Thomas O. Höllmann: China und die Seidenstraße

Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart

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Thomas O. Höllmann: China und die Seidenstraße. Kultur und Geschichte von der frühen Kaiserzeit bis zur Gegenwart, C. H. Beck, München 2022, ISBN: 978-3-406-78266-7, 34 EURO (D)

Thomas O. Höllmann, emeritierter Professor für Sinologie an der LMU München,    nimmt in diesem Buch den Leser mit auf eine Spurensuche, „in dessen Verlauf sich eine große Bandbreite von Phänomenen erschließt, die in der Rück- und Gesamtschau als Elemente der Globalisierung betrachtet werden können. Das bezieht die Frage nach den ökonomischen Grundlagen, politischen Motiven und kulturellen Verschiebungen ebenso ein wie die Deutung der damit verbundenen Kontinuitäten und Brüche.“  (S. 12) Er rekonstruiert anhand von neueren archäologischen Forschungen historiographischen Quellen, Reisebeschreibungen und Gedichten, welche Waren nach China gelangten, wie der Buddhismus und andere Religionen im Reich der Mitte rezipiert wurden und welche Schlüsseltechnologien, allen voran Papier und Buchdruck, von dort aus ihren Siegeszug über die ganze Welt antraten. 

Die Landrouten nehmen mehr Raum ein als die Seerouten.

Zuerst gibt es ein übergeordnetes Kapitel zu Begriffen, benutzten Quellen, Raum und Zeit, Sprachen, Verständigungsmöglichkeiten, vorherrschende Mächten, Machtzentren und Beherrschten. 

Der Rest des Buches orientiert sich an der historischen Chronologie. Die Verbreitung der Religionen wird vor allem für die Zeit vom 2. bis 5. Jahrhundert nachgezeichnet. Die Ausführungen über das Spannungsfeld zwischen Handel und Tribut legen den Fokus auf die beiden Dynastien Sui und Tang (589-906). Danach wird die Phase des direkten Transfers von Technologie und Kunst im 18. Jahrhundert nachgezeichnet. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der neueren (Abenteurer und Forscher) und neusten Geschichte vor allem mit dem chinesischen Projekt der „Neuen Seidenstraße“. geht es um Chinas Ziele der „Neuen Seidenstraße“ als Landweg, als Seeweg und als Luftweg, die Projekte in den einzelnen Kontinenten sowie die Ausbreitung von Chinas Macht in der weltpolitischen Ordnung. Die Initiative „Neue Seidenstraße“ bedeutet Investitionen von mindestens 900 Milliarden Dollar. Damit baut China Straßen, Bahngleise, Pipelines, Kraftwerke, Telekommunikationsnetze, Häfen und Flughäfen von Asien bis nach Europa und Afrika. Chinas Staatsführung feiert die „Neue Seidenstraße“ als zukunftsweisend und hat das Großprojekt in der Verfassung der Kommunistischen Partei festgeschrieben. 2049 wolle man weltweit größte Industrienation sein – zum 100. Geburtstag der Volksrepublik. Durch die enge Verzahnung zahlreicher geplanter Investitionsprojekte sollen sich auf diese Weise verschiedene Wirtschaftskorridore im Raum Eurasien etablieren. Höllmann führt aus:  „Der ‚Chinesische Traum‘ und die ‚Neue Seidenstraße‘ stehen auch für globale Ansprüche. Dies gilt vor allem für Afrika, wo in vielen Ländern wertvolle Rohstoffe gewonnen werden. (…) Investierte China bis vor Kurzem in Infrastrukturmaßnahmen  – wie den Bau von Eisenbahnstrecken, Hafenanlagen, Staudämmen und Kanälen -, liegt heute das Augenmerk auf der langfristigen Absicherung ökonomischer und strategischer Interessen.“ (S. 329f)

In jedem Kapitel gibt es einen größeren Block farbiger Abbildungen, insgesamt 80, dazu noch diverse Karten. 

Im Anhang findet man die Karten, die Dynastien im Überblick, die Anmerkungen, chinesische und japanische Quellen, Literatur, den Bildnachweis, ein Personenregister, und ein Register der Orte und Völkernamen. 

Dieses Buch gibt einen umfassenden Überblick über die vielfältige Geschichte der Seidenstraße. Dabei kann natürlich nicht alles erfasst werden, sondern es werden Schwerpunkte gesetzt. Es wird deutlich, dass es nicht nur eine Seidenstraße, sondern mehrere Strecken gab. Obwohl die Seidenstraße bis zum Ende des 10. Jahrhunderts jahrhundertelang von großer Bedeutung war, wurde der Handel zunehmend maritimer. Die Gegenden entlang der Seidenstraße war eindeutig kosmopolitisch und kulturell unterschiedlich urbanen Zentren geprägt, ein gutes historisches Beispiel für einen immer in der Menschheitsgeschichte herrschenden ideell und materiellen Austausch. 

Ausführliche Informationen über das Projekt „Die neue Seidenstraße“ können in folgendem Buch nachgelesen werden: Wilhelm Schmeisser/Yana Kaziulia/Hannes Ortmeier/Margarita Spiger: Die neue Seidenstraße. Digitalisierung und strategische Herausforderungen, UVK, Konstanz 2018, ISBN: 978-3-867-64854-7

Über Michael Lausberg 444 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.