Salzburger Festspiele 2019: Tod und Teufel, Prophet und Prinzessin

Blick vom Salzburger Festspielhaus-Foyer über die ausgestrellte Rückenstütze des Joseph Beuys, 1972, auf die Pferdeschwämme. Foto: Hans Gärtner

Schwül war der letzte Salzburger Festspiel-Mittwoch, 30 Grad im Schatten. Und in der Sonne? Gegen die Unbarmherzige, die gehörig den voll besetzten Domplatz-Tribünen einfeuerte und selbst die von ihr abgewandten Zuseher beim 14. und letzten „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ Schweißperlen auf die Stirn drückte, mussten Jedermann & Co. von 16 bis 17.45 Uhr ungefragt ankämpfen. Tobias Moretti als Titelheld, der sich dem Tod des hager-ernsten,  erbarmungslosen Peter Lohmeyer ergeben musste, tat sich offensichtlich schwer, rein textlich, aber auch figürlich, mit der ausbleibenden Abkühlung. Seine Buhlschaft, die verführerisch singende und offenherzig gekleidete Valery Tscheplanowa, mit Anstand ihr Debüt abgebend wie der eindrückliche arme Nachbar Helmut Mooshammer und der als Guter Gesell schön schmierige, als roter Teufel aber viel zu sehr outrierende Gregor Bloéb, machte die Hitze, wie`s schien, nichts aus. Zu schrill kam`s dieweil vom „Ensemble 13“ mit der Musik von Wolfram Mitterer in den Ohren derer, die was Folkloristisches erwartet haben mochten. So was gibt`s bei Regisseur Michael Sturminger nicht, das war Christian Stückls Sache, der mit den Riederinger … – aber diese bayerischen Zeiten sind für den Salzburger „Jedermann“ vorbei. Und bleiben es wohl auch im 100er Jubiläumsjahr des „weltweit bedeutendsten Festivals für klassische Musik und darstellende Kunst“ (so die SN) 2020. Wenn da ein Rollen-„Tausch“ passieren müsste, so hoffentlich nicht bei Mavie Hörbiger. Die ist, als „Werke“, nicht zu ersetzen. Bewegend und den von Hofmannsthal vorgegebenen Text glaubhaft dargebracht.   

Kaum in Erwägung zu ziehen, dass, sollte die „Salome“ ein zweites Mal wieder aufgenommen werden, jemand anderes als die grandiose, an Intensität und Ausdruckskraft unübertreffliche Asmik Grigorian in die Rolle der abartig liebenden Strauss`schen Kindfrau schlüpft. Grigorian und Dirigent Franz Welser-Möst: Das ist ein Zusammenstand, dem unbestritten das Attribut des Einzigartigen zukommt. Dreimal gab`s am Festival-Ende die Chance, die aufsehenerregende Produktion vom Vorjahr unter der szenischen Gesamtleitung des italienischen Theaterphilosophen Romeo Castellucci zu erleben. In der Felsenreitschule. Die Aufschrift vom Siegmundstor neben dem Festspielhaus „Te saxa loquuntur“ – Von dir sprechen die Steine – lieh Castellucci sich für eins seiner (zu) vielen Metaphern-Spiele. Sie vollumfänglich beim erstmaligen Sehen dieser Expressionisten-Oper mit der Doppelpack-Wucht von „Elektra“ und „Frau ohne Schatten“ zu begreifen, gelingt höchst selten.

Der fabelhafte Welser-Möst nimmt dem Zuschauer viel von dessen potentieller Konzentration auf die verschlüsselte Bildersprache dieser Jahrhundert-Inszenierung – weil von ihm, dem hochinspirierten Dirigenten und seinen beispielhaft (re-)agierenden Wiener Philharmonikern schon so viel Hör-Engagement gefordert wird, dass kaum mehr genug „Entschlüsselungs“-Energie für das zu Sehende bleibt: der finstre Mond, die Planvermesser, die Reinigungskräfte, der von den Toten auferstehende Narraboth (Julian Prégardien), der aus Kanistern ausgegossene Milchsee, der Rappe im Verlies des schamanenhaft gesichtslosen Jochanaan (Gábor Bretz), die schwarz gekleidete, zur Hälfte das Gesicht rot gefärbte Mannschaft des Laffen Herodes (brillant: John Daszak) mit seiner hyänenhaften Herodias (Anna Maria Chiuri), der auf das geschnürte Bündel Salome herabgelassene Felsblock …, dazu die Musik zum Schleiertanz … Natürlich die zahlreichen, gottlob von Dramaturgin Piersandra Di Matteo im Programmbuch so schlecht und recht erläuterten Castellucci`schen Vorenthaltungen und chronologischen Verwerfungen.

Kein Tanz der sieben Schleier. Keine Silberschüssel. Kein abgeschlagener Kopf Johannes des Täufers – die Malerei  schuf -zig Bilder von ihm, kein Mund des gierig ersehnten Mannes, den zu küssen es Salome gelang, wie sie beteuert … Alles spielt sich im Nicht-Geschehen/zu Sehenden ab. Ihr goldenes Krönchen drückt, ganz konkret, die weiß gewandete Prinzessin Salome mit dem blutigen Fleck als Zeichen ihres häufigen Geschlechtsverkehrs dem vor ihr sitzenden Jochanaan-Leichnam auf, und einen schwarzen Pferdekopf kost sie.

Erst als der Applaus einsetzte, ließ das die vollen zwei Aufführungsstunden  anhaltende Kopfschütteln eines Vordermanns im mittleren Alter nach. Hatte er Parkinson? Oder doch eher mit Castelluccis Traum- und Trugbildwelt, Richard Strauss` schwindelerregender Musik von 1905 zur wunderbar ins Deutsche gebrachten Textdichtung Oscar Wildes oder der uralten biblischen Geschichte von der pathologischen Gier eines verwöhnten Mädchens nach Sex mit dem ihm unbekannten, aus der Tiefe einer Zisterne rufenden Christus-Vorläufer Probleme? An vielen Opernhäusern, auch zu Festspielzeiten, sind Einführungen üblich geworden. Zu manchen „klaren“ Opern sind sie überflüssig, zu vielen Musikdramen sind sie nötig.  

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.