zypern.“

               „Zypern?“ fragte die Blonde zurück: „Wo liegt das denn?“

Die größere, dunkelhaarige Partnerin sprach herein:

                „Is‘ doch ’ne Insel im Mittelmeer, stimmt’s?“

Ich nickte wieder. Da zogen sie mich auch schon mit auf die Tanzfläche. Die Größere verschwand sogleich, so dass ich mit der Blonden allein tanzen sollte. Kaum, dass wir ein paar Takte getanzt hatten, war schon wieder Pause. Sie zog mich an einen Tisch, wo die Dunkelhaarige schon saß, daneben ein Mann in NVA-Uniform. Es war kein weiterer Stuhl frei. Sie schickte ihren Soldaten fort, um einen Stuhl zu suchen, währenddessen ich seinen Platz einnehmen musste. Sie stellte sich als erste vor:

               „Ich bin Evelyn!“

               „Ich bin Betty!“

Jetzt war ich dran:

               „Iiich bihn Wangelis…“

Sie guckten sich an, dann wiederholte Betty:

                „Wangelis?“

Ich nickte nur wieder. Zum Glück gab es diesen griechischen Vornamen tatsächlich, denn ich kannte zwei Griechen, die bei Heidenau aufgewachsen waren und mit denen ich im Heidenauer Albert-Schwarz-Luftbad durch sportliche Übungen am Reck in Kontakt gekommen war. Der andere hieß Kostas. Der Name gefiel mir viel besser. Warum habe ich mich bloß Wangelis genannt? Als ich von meiner Mutter erfuhr, dass mein Vater ein Zypriot war, lernte ich sogar das griechische Alphabet, aber das war’s schon. Mehr hatte ich nicht drauf. Der Soldat kam tatsächlich mit einem Stuhl zurück, gleichzeitig setzte wieder die Tanzmusik ein, die ein Diskjockey steuerte. Betty guckte mich fast schon flehentlich an, mit ihr auf die Tanzfläche zu kommen. Ich war ein höflicher Mensch, zumal mit Schlips und Anzug, der auch gern tanzte. Es war schwer, sich zu der lauten Musik während des Tanzens zu unterhalten, was mir nur recht sein konnte. Wir tanzten mal schnell, auch auseinander, doch zu langsamer Musik schmiegten die Körper sich mehr oder weniger aneinander. Ihre Augen waren braun, also waren ihre blonden Haare wahrscheinlich nur eingefärbt, ihr Sächsisch war hingegen so echt wie ordinär, doch ihre Brüste waren beachtlich. Ich roch plötzlich meinen Schweiß unter den Achseln und musste an Hanna denken. Sie wird mir verzeihen.

Die Zeit verging wahrlich schnell. Fünfzehn Minuten vor drei Uhr verstummte die Musik, die Leute bezahlten, holten ihre Garderobe und genau drei Uhr standen die Massen vor der Tür in der Kälte. Da um diese Zeit keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr fuhren, warteten viele auf ein Taxi, doch die waren ebenso knapp, wie so vieles in diesem Land. Das nutzten einige Autobesitzer und fuhren nachts die Leute von solchen Nachtbars in ihren Privatautos gegen Bezahlung nach Hause, sozusagen schwarz. Ich musste nicht ein einziges Mal daran denken, was mir heute widerfahren ist und warum ich eigentlich hier gelandet bin. Jetzt erschrak ich. Hatte ich das Glas Wasser bezahlt? Die zwei Mädchen hatten den ganzen Abend lediglich ein Gläschen Sekt getrunken, ich nur ein Glas Selterswasser.

Evelyn hatte schon zuvor ein Taxi bestellt und stritt sich mit Leuten herum, die dasselbe Taxi auch bestellt haben wollten. Unser Volksarmist entschied den Streit für sich. Ich wollte mich höflich verabschieden, doch ich wurde einfach mit auf die Hinterbank gezogen. Vorn neben dem Fahrer saß der Uniformierte. Betty sagte mir, dass wir zu Evelyn fahren, da gäbe es noch etwas zu trinken. 

