Lew Rubinstein (Text) Evgeny Makarow (Fotografien): Die Datscha. 600 m2 Glück

Ente, Foto: Stefan Groß

Lew Rubinstein (Text) Evgeny Makarow (Fotografien): Die Datscha. 600 m2 Glück, Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze, Sieveking Verlag, München 2017, ISBN: 978-3-944874-63-0

Die Datscha ist ein Grundstück im Grünen in der Regel mit einem Wohnhausdabei, wo Städter in Russland bzw. der Sowjetunion ihre Wochenenden verbrachten, einen Kleingarten hatten und die räumliche Enge der Metropole hinter sich ließen. Die ersten Datschen waren Gaben von Fürsten oder Zaren an treue Vasallen. In der Zeit nach der Oktoberrevolution, als die Eigentumsverhältnisse an Grund und Boden noch nicht geregelt waren, nahmen Stadtbewohner brachliegende Parzellen in Besitz und erschlossen sie als Zweitwohnsitz. Hier suchten sie in der Zeit der Sowjetunion neben der Erholung von der Enge der städtischen Kommunalwohnungen auch die Möglichkeit, eigenes Obst und Gemüse anzubauen.

Evgeny Makarov wanderte 1982 aus der Sowjetunion in die BRD aus und ist ein renommierter Fotograf, der in diesem Band Bilder von seiner Datscha aus der Kindheit zeigt. Textlich beschrieben werden sie von Lew Semjonowitsch Rubinstein, einem bekannten russischer Dichter und Essayist. Die Datscha hat für viele russische Städter eine große Bedeutung im Leben: „Sie ist eine Erinnerung an die glücklichen Tage, der Fluchtpunkt vor der Realität, ein Ort, wo der Alltag verschwindet.“ (letzte Seite) Traditionell hat eine Datscha 600 Quadratmeter, jedem Menschen in der Großstadt St. Petersburg stehen dagegen nur etwa 20 Quadratmeter zur Verfügung.

In dem Bildband werden verschiedene Bewohnerinnen und Bewohner der Datschas vorgestellt, private Bilder von der Inneneinrichtung wechseln sich ab mit der Freizeit im Grünen. Auch die Anreise mit dem Bus und der Markt innerhalb der Datschensiedlung, der ein beliebter Treffpunkt der Menschen ist, werden präsentiert.

Die Bilder zeigen glückliche und entspannte Menschen, die hier ihr heimliches Zuhause haben und sich entfalten oder entspannen können. Es gibt keinen übertriebenen Luxus, und doch einen engen Zusammenhalt der Besitzer, die sich schon teilweise seit Jahrzehnten kennen.

Das Buch gibt einen detaillierter Einblick in das Leben der russischen Durchschnittsbevölkerung in ihrem zweiten Zuhause. Dieses Leben ist manchem früheren Bewohner der DDR vertraut, wo die Datsche als ein Symbol für Freiheit und Individualität galt. Die mehr als 60 ausdrucksstarken Bilder vermitteln sehr gut die Bedeutung der Datschas im Leben der vieler Russen und zeigen, dass es mehr als ein Wochenendvergnügen ist.

Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.