Oberammergauer Passion 2020: Wer darf Jesus?

Frisch gebackene Jesusse für den Oberammergauer Passion 2020: Frederik Mayet und Rochus Röckel Foto (Hans Gärtner)

„Heut geht`s richtig los mit dem Passion! Das ist unser Tag.“ Christian Stückl, zum vierten Mal Leiter der Passionsspiele seines Heimatdorfes, bleibt dabei: Nicht „die“ Passion heißt`s, sondern „der“ Passion. So altbairisch wie der 57-Jährige sich gibt, so spricht er. Und er hält viel von Tradition. Die aber, so ist er überzeugt, lässt sich nur bewahren, wenn man ab und an auch mal was ändert. Sonst zieht`s einem irgendwann mal die Tradition unter den Füßen weg. Ein Mann, der die deftigen Bilder ebenso mag wie die heftige, sprich dialektale Zunge. Die zähmt er auch an diesem Samstag nicht. Da geht` hoch her in Oberammergau. Viel Volk ist auf den Beinen, Prominenz lässt sich nicht bitten, allen voran die evangelische Bischöfin Susanne Breit-Keßler, der Weihbischof namens Wolfgang Bischof und die noch amtierende Kultusministerin Marion Kiechle. Sie repräsentieren die Offiziellen, wenn das Ammergauer Spieldorf sein vor fast 500 Jahren abgelegtes Gelübde erneuert, die Geschichte vom Leiden, Sterben und Auferstehen des Herrn alle zehn Jahre nachzuspielen zum Dank dafür, dass die Pest Oberammergau, nach gut 80 Seuchentoten künftighin verschonte.

Kirchenzug mit Fahnen und Trachtlern, zweimal ein Stations- sowie ein mit Chor und Orchester samt zwei Predigten unterfütterter Hauptgottesdienst im Passionstheater – dank Sankt Petrus` Gnade strahlt die Sonne auf das festlich gestimmte versammelte Dorf und die ersten neugierigen Touristen und Journalisten aus nah und sogar „Übersee“-fern. Die 10-jährige Sophie erneuert, die echte „Pestmatrikel“ von 1632/33 in Händen, für die ganze Gemeinde das Versprechen – und damit geht`s mit Feuereifer auf die 42. Wiederholung des Passionsspiels zu. 2400 Mitwirkende, so viele wie noch nie, vor jeweils bis zu 4500 Zuschauern. 103 Vorstellungen vom 16. Mai bis zum 4. Oktober 2020 zu je fünf Stunden Dauer. „Heute gelten die Oberammergauer Passionsspiele als eines der wichtigsten religiösen und kulturellen Ereignisse in Deutschland“, formuliert der in tausendfacher Stückzahl aufgelegte Flyer.

Das Hauptereignis am Gelübde-Erneuerungstag: die Bekanntgabe der Namen der 21 Hauptdarsteller in doppelte Besetzung. Wer darf Jesus sein? Wer Maria? Wer Pilatus, Petrus, Maria Magdalena? Um 12.15 Uhr tritt Christian Stückl vors Hauptportal des Passionstheaters. Er verkündet nicht. Er lässt anschreiben. So wie`s seit jeher der Brauch ist. Erstmals darf eine Frau, Lena Rödl, die Namen mit weißer Kreide auf die riesigen schwarzen linierten Schulsaaltafeln malen. Sobald „FRED“ zu lesen ist, jubelte die Menge. Frederik Mayet, 36, Stückls Pressesprecher, war Jesus schon 2010. Er kriegt wieder seine Chance und freut sich. Sein Pendant: Rochus Rückel, 22, als Wilhelm Tell bereits hochgelobt, Student der Luft- und Raumfahrttechnik. Wohl seiner schwarzen Locken wegen hält ihn jemand vom BR für türkischstämmig. Was jedenfalls stimmt: Der ob der ehrenvollen Wahl sprachlos Gewordene trägt den Namen eines der Pestpatrone: Rochus. Stückls Crew, mit Geduld und Spucke, gewiss nicht problemlos ausgewählt, vom Gemeinderat genehmigt, schließt zwei Moslems ein: Abdullah Karaca, 29, ab sofort Stückls Stellvertreter, wird Nikodemus und Cengiz Görür, 18, den Judas geben. Eine Provokation? Stückl verneint vehement. „Vielleicht ist grad der Judas Jesus` Spezi gwesn. Der hat sich gwiss koane zwölf Deppn ausgsuacht.“

Foto (Hans Gärtner)

Frisch gebackene Jesusse für den Oberammergauer Passion 2020: Frederik Mayet und Rochus Röckel

Hans Gärtner
Über Hans Gärtner 305 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.