Adenauer und Ulbricht: Waren die Erzfeinde heimlich auf einer Linie?

Die Berliner Mauer wurde zum sichtbarsten Symbol der deutschen Teilung. Ursula Weidenfeld untersucht in ihrem Buch die gemeinsame Geschichte der beiden deutschen Staaten zwischen 1949 und 1990. Bildquelle: Pixabay / wal_172619

Staatsgründung. Ursula Weidenfeld: Die Illusion der doppelten Staatsgründung

Ost- und Westdeutschland standen sich in den Jahren ihrer Teilung näher, als gemeinhin angenommen. So die streitbare These der Deutschlandradio-Journalistin Ursula Weidenfeld in ihrem neuesten Buch. Von Benedikt Vallendar.

Ja, sie waren Gegner. Und sind sich angeblich auch nie persönlich begegnet. Im Westen Konrad Adenauer, im Osten Walter Ulbricht. Der eine Katholik und erster Bundeskanzler, der andere SED-Chef und beinharter Kommunist. Und doch waren sich beide Männer nur augenscheinlich spinnefeind, wie es in vielen Geschichtsbüchern steht. „Denn beide, Adenauer und Ulbricht hatten im Krieg ähnliches erlebt“, sagt der Historiker Uwe Puschner von der FU Berlin. Und das dürfte sie zumindest innerlich zusammengeschweißt haben, so die streitbare These der Deutschlandfunk-Journalistin Ursula Weidenfeld. Denn beide, Ulbricht und Adenauer liefen während der Hitler- und Stalinjahre mehrmals Gefahr, von jetzt auf gleich getötet zu werden. Adenauer als Insasse im KZ Brauweiler, Ulbricht als exilierter Dauergast im Moskauer Hotel Lux, wo der sowjetische Nachrichtendienst willkürlich verhaftete und ohne Verfahren Menschen erschoss, auch jene, die glaubten, linientreue Kommunisten und Stalinisten zu sein.

So sehr sich Ulbricht und Adenauer in ideologischer Gegnerschaft befanden, und so sehr sie einander ablehnten, so sehr lag ihnen das Schicksal ihres Volkes am Herzen; wenn auch aus völlig unterschiedlichen Blickwinkeln, so die unmissverständliche Botschaft Weidenfelds in ihrem neuesten Buch „Das doppelte Deutschland. Eine Parallelgeschichte 1949 – 1990“ (Rowohlt-Verlag), das in seiner Diktion an den fast gleichnamigen Roman Erich Kästners (1899-1974) erinnert.

In beiden Büchern geht es um ähnliche Koordinaten: Bei Kästner um zwei Mädchen, die Gemeinsamkeiten erkennen, nachdem sie von gemeinsamen Eltern erfahren haben. Und bei Weidenfeld um zwei Staatsgebilde, deren Bewohner stets die gleiche Sprache gesprochen und bis 1990 von gemeinsamen Eltern (will sagen: der politischen Einheit) geträumt haben, wenn auch in zeitlich unterschiedlicher Dosierung. „Und doch nie aufgehört haben, darauf hinzuwirken, je nachdem, was man aus den Quellen herauslesen möchte“, so Historiker Puschner.

Besonders sinnbildlich zeigte sich die deutsch-deutsche Verbundenheit durch den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 – der in der DDR stattgefunden hat und in der Bundesrepublik als Feiertag zelebriert wurde. Und an den noch heute bundesweit durch Blumenkränze und sonstiges Gedenken gedacht wird, wie etwa regelmäßig in der Kleinstadt Geithain, südlich von Leipzig.

Der 17. Juni hatte vor allem die SED-These widerlegt, sie sei aus dem angeblich freiwilligen Zusammenschluss von SPD und KPD hervorgegangen – weil eben Arbeiter gegen die Diktatur auf die Straße gegangen sind, und keinesfalls verkappte, aus dem Westen ferngesteuerte „Klassenfeinde“.

Die Berliner Mauer trennte Deutschland jahrzehntelang. Ursula Weidenfeld zeichnet in ihrem Buch „Das doppelte Deutschland“ die politischen Verflechtungen zwischen Bundesrepublik und DDR nach. Bildnachweis: Pixabay / flotty

Geheimer „Deal“?

Dass sich Adenauer und Ulbricht insgeheim auch über den Mauerbau 1961 in Berlin geeinigt hatten, konnte bisher nicht bewiesen werden. Wäre aber angesichts des nachgeordneten und gesetzten Verhaltens Adenauers in den Tagen nach dem 13. August nur oberflächlich eine historische „Sensation“, würden dazu eines Tages Quellen auftauchen, etwa bei westdeutschen Nachrichtendiensten, deren Archive noch immer weitgehend geschlossen sind. Angeblich musste Adenauer – so Weidenfeld – damals von Parteifreunden geradezu dazu „gedrängt“ werden, nach Berlin zu fliegen.

Das „Doppelte Deutschland“ zeichnet die Jahre der Teilung nicht als unwiderrufliche Trennung, sondern als Genese eines neuen Staatsgebildes, in dessen Hymne die „Einigkeit“ als selbst formulierte Zielvereinbarung das erste Wort in der ersten Zeile bildet. Was seit 1949 sinnstiftend für ein Land ist, von dem immer wieder und bis heute behauptet wird, es würde irgendwann endgültig auseinanderfallen. Was aber weder der historischen Faktizität noch dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima in der Bundesrepublik entspricht, und das Buch daher höchst lesenswert macht.

Literaturempfehlung:

Ursula Weidenfeld: Das doppelte Deutschland. Eine Parallelgeschichte, 1949–1990, Rowohlt, Berlin 2024, ISBN 978-3-7371-0167-7.

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Über Benedikt Vallendar 107 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem neusprachlichen Gymnasium in Sachsen-Anhalt.