Ich wurde am 22. November 1930 in Gleiwitz geboren. Wenn ich heute an diese Stadt denke, denke ich nicht zuerst an Grenzen, politische Entscheidungen oder Geschichtsbücher. Ich denke an den Ort, an dem mein Leben begann. Gleiwitz war meine Geburtsstadt, mein erster Horizont, und es blieb für mich auch dann Gleiwitz, als aus der deutschen Stadt nach 1945 das polnische Gliwice wurde. Zwischen diesem Anfang und dem späteren Namen liegen der Krieg, die sowjetische Besetzung und meine Flucht.
Das Gleiwitz meiner frühen Jahre gehörte zum Deutschen Reich. Nach der Volksabstimmung und der Teilung Oberschlesiens 1922 war die Stadt bei Deutschland geblieben. Sie war eine Industrie- und Verkehrsstadt, geprägt von Eisenbahn, Kanal, Hüttenwerken und einem raschen Ausbau in den zwanziger und dreißiger Jahren. Das weiß ich heute aus der Geschichte der Stadt. Als Kind war mir eine solche Einordnung fremd. Man wächst nicht in einer historischen Epoche auf, man wächst zunächst in Straßen, Häusern, Gewohnheiten und in einer Sprache auf. Erst später werden aus diesen selbstverständlichen Dingen Daten und Kapitel.
Der Sender Gleiwitz und der Beginn des Krieges
Der Name Gleiwitz wurde noch vor Beginn des Krieges mit einem Ereignis verbunden, das weit über die Stadt hinaus bekannt werden sollte. Am Abend des 31. August 1939 inszenierten Angehörige einer deutschen Spezialeinheit den sogenannten Überfall auf den Sender Gleiwitz. Die Aktion sollte einen polnischen Angriff vortäuschen und diente der nationalsozialistischen Propaganda. Einen Tag später begann mit dem deutschen Angriff auf Polen der Zweite Weltkrieg. Die heutige Stadt Gliwice erinnert selbst an diese Gleiwitzer Provokation.
Krieg als Teil meiner Jugend
Für mich aber war der Krieg keine spätere historische Erzählung. Ich habe ihn erlebt. Stefan Groß-Lobkowicz hat über meine Jugend festgehalten, dass sie nicht unbeschwert gewesen sei. Er nennt die Bombennächte, Tod und Sterben in meiner Geburtsstadt und die Flucht, zu der ich nach der russischen Besetzung gezwungen war. Das sind knappe Sätze, aber sie treffen den Kern. Ich war noch ein Junge und erlebte eine Zeit, in der das, was bis dahin Bestand gehabt hatte, unsicher wurde.
Über diese Jahre möchte ich nicht mehr behaupten, als sich sagen lässt. Erinnerungen dürfen Lücken haben. Sie werden nicht glaubwürdiger, wenn man sie Jahrzehnte später mit Bildern ausschmückt, die niemand mehr prüfen kann. Ich weiß, dass der Krieg zu meiner Jugend gehörte, dass Bombennächte, Tod und Sterben zu dieser Wirklichkeit gehörten und dass ich Gleiwitz mit fünfzehn Jahren nach der sowjetischen Besetzung verlassen musste. Diese wenigen Tatsachen wiegen schwer genug.
Die Stadt selbst war während des Krieges längst Teil der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft geworden. Industriebetriebe arbeiteten für die Rüstung. In Gleiwitz bestanden mehrere Außenlager des Konzentrationslagers Auschwitz III Monowitz. Als Auschwitz im Januar 1945 geräumt wurde, führten Todesmärsche auch in Richtung Gleiwitz. Von dort wurden Häftlinge in Zügen in andere Konzentrationslager weitertransportiert. Wer von seiner Heimat erzählt, darf solche Tatsachen nicht ausblenden. Heimat ist kein Freibrief für eine geschönte Erinnerung. Auch das Unrecht, das am selben Ort geschah, gehört zu seiner Geschichte.
Im Januar 1945 erreichte die Front Oberschlesien. Die Rote Armee nahm Gleiwitz am 24. Januar ein. Mit dieser Besetzung begann für die Stadt und für ihre Bewohner eine neue Zeit. Die staatliche Zugehörigkeit wechselte, die deutsche Bevölkerung geriet in Flucht, Aussiedlung und Vertreibung, zugleich kamen Polen in die Stadt, die ihrerseits ihre Heimat in den ehemaligen polnischen Ostgebieten verloren hatten. Das Institut für Nationales Gedenken beschreibt diese Monate als eine Zeit von Gewalt, Deportationen und tiefgreifenden Bevölkerungsverschiebungen.
Mit fünfzehn Jahren auf der Flucht
Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich Gleiwitz nach der sowjetischen Besetzung verlassen musste. So ist es in der Erinnerung meines Sohnes Stefan überliefert. Ich will daraus keine dramatische Szene machen. Schon das Wort Flucht sagt genug. Es bedeutet, dass ein Ort, der bis dahin selbstverständlich zum eigenen Leben gehörte, plötzlich hinter einem liegt. Es bedeutet, dass nicht mehr die Frage zählt, was morgen in der Schule geschieht oder was in der kommenden Woche geplant war, sondern nur noch, wie es weitergeht.
