Verd#mmte Sche#ße – Lob dem Fluchen

WC, Foto: Stefan Groß

Ausgangspunkt

Matthias Hartmann ist der beste Theaterregisseur der Gegenwart. Bis 2014 leitete er das Wiener Burgtheater, zuvor das Theater Zürich und das Schauspielhaus Bochum. In Wien wie Bochum stellte er Besucherrekorde auf. Im Februar 2018 feierte die David Bowie Hommage „Lazarus“ Premiere am Schauspielhaus Düsseldorf, Regie führt natürlich Hartmann. Fortwährend ist das Stück ausverkauft. Es gibt durchweg Kritikerlob. Wenn man im Berliner Kulturbetrieb clever wäre, sollte man Hartmann ein Angebot machen, ihm die Intendanz der Volksbühne antragen.
Jetzt wird sich der Leser fragen, was Hartmann mit Fluchen zu tun hat. Lange Zeit wollte ich einen Artikel schreiben, der sich mit Fluchen beschäftigt. Als ich nun mit dem Abstand von zwei Monaten nachlesen konnte, dass es einen offenen Brief einiger seiner ehemaligen Mitarbeiter des Burgtheaters gab, die ihm seinen ruppigen Umgangston vorwerfen, sah ich nun einen konkreten Anlass für einen entsprechenden Artikel.

Man muss sich entscheiden

Allerorten hört man die Klage, dass es zunehmend einen Mangel an markanten Persönlichkeiten gibt. Typen fluchen. Punkt. Wäre Helmut Schmidt Leiter des Burgtheaters gewesen, hätte es wahrscheinlich dutzendfaches Nachhaken gegeben von Seiten seiner ehemaligen Mitarbeiter. Aus Erfahrung weiß ich selbst, dass der Erfolgreiche Neider auf den Plan ruft, die dann nachtreten.
Das Burgtheater ist ohne Hartmann meiner Ansicht nach schlechter geworden. Vielleicht erscheint der offene Brief gegen Hartmann dann auch als so etwas wie eine Strategie zur Beseitigung kognitiver Dissonanz. Kann der Bauer nicht schwimmen, trägt die Badehose Schuld. Ähnlich war es auch bei Hitchcock, dem legendärsten Filmregisseur der Geschichte. Sein Leitspruch war „Actors are cattle“. Der Regisseur muss alles im Blick haben. Ein paar inzwischen vergessene Darsteller traten auch gegen ihn nach.
Wenn man eine Gesamtverantwortung hat, die so komplex erscheint, dass sie fast nicht zu bewältigen ist, kommt es zu Stress. Dieser will abgebaut sein – es bietet sich das Schimpfwort als Ausdrucksform an. Das Wort political correctness mag ich deshalb nicht, da es inflationär Verwendung findet. Selten war das Fluchen so verpönt wie heutzutage. Vor ein paar Monaten schrieb ich eine Ode ans Rauchen, das eine ähnliche Funktion erfüllt wie ein gepflegter und maßloser Wutausbruch.
Wollte man es in betriebswirtschaftlichen Termini abfrühstücken, ist Regie oder politische Führung sowie die unternehmerische Tätigkeit ein permanenter Soll-Ist-Abgleich. Ein Regisseur/Politiker/Unternehmer/Fußballtrainer bastelt an einem möglichst eleganten Modell, wie ein Problem bewältigt werden soll. Es findet im eigenen Kopf statt: ein Ideal entsteht. Wenn die Tatsachen/Schauspieler/Umstände nicht so sind, wie es diesem Modell entspricht, kommt es zu Stress. Über Niveausenkung wird nicht debattiert. Jedes Theater hat seine Standards. Irgendwie will der Stress bewältigt sein. Was beim Gestressten an Worten herauskommt, stellt insofern ein Residuum dar, wie Sche#ße ein Residuum der Nahrungsaufnahme ist, das sich nicht dauerhaft vermeiden lässt.

Über Gesetze, Krieg, Wurst und Theater

Es gibt ein Bismarck´sches Bonmot, wonach der Zuseher über die Produktion von Gesetzen, Wurst und Krieg nichts wissen solle: zu unappetitlich. Dies gilt für fast alle Bereiche des Lebens. Man muss sehr naiv sein, wenn man denkt, dass der Erfolgreiche allein aufgrund von Nettigkeit so weit gekommen war. Er hat vielmehr am besten Soll und Ist einander angenähert, Probleme am elegantesten gelöst.
Dass das Gute mit ausschließlich guten Mitteln erreicht wird, erscheint mir als Gerücht. Wer so etwas glaubt, liest wohl gern Groschenromane.
Der Erfolglose schmückt sich gern mit seiner harmlosen Nettigkeit, der Erfolgreiche läuft Gefahr, im Nachgang angegangen zu werden. Vielleicht ist der naive Erfolglose auch einfach nur schizophren, weil er denkt, Wurst entstünde ohne Schlachten, Monumentalbauten ohne tote Bauarbeiter oder Hochkultur in permanenter Wohlfühlatmosphäre aller Beteiligten.

Sche#ße

Wenn ich im Garten arbeite und die Pflanzen und Bäume nicht das tun, was ich will, nehme ich gern das beliebteste Schmähwort unserer Sprache in den Mund, oft dutzendfach und mit noch viel übleren Adjektiven dekoriert. Was die Nachbarn darüber denken? Drauf geschissen! Es geht mir ums Resultat. Typen wie Herbert Wehner und Franz Josef Strauß waren Meister in den Disziplinen Schmähung und Polemik. Das tut weh, aber beweist auch Engagement. Oder wie Helmut Kohl sagte: „Was am Ende rauskommt, zählt.“ Eindeutig zweideutig.
Oben erwähnte ich, dass es sich um einen Soll-Ist-Abgleich handelt. Setze ich mein Modell um oder nicht? Offen bleibt stets der Ausgang eines Vorhabens. Wer viel denkt, flucht auch viel. Man muss erst einmal ein Modell überhaupt entwickeln können. Wer als Modellentwickler (Regisseur) den Eindruck hat, dass das Gegenüber (Schauspieler) nichts versteht und somit signalisiert, dass es auch zu keiner Annäherung des Ist-Zustands an das Soll kommen wird, reagiert zurecht unwirsch. Fluchen ist mithin ein Kuppelprodukt des Denkens und kultureller Höchstleistungen. Cogito ergo f#ck.

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