WLAN, Wolkenkratzer und gemeinsame Werte – Das neue Verhältnis zwischen China und Israel

Chinesische Investments in Tel Aviv und freies WLAN für alle, Foto: Vallendar

Vor 30 Jahren: Mit dem Zerfall des Ostblocks änderte sich auch die Außenpolitik Israels gegenüber China, mit dem der jüdische Staat 1992 diplomatische Beziehungen aufnahm.

Eine eher ungewöhnliche Freundschaft, so der erste Eindruck. Denn ideologisch gesehen stehen sich Israel und China fast diametral gegenüber. Hier die gefestigte Demokratie im Nahen Osten, dort der  kommunistische Einparteienstaat, der seinen Bürgern elementare Menschenrechte vorenthält und fast nur auf wirtschaftliches Wachstum setzt. Unvergessen ist auch in Israel die Niederschlagung der Studentenproteste auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ in Peking im Juni 1989, bei dem Tausende ihr Leben verloren. „Das ist der ‚böse Geist‘, den China bis heute nicht mehr in die Flasche bekommt“, sagt der Historiker Uwe Puschner von der FU Berlin in Anspielung an Goethes Ballade „Der Zauberlehrling“. Jeder chinesische Politiker weiß, dass bei Gesprächen mit westlichen, auch israelischen Gesandten die Bilder der von Panzern zermalmten Körper omnipräsent sind, auch wenn nicht immer offen darüber gesprochen wird. Doch allen Streitpunkten zum Trotz: Technologisch und geostrategisch begegnen sich Israel und China heute auf Augenhöhe, was vor gut drei Jahrzehnten wohl maßgeblich dazu beigetragen haben dürfte, überhaupt miteinander ins Gespräch zu kommen.

Bollwerk gegen den Islam

Als Ende der achtziger Jahre der Ostblock und die ehemalige Sowjetunion zerfielen, entwickelten israelische Diplomaten neue Strategien, um China als Partner zu gewinnen. Dazwischen hatten Jahrzehnte politischer Eiszeit gelegen, da Israel im Kalten Krieg vor allem den Interessen der USA, ihres bis heute engsten Verbündeten, gedient hatte. Und doch hatte in Israel die oft als naiv empfundene Haltung der USA gegenüber den Palästinensern wiederholt zu Verstimmungen geführt. Was den damaligen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu zur öffentlich bekundeten Erkenntnis bewog, dass sich Israel am Ende doch immer nur „auf sich selbst verlassen könne“; womit Jerusalem bis heute seine positive Haltung zu China begründet, einer Art Rückversicherung für alle Eventualitäten in einer immer komplizierter werdenden Welt.

Längst gilt China in Israel auch als heimlicher Partner bei der Abwehr muslimischer Hegemonialpläne im Nahen und Mittleren Osten. „Und längst hat China erkannt, dass es seine Interessen in der Region am besten über eine Brücke wahrnimmt, die zuverlässiger erscheint als jene zu den muslimischen und damit oft unkalkulierbaren Potentaten in Teheran, Bagdad und Damaskus“, sagt Puschner.

Kaum Antisemitismus in China

China profitiert zudem von Expertisen in den Bereichen Solarenergie, Fertigungsrobotik, Bewässerung, Bauwesen, Landwirtschaft und Wassermanagement. „Vor allem um Dürren und Wasserknappheit zu bekämpfen, was im Reich der Mitte immer mehr zum Problem wird“, so Puschner. Hinzu kommen kulturelle Ähnlichkeiten, wie Bildung, familiärer Zusammenhalt, Fleiß und religiöse Rückbindung, die auch im kommunistischen China nicht zu unterschätzende Faktoren sind. Mittlerweile haben sich dort über tausend israelische Firmen angesiedelt, deren Mitarbeiter, von sprachlichen Hürden abgesehen, kaum über Anpassungsschwierigkeiten im Alltag berichten, und die, nach Umfragen israelischer Soziologen, nur marginal antisemitischen
Angriffen ausgesetzt sind.

Handelsvolumen in Milliardenhöhe

Trotz vierzigjähriger Eiszeit hatte es in den israelisch-chinesischen Beziehungen einst vielversprechend angefangen. 1950 war Israel das erste Land im Nahen Osten, das die Volksrepublik China diplomatisch anerkannte. Seitdem haben beide Länder immer engere wirtschaftliche,
militärische und technologische Verbindungen entwickelt. Längst unterhält Israel in Peking eine Botschaft und plant die Eröffnung eines neuen Konsulats in Chengdu, seinem dritten auf chinesischem Festland. „China ist zudem Israels drittgrößter Handelspartner weltweit und größter Handelspartner in Ostasien“, erklärt der Publizist und Buchautor Sven Felix Kellerhoff. Das Handelsvolumen stieg von anfänglich 50 Millionen US-Dollar auf über 15 Milliarden US-Dollar im Jahr 2013. Darüber hinaus ist China eines der wenigen Länder der Welt, das gleichzeitig Beziehungen zur muslimischen Welt unterhält, auch wenn Israel wegen seiner weltweit führenden IT-Industrie für China auf den vorderen Plätzen steht. „Viel chinesisches Geld wurde seit 1992 in Israel investiert, wenn auch nicht immer zum Nutzen der Bevölkerung, etwa im Immobiliensektor“, sagt Historiker Uwe Puschner. Beredtes Zeichen dafür sind die Wolkenkratzer an der Strandpromenade von Tel Aviv, die weitgehend unbewohnt in der Landschaft stehen und doch nur als Spekulationsobjekte in „erstklassiger Lage“ dienen. Bislang hat sich in Israel aber kaum wer über die schicken und leblosen Glaspaläste aufgeregt, wohl auch, weil es dort überall kostenloses und schnelles WLAN für jedermann gibt. Wie überall auf der Welt entscheidet auch in Israel am Ende das liebe Geld über Wohl und Weh diplomatischer Beziehungen, was die Chinesen mit ihrer expansiven Außenwirtschaftspolitik von jeher eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Doppelte Niederlage für die Hamas

Der damalige israelische Premierminister Benjamin Netanyahu besuchte China im Mai 2013 und hatte bei seiner Rückreise gleich fünf unterzeichnete Abkommen in den Bereichen Hightech, Umweltschutz, Energie, Landwirtschaft und Finanzierung im Gepäck. Netanyahu besuchte
China 2017 erneut, als die Beziehungen zwischen beiden Ländern ihr erstes Jubiläum begingen. Während des Israel-Gaza-Konflikts 2014 war es Israel gelungen, den Kampf um die öffentliche Meinung zu gewinnen. Und der muslimisch-terroristischen Hamas neben der militärischen auch eine reputative Niederlage zuzufügen. Denn auch mithilfe chinesischer IT-Experten konnte die israelische Kriegsberichterstattung Nutzer sozialer Medien mehrheitlich auf ihre Seite bringen,
was Diplomaten als bedeutenden strategischen Sieg „hinter den Kulissen“ werteten.

Der auch in Israel tätige Jurist und Immobilienmakler Eduardo Moriano Martínez (42) hat zahlreiche chinesische Kunden, sagt er. Foto: Vallendar
Über Benedikt Vallendar 48 Artikel
Dr. Benedikt Vallendar wurde 1969 im Rheinland geboren. Er studierte in Bonn, Madrid und an der FU Berlin, wo er 2004 im Fach Geschichte promovierte. Vallendar ist Berichterstatter der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main und unterrichtet an einem Wirtschaftsgymnasium in Sachsen.