STAATSSCHULDEN IN DER KRISE: DIE PANDEMIE UND DAS KREDITRISIKO

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Nachfolgend finden Sie die Zusammenfassung [1] einer Studie von Davide
Tomio [2], Assistant Professor of Business Administration an der Darden
School of Business [3], University of Virginia.

In den letzten zehn Jahren haben Wirtschaftswissenschaftler wie der
Nobelpreisträger Paul Krugman die Länder zunehmend aufgefordert, mehr
Staatsanleihen aufzunehmen. Die jüngsten Erfahrungen mit der
COVID-19-Pandemie zeigen jedoch, dass zu viel Verschuldung ein
erhebliches Problem darstellen kann. Neue Forschungsergebnisse legen
nahe, dass gerade in Krisenzeiten Länder mit angespannten Finanzen mit
hoher Wahrscheinlichkeit von den Finanzmärkten bestraft werden, wobei
ihre Kreditkosten steigen. Die Ergebnisse haben erhebliche Auswirkungen
auf die globale Politik.

„Ein Teil der Wirtschaftswissenschaftler glaubt, es sei völlig in Ordnung, Schulden zu haben“, sagt Darden-Professor Davide Tomio,
Mitautor der neuen Studie. „Wir sind jedoch der Meinung, dass es so etwas wie zu hohe Verschuldung gibt.“

DIE UNTERSUCHUNG: KOSTEN DER KREDITAUFNAHME UND WIRTSCHAFTLICHE WIDERSTANDSFÄHIGKEIT

Tomio und andere Wissenschaftler stellten fest, dass in finanzschwachen
Ländern und US-Bundesstaaten die Kosten für die Kreditaufnahme mit
größerer Wahrscheinlichkeit steigen als in Ländern mit geringerer
Verschuldung zu Beginn der Krise Anfang 2020. Dieses Phänomen trat
selbst dann auf, wenn zwei Länder ein ähnliches Niveau an
COVID-19-Infektionen aufwiesen.

„Finanziell solidere Länder scheinen widerstandsfähiger gegenüber externen Wachstumsschocks zu sein, die mit der Pandemie verbunden sind“, heißt es in dem Bericht mit dem Titel „In Sickness and in Debt:
The COVID-19 Impact on Sovereign Credit Risk“. Neben Tomio von Darden
School of Business wurde die Studie von Patrick Augustin, Valeri
Sokolovski und Marti Subrahmanyam von der McGill University, HEC
Montreal bzw. der NYU Stern School of Business mitverfasst.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich bei ihrer Untersuchung auf 30
Industrieländer in Nord- und Südamerika, Europa und dem
asiatisch-pazifischen Raum sowie auf 23 US-Bundesstaaten. Sie wählten
bewusst Industrieländer aus, um die direkte Auswirkung von harten
wirtschaftlichen Restriktionen, wie z.B. Lockdowns, auf die Kreditkosten
zu messen. Lockdowns wurden eher in Industrieländern als in
Entwicklungsländern durchgeführt, erklärt Tomio.

Die Autoren nutzten Daten des Credit-Default-Swap-Marktes (CDS), um zu
sehen, wie stark sich die Kosten der Kreditaufnahme für jeden Staat
oder jedes Land veränderten. CDS-Prämien steigen und fallen häufig,
wenn Investoren ihre Ansichten über die wahrgenommenen Risiken der
Kreditvergabe an einzelne Länder oder Staaten ändern. Die Untersuchung
konzentrierte sich auf den Zeitraum zwischen dem 1. Januar, als die
Weltgesundheitsorganisation ihr Notfallkonzept aktivierte, und dem 18.
Mai 2020, als ein 500 Milliarden Euro schwerer Rettungsfonds der
Europäischen Union angeboten wurde.

Der Grad der „Haushaltskapazität“, mit der jede Regierung einen
wirtschaftlichen Schock bewältigen könnte, wurde anhand einer Reihe
von Wirtschaftsdaten gemessen, darunter die Kreditwürdigkeit des Landes
oder Staates, die Arbeitslosenquote, das BIP und die Höhe der
Verschuldung sowie andere relevante Wirtschaftsstatistiken. Auch die
COVID-19-Infektionsraten, die Bevölkerungsdemografie und die Ausgaben
für das Gesundheitswesen wurden analysiert.

DIE ERGEBNISSE: FISKALISCHER ZWANG VS. SPIELRAUM

Die allgemeinen Ergebnisse zeigten, dass die fiskalisch höher
verschuldeten Länder einen Anstieg der Kreditkosten verzeichneten. Dies
stand im Gegensatz zu dem Ergebnis für fiskalisch starke Länder, die
widerstandsfähiger gegenüber den externen Wachstumsschocks im Zusammenhang mit der Pandemie waren„, so der Bericht. Mit anderen
Worten: Länder, die über einen gewissen Spielraum in ihren Haushalten
verfügten, wurden nicht mit deutlich höheren Kreditkosten auf dem
Markt bestraft.

