Mum makes porn – Wie englische Frauen zu Pornoregisseurinnen werden

Schaufensterpuppen, Foto: Stefan Groß

Die Engländer sind schon skurril. Für den Sender Channel 4 wurden Mütter zu Pornoregisseurinnen. Das ambitionierte Ziel dahinter: Sie wollten Pornos mit realistischem Anspruch drehen, um die Kids zu sensibilisieren.

Willkommen im Zeitalter des Exhibitionismus. Die mediale Entblößung des Körpers feiert Konjunktur. Was einst die Scham wohlbehütet verbarg, tritt immer mehr in den öffentlichen Raum. Porno ist auf dem Vormarsch, ja Porno, YouPorn, ist überall. Man genießt es wie Leitungswasser samt Häppchen auf der Bettcouch, mehr noch: man lädt die Welt zum interaktiven Sex ins Wohnzimmer mit ein.


Die sexuelle Freizügigkeit scheint heute zumindest jedes wohlgebotene Maß verschoben zu haben und die neue Triebkultur mit Öffentlichkeitspostulat feiert nicht nur bei Tinder und anderen Datingapps den schnellen und anonymen Sex als Fetisch der neuen Körperlichkeit und unkonventioneller Freiheit.

Die neue Porno-Kultur

Anders als in Zeiten der Aufklärung hat der Trieb, die ungehemmte Sinnlichkeit und Lust, die Immanuel Kant als unteres und damit nicht zuträgliches „Begehrungsvermögen“ kritisierte, den Menschen, so scheint es jedenfalls, vom Kopf auf die Füße gestellt. Ja, die Ausstellung der eigenen Sexualität, des Sexualaktes an sich, gilt nicht mehr als Tabu oder heiliger Ort der Scheu und der Scham, sondern wird als neue Form des Individualismus und damit der Selbstbehauptungssehnsucht buchstäblich durchexerziert. In keiner Zeit war die Hemmschwelle der verobjektivierten Freizügigkeit größer, immer mehr Menschen wagen den Schritt vor die Kamera und geben ihre Intimität vor der breiten Masse der User preis. Und immer weniger haben ein Problem damit, sich beim Sex ungeniert in Szene zu setzen. Hauptsache die mediale Verbreitung wird garantiert. Gerade der „Amateur-Porno-Markt“ hat ausufernde Maße angenommen, weil er den ungestellten, „natürlichen Sex zelebriert und damit für die etablierte Pornoindustrie die größte Herausforderung darstellt.

30.000 Pornoclips werden pro Sekunde weltweit aufgerufen

Die Zeiten als die Pornokultur an den Rändern der Gesellschaft sich etablierte sind endgültig vorbei. Aus dunklen Kinosälen auf der Reeperbahn, obskuren Videotheken mit Schmuddelambiente, aus abendlichen Soft-Porno-Filmchen der privaten Sendeanstalten Anfang der 90er Jahre hat sich der Porno lange verabschiedet. 30.000 Pornoclips werden pro Sekunde weltweit aufgerufen und der Pornokonsum ist längst zu einer lukrativ- prosperierenden Industrie im Netz geworden, die mehr als 5 Milliarden Dollar weltweit einspielt. Dank Internet gibt es geradezu eine Pornorenaissance. Und mit bedingt durch den gesellschaftlichen Wandel, der einstige Konventionen und altbackene Moralvorstellungen samt Deutungshoheit und Zeigefinger in die moralinsaure Ecke verbannt, ist der Porno zum Megaphänomen des 21. Jahrhunderts erwachsen.

Im Angesicht dessen was Kids als Pornos konsumieren ist „50 Shades of Gray“ eine Hauspostille mit mittlerem Erregungsgrad. Für viele Jugendliche ist Porno Alltagskultur, gehört dazu wie Frühstück, Schulbesuch und Zuckertüte. Die Welt ist zunehmend durchsexualisiert, der Porno Gebrauchskultur. Denn immerhin besteht ein Drittel des gesamten Internetverkehrs aus Hardcore-Pornos, die sich regelrecht wie Tsunamis ins abendliche Schlafzimmer der Kids ergießen.

„Mums Make Porn“ – Wie englische Mütter die Pornoindustrie sensibilisieren wollen

Doch damit nicht genug. Eine Gruppe von fünf britischen Müttern tritt nun couragiert gegen den Pornokonsum ihrer Kids an. Nun waren die Briten immer schon ein wenig skurril, doch das Sozialexperiment der couragierten Mütter schlug Wellen, schaffte es bis in „The Daily Telegraph“ und geistert gegenwärtig durch Großbritannien und spaltet die Briten erneut. Im Land, in dem gerade der Brexit die Massen verwirrt, die Regierung handlungs- und entscheidungsunfähig ist, werden nun britische Mütter selbst zu Pornoregisseurinnen – nicht vor, aber zumindest hinter der Kamera. Möglich wird dies durch eine mehrteilige TV-Show auf Channel 4: „Mums Make Porn“. Getreu dem Motto: „Mami weiß am besten, welcher XXX-Content für den Nachwuchs gut ist“, fühlen sich die agilen Mütter geradezu dazu berufen, dem Porno sein dreckiges Gesicht zu nehmen.

Das Ziel, das sich die in Sachen Porno sonst unerfahrenen ambitionierten Damen stellen, ist hoch. Denn es geht um nichts anderes, als Pornos mit einer positiven Botschaft zu drehen, realistisch und mit dem Anspruch die positive Einstellung zum Sex zu fördern. Doch die Feldforschung an Originalschauplätzen irritierte die Mütter zunächst, die Rallye durch die populärsten Internet-Sex-Clips von Hate- bin hin zu Rape-Porn, der Besuch am Set, wo statt Erotik strenger Körpergeruch regierte, die Delinquentinnen wie reine Sexsklavinnen devot und menschenunwürdig agierten, wurde selbst für die engagierten Engländerinnen zur emotionalen Belastungsprobe, Brechreiz und Nervenzusammenbruch inklusive. „Wenn mein Sohn eine Frau so behandeln würde, würde ich seinen Arsch aus dem Königreich treten,“ so eine der dann doch empfindsamen Mütter.

Das Fernsehen verdummt seine Zuschauer

Die Regieführung made by mum hat aber letzten Ende vor allem eins ausgelöst: Die Kommentare im Internet zeigten wenig Verständnis für die neue Sex-Propaganda geschweige denn für den moralischen Aspekt, der dahinter stehen sollte. Kaum verwunderlich. Derartige Staffeln – und mögen sie auch Quote bringen – untermauern doch letztendlich eins. Das Fernsehen verdummt seine Zuschauer – und das mit jedem Mittel und jenseits des guten Geschmacks. Weder werden dadurch die Kitz von ihrer Pornomanie ablassen noch wird die positive Einstellung zum Sex einen Paradigmawechsel erleben. Was es dagegen auslöst, ist mehr Porno und die Sehnsucht nach Milfs hinter – und am besten vor der Kamera. Channel 4 ist sich mit Sicherheit keinen Gefallen getan, Milfsex Pornos werden sich dagegen freuen!

Stefan Groß
Über Stefan Groß 2016 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß, M.A., DEA-Master, geboren 1972, studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte an den Universitäten Jena und München. 1992 gründete er die Tabula Rasa, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken und 2007 die Tabula Rasa, Die Kulturzeitung aus Mitteldeutschland, 2011 Zeitung für Gesellschaft und Kultur