Ich wusste nicht, in welchem Stadtteil Leipzigs wir gelandet waren, als wir aus dem Taxi stiegen. Wir stiegen nun in Evelyns Wohnung hoch, die im zweiten Stock eines heruntergekommenen Mietshauses lag. Das Taxi hatte der Uniformierte bezahlt, der sich mir dann als Hans-Jürgen vorstellte. Evelyns Wohnung war geschmacklos eingerichtet, wie von einer alten Frau übernommen. Sie stellte vier Weingläser auf den Tisch, dann brachte sie eine dickbäuchige Flasche Gamza-Rotwein, dessen Korken Hans-Jürgen nur mit Mühe herausziehen konnte. Was sollte ich machen? Mich als Antialkoholiker zu erkennen geben? Das wäre untypisch für einen Zyprer und ich müsste gar zu viel erklären. Also ließ ich mir das Glas ebenfalls vollschenken. Ja, dann wollte man etwas von Zypern erfahren, was wusste ich schon von Zypern?

Herzlich wenig. Ich stotterte bemüht herum, als würde es mir unendlich schwerfallen, in deutscher Sprache das beantworten zu können. Betty strich mir zärtlich übers Haar. Dann warf Hans-Jürgen ein neues Thema auf und ich war aus dem Schneider. Nach einigen Schlucken aus dem Rotweinglas begannen Hans-Jürgen und Evelyn herumzuschmusen. Betty guckte auf die Uhr und sagte:

               „Jetzt muss ich geradewegs los, denn die Bahnen fahren wieder.“

Ich fragte:

               „Wo du wohnen?“

Sie antwortete und fragte zugleich:

               „Ich in Plagwitz, und du?“

Was sollte ich sagen? Wohne ich hier oder bin ich nur auf der Durchreise? Schnell fiel mir noch ein, dass ich ja Student bin, also wohne ich hier:

               „Iiich wohnen auf… in Leutzsch.“

               „Ah, dort habe ich auch mal gearbeitet.“

               „Was du… du arbeiten?“

               „Ich bin Kranfahrerin, aber in einer Werkhalle, nicht auf der Straße. Und du?“

                „Iiich stuudiiree.“

               „Aha, und was?“

               „Literatur…“

Oh, wenn sie mich fragt, in welcher Sprache, was dann? Literatur auf Griechisch, das wäre je zu komisch, aber sie fragte nicht nach. Wir standen allein an der Haltestelle, die erste Bahn kam angerattert.

               „Du kannst ja bis zum Bahnhof fahren und musst dann umsteigen. Kennst du dich aus? Ich muss zuvor schon aussteigen.“

                „Jaa, ich mich kennen aus.“

In der Bahn unterhielten wir uns noch, dann fragte sie mich, ob ich sie heute Nachmittag besuchen wolle. Habe ich Zeit? Mein Zug führt erst morgen Mittag zurück. Heute ist schon Sonnabend. Was sollte ich antworten? Warum nicht? Bin halt neugierig, also sagte ich zu. Sie schrieb mir ihre Adresse mit Lippenstift auf eine Papiertüte, die sie in ihrer Tasche fand. Im Herausgehen an der Haltestelle warf sie mir eine angedeutete Kusshand zu und rief noch:

