Franz Kafka – Der Prophet des 21. Jahrhunderts als Kritiker subtiler Macht

Prag, Denkmal, Kafka, Quelle: Olga1205, Pixabay License Freie kommerzielle Nutzung, Kein Bildnachweis nötig

Vor hundert Jahren starb der Schriftsteller jüdischer Herkunft, Franz Kafka (1883-1924), an Tuberkulose. Schon damals galt er als Geheimtipp. Mittlerweile ist er längst zum Weltstar der Literatur aufgestiegen, hat heute, mehr denn je, Konjunktur als Prophet. Er sah die Katastrophen des 21. Jahrhunderts voraus und verstand sich als Chronist einer sich in Absurditäten und unmenschlichen Abgründen geradezu aufschaukelnden Welt. Er zeichnete ein Weltbild des Schreckens und Erschreckens und hat, wie kaum ein anderer, die Entfremdung des modernen Menschen auf das literarische Tableau gehoben.

Kafka legte die Repressalien einer überbordenden Maschinerie offe

In einer fast schmucklosen Sprache bilanziert, seziert und schildert er die schockierenden Begebenheiten des Alltags. Mit seinen oft befremdlichen Inhalten erschafft er nicht nur eine neue Welt, sondern offenbart in seinen Werken eine Wirklichkeit, die die Verlorenheit des Ich im Weltgetriebe offenlegt. Jeder ist, wie im Romanfragment „Der Prozess“, nur ein Rad im anonymen Machtapparat. Kafka legte die Repressalien einer überbordenden Maschinerie offen, seien diese bürokratischer oder politischer Natur. Er zeigt eine Welt vollkommener Bevormundung, wo sich durch eine alles durchdringende Propaganda die Lüge in Wahrheit verwandelt. Er monierte die auslöschende Kraft der Selbstbestimmung durch die Ich-zersetzende Macht der institutionellen Gewalt. In seinen Welten regieren mediale Zensur und ein gewaltiger Überwachungsstaat, der den Einzelnen in seinem Hier und So-Sein aufhebt, zu einer Karteikarte verwandelt, austausch- und beliebig ersetzbar. Im Visier der Behörden und der Machtapparate beginnt der Einzelne sein ganzes Leben in den kleinsten Handlungen und Ereignissen zu erforschen. Sie sind es, die ihn dann zur Selbstbeschuldigung, zur Selbstanklage und letztendlich zur Annahme des Schicksals nötigen. „Das Ungeheuerliche des Lebens besteht nicht darin, dass es das Ungeheuerliche ist, sondern darin, dass man es annehmen kann“, schreibt er. Der Verlierer ist der schuldlose Einzelne, der systemisch objektiviert wird, der Sieger die todbringende Allianz von Gewalt und Verwaltung. Doch indem der Mensch das Ungeheuerliche „annehmen kann“, wird er letztendlich auch zum Mitspieler im ruchlosen System und indirekt zum Täter, ein gut funktionierendes Rad in einem unterdrückerischen System.

Der Albtraum des Menschen besteht darin, dass er keine Intimsphäre mehr hat

Schon vor über 100 Jahren hatte Kafka in seinem Romanfragment „Der Prozess“ so die systemtisch-perfide Überwachung des heutigen chinesischen „Social Scoring“-System vorweggenommen. Auch sein „Prozess“-Romanheld wird dort von unsichtbaren Mächten fixiert, sein Albtraum besteht darin, dass er keine Intimsphäre mehr hat, im Befremdungsrad des Weltgetriebes schon vorfunktionalisiert ist. Aber nicht nur die Außenwelt erweist sich als Falle eines Selbstzersetzungsprozess. Dieser beginnt ebenso aus dem Inneren heraus seine destruierende Macht zu entfalten, wie dies anschaulich in der Erzählung „Der Bau“ geschildert wird. Dem Risiko des Lebens lässt sich weder von außen noch von innen entgehen.

Hat die Perfidität der Macht aufgezeigt

Mit seiner Prosa ist Kafka als der Kritiker von subtiler Macht und autoritärer Strukturen in die Geschichte eingegangenen. Seine Texte wurden in der Nachkriegszeit als Kritik am real-existierenden Sozialismus gelesen und gefeiert. Weltweiter Ruhm wurde ihm erst jedoch nach seinem Tod zuteil. Vielleicht war der gebürtige Prager, der am 3. Juni 1924 starb, einer der Autoren, dem wir es verdanken, dass er uns die Perfidität der Macht aufgezeigt hat und so letztendlich dazu beigetragen hat, diese Strukturen nicht nur zu erkennen, sondern sich gegen diese aufzulehnen. Kafka hat uns Nachgeborenen das Absurde in all seinen Facetten aufgezeigt. Wie wir es überwinden, bleibt die Aufgabe jedes Einzelnen.

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Über Stefan Groß-Lobkowicz 2135 Artikel
Dr. Dr. Stefan Groß-Lobkowicz, Magister und DEA-Master (* 5. Februar 1972 in Jena) ist ein deutscher Philosoph, Journalist, Publizist und Herausgeber. Er war von 2017 bis 2022 Chefredakteur des Debattenmagazins The European. Davor war er stellvertretender Chefredakteur und bis 2022 Chefredakteur des Kulturmagazins „Die Gazette“. Davor arbeitete er als Chef vom Dienst für die WEIMER MEDIA GROUP. Groß studierte Philosophie, Theologie und Kunstgeschichte in Jena und München. Seit 1992 ist er Chefredakteur, Herausgeber und Publizist der von ihm mitbegründeten TABVLA RASA, Jenenser Zeitschrift für kritisches Denken. An der Friedrich-Schiller-Universität Jena arbeitete und dozierte er ab 1993 zunächst in Praktischer und ab 2002 in Antiker Philosophie. Dort promovierte er 2002 mit einer Arbeit zu Karl Christian Friedrich Krause (erschienen 2002 und 2007), in der Groß das Verhältnis von Metaphysik und Transzendentalphilosophie kritisch konstruiert. Eine zweite Promotion folgte an der "Universidad Pontificia Comillas" in Madrid. Groß ist Stiftungsrat und Pressesprecher der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung. Er ist Mitglied der Europäischen Bewegung Deutschland Bayerns, Geschäftsführer und Pressesprecher. Er war Pressesprecher des Zentrums für Arbeitnehmerfragen in Bayern (EZAB Bayern). Seit November 2021 ist er Mitglied der Päpstlichen Stiftung Centesimus Annus Pro Pontifice. Ein Teil seiner Aufsätze beschäftigt sich mit kunstästhetischen Reflexionen und einer epistemologischen Bezugnahme auf Wolfgang Cramers rationalistische Metaphysik. Von August 2005 bis September 2006 war er Ressortleiter für Cicero. Groß-Lobkowicz ist Autor mehrerer Bücher und schreibt u.a. für den "Focus", die "Tagespost".