Es mag überraschen, dass die Höhe der COVID-19-Infektionen nur einen
geringen Einfluss auf die Kosten der Kreditaufnahme für jede Einheit
hatte, es sei denn, das Land oder der Staat war finanzschwach. Für
Regierungen mit knappen Kassen bestand ein statistisch signifikanter
Zusammenhang zwischen steigenden Infektionen und nachfolgenden Sprüngen in den Kreditkosten, während für fiskalisch robuste Regierungen die Abhängigkeit der Kreditkosten von COVID-19-Infektionen unbedeutend war.

In ähnlicher Weise stellten die Autoren heraus, dass _keiner _der
offensichtlichen Schlüsselfaktoren im Gesundheitsbereich – wie z.B. die
Anzahl der Ärzte, die Anzahl der verfügbaren Krankenhausbetten, die
Bevölkerungsdichte oder der Anteil der älteren oder fettleibigen
Bevölkerung – zu den Veränderungen der Kreditkosten für Länder oder
Staaten beitrug. Die Untersuchung ergab auch, dass die Unterschiede in
den gesundheitspolitischen Maßnahmen der einzelnen Länder und Staaten nicht erklären, wie sich die Kreditkosten während der Krise
veränderten.

Die Autoren konnten auch die Geldpolitik als mögliche Ursache für unterschiedliche Marktreaktionen während der Pandemie ausschließen,
indem sie Länder und Staaten untersuchten, die eine gemeinsame
Geldpolitik hatten. Sie bestätigten die Ergebnisse, indem sie die
Länder der Eurozone untersuchten, was bedeutete, dass sie alle einer
identischen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank unterlagen. Ebenso
unterlagen alle US-Bundesstaaten in der Stichprobe den geldpolitischen
Entscheidungen der Federal Reserve.

DIE AUSWIRKUNGEN FÜR WIRTSCHAFTLER UND POLITIKER

Die Ergebnisse haben klare Implikationen für Ökonomen, die glauben,
dass Schulden keine Rolle spielen, und für politische
Entscheidungsträger, die versuchen, ihre Länder oder Staaten gegen
künftige wirtschaftliche Spannungen zu wappnen. Die Autoren legen nahe,
dass hoch verschuldete Regierungen klugerweise ihre Schulden reduzieren
sollten, wenn sie dazu in der Lage sind, da sie sonst riskieren, genau
in dem Moment mit höheren Kreditkosten konfrontiert zu werden, in dem
sie zusätzliche Finanzierungen benötigen. „Unsere Erkenntnis, dass die Haushaltskapazität die Anfälligkeit des staatlichen Kreditrisikos für systemische Schocks verstärkt, unterstreicht die Notwendigkeit, die Fiskalkapazität in wirtschaftlich günstigen Zeiten zu erhöhen“,
heißt es in dem Bericht.

Davide Tomio ist Co-Autor von „In Sickness and in Debt: The COVID-19 Impact on Sovereign Credit Risk“, das zusammen mit Patrick Augustin von der McGill University, Valeri Sokolovski von der HEC Montreal und Marti Subrahmanyam von der NYU Stern School of Business verfasst und zur Veröffentlichung im _Journal of Financial Economics _angenommen wurde.

ÜBER DEN EXPERTEN

Davide Tomio [2]

ASSISTENZPROFESSOR FÜR BETRIEBSWIRTSCHAFTSLEHRE

Tomios Forschungsschwerpunkte sind Marktliquidität, derivative
Instrumente und die Folgen von Zentralbankinterventionen. In seiner
jüngsten Arbeit beschäftigte er sich mit den Auswirkungen der
quantitativen Lockerungsmaßnahmen der Europäischen Zentralbank auf die Preisbildung, Liquidität und Verfügbarkeit von Staatsanleihen.

Seine Arbeit wurde unter anderem den Forschungs- und Politikteams der
U.S. Federal Reserve Bank und des Finanzministeriums, der Europäischen
Zentralbank und den Zentralbanken Deutschlands, Kanadas und Italiens
vorgestellt, wo er auch unterrichtete. Tomio’s Studie wurde von _Forbes
_zitiert und im _Journal of Financial Economics _veröffentlicht.

Links:
——
[1] https://ideas.darden.virginia.edu/government-debt-during-crisis
[2] https://ideas.darden.virginia.edu/davide-tomio
[3] https://ideas.darden.virginia.edu


Dr. Ida JUNKER
Senior international consultant