Manfred Rasch: Stanggießen – Continuous Casting

Eine technische Revolution in der Stahlindustrie. Geschichte und Gegenwart

Stahlkonstruktion: Foto, Stefan Groß

Manfred Rasch (Hrsg.): Stanggießen – Continuous Casting. Eine technische Revolution in der Stahlindustrie. Geschichte und Gegenwart, Aschendorff Verlag, Münster 2018, ISBN: 978-3-402-13294-4, 49, 90 EURO (D)

In diesem Buch geht es um die Geschichte des Stranggießens und die stetige Weiterentwicklung des Stahlverarbeitungverfahrens. Weltweit beschäftigten sich Hüttenleute und Ingenieure mit der stetigen Weiterentwicklung des Stranggießens, nicht nur die reiche Historie der deutschen Tradition steht dabei im Mittelpunkt. Das Buch besteht aus 21 Beiträgen von Experten, die die historische Perspektive neben der nationalen auch in der Schweiz, Italiens, Österreichs, Schwedens, Großbritanniens, Japans und der USA beleuchten.

Versuche, kontinuierlich zu gießen, reichen in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Technik des Stranggießens unterscheidet sich nur wenig, ob nun Stähle, Kupferlegierungen oder Aluminium verarbeitet werden. Der wesentliche Unterschied liegt bei den Temperaturen, die von ca. 700 °C bei reinem oder legiertem Aluminium bis >1600 °C bei Stahl reichen. 

Henry Bessemer kam in den 1850er Jahren auf die Idee, das flüssige Roheisen in einen Konverter zu geben und durch Düsen im Boden Luft zu blasen. Der in der Luft enthaltene Sauerstoff verbrannte den Kohlenstoff und andere unerwünschte Begleitelemente in nur 20 Minuten und erhitzte gleichzeitig auch das Roheisen, sodass der gefrischte Stahl nun erstmals flüssig entstand und gegossen werden konnte. Der Vorgang, Luft durch Roheisen zu blasen, wird auch als Windfrischen bezeichnet. Nur mit Luft konnte man nun mit dem Bessemer-Verfahren die bis dahin höchsten Temperaturen im Hüttenwesen erzeugen und halten und hatte dabei nicht etwa wie früher Brennstoffe verbraucht, sondern auch noch Wärme erzeugt.

Siegfried Junghans baute 1933 in Deutschland die erste Fabrik für Stranggießen. Nachdem das Stranggießen von Nichteisenmetallen allgemeine Praxis war, konzentrierte er sich auf das Gießen von Stahl und baute dazu einen Heißwindkupolofen. Der Zweite Weltkrieg beendete die Zusammenarbeit mit Irving Rossi, so dass zwei unabhängige Stranggieß-Entwicklungen entstanden. Nachdem er 1949 in Schorndorf das Stahlstranggießen wieder aufgegriffen hatte, erkannte auch Mannesmann die Bedeutung.

Um eine gemeinsame Kontrolle der Kohle- und Stahlproduktion sicherzustellen, wurde 1952 auf französische Initiative hin die Montanunion gegründet. Aus der Montanunion entwickelte sich dann schrittweise die Europäische Union. In der Folge erlebte die Stahlindustrie in der Bundesrepublik Deutschland einen großen Aufschwung. 1961 produzierten 420.568 Beschäftigte 33 Millionen Tonnen Rohstahl, was einen Höchststand bei der Mitarbeiterzahl bedeutete. Einen Produktionsrekord stellte die westdeutsche Stahlindustrie 1974 auf, als sie über 53 Millionen Tonnen Stahl fertigte. Heutzutage benötigt die Stahlindustrie im wiedervereinigten Deutschland etwa 76.500 Mitarbeiter, um rund 46 Millionen Tonnen Stahl herzustellen. Diese enorme Produktivitätssteigerung war nur durch bedeutende technische Innovationen möglich. Die Zukunft des Stahls scheint aufgrund der wachsenden E-Mobilität relativ gesichert.

Strangguss ist ein semikontinuierliches bis kontinuierliches Verfahren. Bei semikontinuierlich arbeitenden Anlagen bestimmt deren Bauhöhe die maximale Länge des jeweiligen Stranggussprodukts. Kontinuierliche Arbeit bedeutet Gießen eines Endlosstranges. Dieser kann entweder durch eine Säge unterteilt werden, sobald ein Strangabschnitt ausreichend erstarrt ist, oder der Strang wird zum Bogen umgelenkt und verlässt die Anlage als horizontaler Strang. Diese Technik wird unter anderem bei der Herstellung von Stranggussmasseln für Formgießereien, oder bei der Verarbeitung von Kupferwerkstoffen zu Stangenmaterial oder Rohren verwendet. Auch bei Strangguss aus Kupferlegierungen wird sowohl horizontal als auch vertikal gegossen.

Der flüssige Stahl wird in zwei Stranggussanlagen zu sogenannten Rohstrangknüppeln vergossen. Im Gegensatz zu Betonstahl werden Qualitäts- und Baustähle im sogenannten verdeckten Guss verarbeitet, um Reoxidation durch Luftkontakt vollständig auszuschließen. Die Stranggussanlagen werden durch ein automatisiertes System gesteuert, das alle wesentlichen Parameter überwacht.

Das Buch erläutert die technischen Neuerungen in der Stahlindustrie durch die Methode des Stranggießens weltweit. Verschiedene Experten zeigen auf wissenschaftlicher Grundlage in 21 Artikeln, die meist auf Deutsch gehalten sind, fundiert die Grundzüge dieser Methode in Geschichte und Gegenwart. Die einzelnen Beträge werden durch Bilder der Herstellung, technische Abbildungen und Tabellen visualisiert.

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Michael Lausberg
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Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.