Später hat man für das, was Millionen Menschen damals widerfuhr, große Begriffe gefunden: Flucht, Vertreibung, Umsiedlung, Deportation. Diese Begriffe sind notwendig, weil Geschichte benannt werden muss. Aber sie können leicht verdecken, dass hinter jedem dieser Worte einzelne Menschen standen. Niemand flieht als Zahl. Niemand verliert seine Heimat statistisch. Jeder Mensch verlässt einen bestimmten Ort, ein bestimmtes Haus, eine vertraute Landschaft. Und jeder nimmt etwas davon mit, auch wenn er kaum etwas mitnehmen kann.
Der Verlust der Heimat
Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße als einen mehrstufigen Vorgang: Evakuierungen, Flucht vor der Front, teilweise Rückkehr, Internierungen, Deportationen und schließlich die organisierte Aussiedlung griffen ineinander. Die Erfahrungen unterschieden sich von Region zu Region und von Familie zu Familie. Für mich war dieser große historische Vorgang ganz konkret: Ich verlor Gleiwitz als Heimatort meiner Jugend.
Das bedeutet nicht, dass ich die Geschichte auf das eigene Leid verenge. Die Jahre des Nationalsozialismus, der deutsche Angriffskrieg und die Verbrechen, die auch in und um Gleiwitz geschahen, lassen sich nicht beiseiteschieben. Ebenso wenig muss man das Leid der deutschen Zivilbevölkerung verschweigen, um diese Schuld anzuerkennen. Beides gehört in eine Erinnerung, die nicht anklagen, sondern wahrhaftig sein will.
Heimatverlust hatte viele Sprachen
Gerade Oberschlesien zeigt, wie wenig sich die Geschichte in einfache Gegensätze pressen lässt. Nach 1945 kamen Menschen nach Gliwice, die selbst aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Viele Polen hatten die Gebiete östlich der neuen polnischen Grenze verlassen müssen. Auch sie brachten verlorene Städte, Dörfer und Gräber in ihrer Erinnerung mit. Das nimmt mir mein Gleiwitz nicht. Es macht aber deutlich, dass Heimatverlust im Europa des 20. Jahrhunderts viele Sprachen hatte.
Was bleibt nach so vielen Jahrzehnten? Eine Stadt verändert sich. Straßennamen ändern sich, Staaten verschwinden, Grenzen werden neu gezogen. Die Erinnerung folgt keiner politischen Landkarte. Sie bewahrt einen Namen, einen Klang, eine Herkunft. Für mich bleibt dieser Name Gleiwitz.
Wenn ich von meinem Gleiwitz spreche, beanspruche ich nichts. Ich sage nur, woher ich komme. Ich wurde dort geboren. Ich habe dort den Krieg erlebt. Ich kannte Bombennächte, Tod und Sterben. Und ich musste die Stadt mit fünfzehn Jahren nach der sowjetischen Besetzung verlassen. Mehr brauche ich nicht hinzuzufügen, um zu erklären, weshalb dieser Ort zu meinem Leben gehört.
Heute heißt die Stadt Gliwice und ist eine polnische Stadt. Das ist ihre Gegenwart. Mein Gleiwitz gehört einer anderen Zeit an. Es lebt nicht gegen diese Gegenwart, sondern neben ihr, in der Erinnerung eines Menschen, dessen Leben dort begonnen hat.
Vielleicht ist Heimat am Ende genau das: nicht Besitz, sondern Herkunft. Ein Ort, den man nicht festhalten kann und der einen dennoch festhält. Ich habe Gleiwitz verlassen müssen. Ganz verlassen habe ich es nie.
Quellen und Belege
[1] Stadt Gliwice: „Geschichte der Stadt“. Zur Zugehörigkeit Gleiwitz’ nach 1922, zur Stadtentwicklung, zur Gleiwitzer Provokation, zur Kriegswirtschaft und zur Besetzung am 24. Januar 1945. Quelle öffnen
[2] Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau: Informationen zu den Todesmärschen aus Auschwitz im Januar 1945 und den Routen über Gliwice. Quelle öffnen
[3] Instytut Pamięci Narodowej, Katowice: Ausstellung „’45. Rok ostatni, rok pierwszy na Górnym Śląsku“ zu Kriegsende, Gewalt, Deportationen, Flucht, Aussiedlung und Bevölkerungsverschiebungen in Oberschlesien. Quelle öffnen
[4] Bundeszentrale für politische Bildung: Bernd Faulenbach, „Die Vertreibung der Deutschen aus den Gebieten jenseits von Oder und Neiße“. Historische Einordnung von Evakuierung, Flucht, Deportation und Vertreibung. Quelle öffnen
[4] Tabula Rasa Magazin: „94. Geburtstag von Rudolf August Groß in Jena“, 22. November 2024. Belegt unter anderem die Herkunft Rudolf Groß’ aus Gleiwitz und spätere biographische Stationen; letztere wurden in dieser Erinnerungsfassung bewusst nicht verwendet. Quelle öffnen