               „Also, 15 Uhr! Tschüü-hüss!“

Ich fuhr schon jetzt mit einem schlechten Gewissen mit der Straßenbahn die Karl-Liebknecht-Straße entlang, stieg an der Kreuzung Kurt-Eisner-Straße aus und lief zur Brandvorwerkstraße. Erst als ich wieder in der Studentenbude war, ergriff mich wieder das Grauen der Demütigung, aber heulend schlief ich dann ein, um erst gegen 14 Uhr wieder aufzuwachen. 15 Uhr hatte sie mir nachgerufen. Das kleine Biest. Sie weiß ja nicht, dass ich verheiratet bin. Wieso ist so `ne hübsche Frau noch ledig? Im Nu hatte ich Zähne geputzt, mich gewaschen und… Was soll ich anziehen? Wieder den Anzug? Nein, heute ganz lässig wie immer. Und wo bekomme ich jetzt schon oder noch Blumen her? Gibt es überhaupt schon oder noch welche? Die sind doch viel zu teuer, stellte ich fest, als ich in mein Portemonnaie guckte. Ich muss doch etwas mitnehmen, verdammt! West-Schokolade, das wär’s, aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Ich musste los, wenn ich pünktlich sein wollte.

Ich war pünktlich, was mir immer wichtig war. Auch Betty wohnte in einem Hinterhaus, in einem echt proletarischen Milieu, passend zu einem Arbeiter-und-Bauern-Staat. Ich klingelte kurz, auf dem Türschild stand „Mayer“. Sie öffnete und umarmte mich augenblicklich, als wären wir uns schon seit Ewigkeiten nahe. In der Stube, armselig eingerichtet, stand ein großer brauner Kachelofen, um den eine Leine gespannt war, auf der Windeln hingen. Sie musste also ein kleines Kind, ein Baby haben. Sie fragte mich, nachdem sie mir einen Platz auf dem altmodischen Sofa am Tisch zugewiesen hatte:

               „Kaffee?“

               „No, noo, Tschai…“

               „Ah, Tschai, das ist Tee. Heißt im Russischen auch so. Hm, ich habe aber nur Pfefferminztee.“

Sie brachte die geöffnete Packung, damit ich daran rieche.

                 „Okay?“

Ich nickte freundlich. Dann stellte sie noch eine alte Blechbüchse voller Kekse dazu auf den Tisch und sagte:

               „Die sind selber gebacken, von meiner Oma.“

Sie trank einen aufgebrühten Filterkaffee. So entstand mit dem Kaffeegeruch eine gemütliche Atmosphäre, die ich verdammt nötig hatte, um die Gedanken an die Demütigung durch den herzlosen Parteiausschluss verdrängen zu können. Es funktionierte, vor allem, weil auch eine erotische Stimmung mitschwang, denn Betty hatte trotz ihrer fürchterlichen sächsischen Aussprache unübersehbare Reize. Ich hatte vor Hanna noch nie engen Kontakt mit einer Frau, und seit 1963 nur zu Hanna, die mich lange hat zappeln lassen, bevor es das erste Mal passieren durfte. Bei Betty war es umgekehrt; sie hatte es vor und setzte um, was sie gern wollte. Und ich, wollte ich etwa nicht? Ich war unsicher. Einerseits liebte ich Hanna, andererseits verspürte ich ein gewisses Nachholebedürfnis. Oder war es nur Neugier? Trieb? Und was begehrte Betty an mir? Dass ich in ihren Augen ein Grieche aus Zypern war? Wollte sie vielleicht gern ins westliche Ausland entfleuchen? Alle vernünftigen Gedanken kamen ins Wanken, versanken und stanken… Nur noch ein letztes Goethe-Zitat fiel mir ein:

Halb zog sie ihn, halb sank er hin / Und ward nicht mehr gesehn…

Über Siegmar Faust 43 Artikel
Siegmar Faust, geboren 1944, studierte Kunsterziehung und Geschichte in Leipzig. Seit Ende der 1980er Jahre ist Faust Mitglied der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM), heute als Kuratoriums-Mitglied. Von 1987 bis 1990 war er Chefredakteur der von der IGFM herausgegebenen Zeitschrift „DDR heute“ sowie Mitherausgeber der Zeitschrift des Brüsewitz-Zentrums, „Christen drüben“. Faust war zeitweise Geschäftsführer des Menschenrechtszentrums Cottbus e. V. und arbeitete dort auch als Besucherreferent, ebenso in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er ist aus dem Vorstand des Menschenrechtszentrums ausgetreten und gehört nur noch der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik und der Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft an.