„Vorhang auf – und Film ab“ Das 52. Internationale Leipziger Filmfestival für Dokumentar- und Animationsfilm

Der Dokumentarfilmer Joris Ivens

In den letzten Jahren kehrte das Kino wieder zu seinem Ursprung zurück – zum Dokumentarfilm. Das Besondere bei diesem ist, dass die Authentizität beim Filmemacher liegt. Die Bilder sollen nicht werten, sondern versuchen dem Rezipienten die Möglichkeit offen zu lassen, sich ein Urteil bzw. eine eigene Meinung über das Thema zu bilden. Die Filmemacher tragen die Verantwortung für das Zeigen und die Zuschauer für das Hinterfragen. Das Interesse an Dokumentarfilmen ist in den letzten Jahren gestiegen, daher verwundert es nicht, dass das 52. Internationale Leipziger Filmfestival für Dokumentar- und Animationsfilm in diesem Jahr ihren Besucherzahlenrekord mit 34.200 Zuschauer gebrochen hat. Im Jahr 1955 öffnete sich zum ersten Mal der Vorhang in einem Kinosaal des Leipziger Filmfestivals und damit ging es als das erste unabhängige Filmfest der DDR in die Geschichte ein. In den Tagen vom 26. Oktober bis zum 1. November öffnete sich dann 330 Mal der Vorhang. Zuschauer um Zuschauer saßen in den zwölf Kinosälen nebeneinander und sahen 'hinter' die Bilder, welche ihnen die Regisseure präsentierten. Teilweise verließ man den Saal mit gemischten Gefühlen. Zum Nachdenken angeregt und aufgefordert, ebenso betroffen von verschiedenen gezeigten Erlebnissen : Die Bilder der Filme zirkulierten am nächsten Tag oft noch im Kopf herum. Besonders eindrucksvoll waren Filme wie The Genome Chronicles von John Akomfrah, Between Dreams von Iris Olsson, Book of Miri von Katrine Philp und die Animationsfilme Never drive a car when you're dead von Gregor Dashuber und Aanaat von Max Hattler. Nicht nur die Kunst der Inszenierung der Filme war beim Filmfestival zentral, sonder auch das Thema Kunst im Film. In dem bedeutungsvollen Dokumentarfilm Die Kinder vom Friedrichshof widmete sich Juliane Großheim der Kommune des Wiener Aktionskünstlers Otto Mühl. Hierbei offenbaren fünf Kinder, die in dieser Kommune lebten, ihre Erlebnisse und Erinnerungen. Die Kommune ist im Jahr 1971 von dem Künstler Otto Mühl gegründet worden, welcher in dieser wie ein Monarch herrschte. Es war ein gesellschaftliches und künstlerisches Experiment, indessen die Aufhebung von Familienbeziehungen und die gemeinsame Sexualität zentral waren. 1988 wurde dieses Experiment durch ein Strafverfahren gegen den Künstler beendet. Im Film zeigen fünf Kinder der Kommune, wie sie vom Künstler Otto Mühl und seinen Vorstellungen geblendet worden sind. Ein weiterer wesentlicher Aspekt ist die Aufarbeitung der Erlebnisse der Kinder.
Diese vielen guten Filme deckten fast alle Themen von A bis Z ab. Doch es wurden auch spezielle thematische Sonderreihen, in denen aktuelle Ereignisse und Geschehnisse zentral waren, dem Zuschauer geboten. Bei „Transit' 89. Danzig-Leipzig-Bukarest“ drehten sich die Filme rund um das Jahr 1989. Sie beschäftigten sich mit dem Fall der Berliner Mauer und dem damit entstandenen Wandel. „This is Africa“ ist eine weitere Sonderreihe, welche afrikanischen Filmemachern die Möglichkeit bot, ihre Sicht auf die afrikanischen Nationen zu zeigen. Für bedeutende Dokumentarfilmer wurden ebenso Sonderreihen im Programm etabliert …
Herbst 1964, Leipzig, Festivalkino „Capitol“ : Joris Ivens und viele weitere Filmemacher befinden sich bei der 7. Inernationalen Leipziger Dokumentar- und Kurzfilmwoche. Einer der bedeutendsten Filmemacher des 20. Jahrhunderts nahm selbst am Filmfestival teil. Er gab viele Inspirationen und engagierte sich bei diesem Event. Doch aufgrund von politischen Differenzen blieb Joris Ivens mehr als zehn Jahre dem Leipziger Filmfestival fern. Erst in den 80er Jahren kam man sich durch einzelne Vorführungen wieder näher. Mit der Sonderreihe „Joris Ivens 1898-1989 – Das Unmögliche zu filmen“ konnte das Publikum anlässlich seines 20. Todestages beim diesjährigen Filmfest auf seine Werke zurückblicken. Die Dominanz der Inhalte und die Authentizität seiner Filme standen für Joris Ivens immer im Mittelpunkt. „Der Film wird erst richtig lebendig […] bei den regelmäßigen Vorführungen, wenn ein Dialog entsteht zwischen der Leinwand und den Menschen. Dialog im geistigen Sinne, der Gedankenwechsel, Widersprüche, der Protest; nicht damit einverstanden sein oder wohl damit einverstanden sein und zum Denken, zur Aktion kommt. Ein Film muß so stark sein, so nachwirken, daß er vier oder fünf Tage später, wenn im täglichen Leben allerlei Dinge passiert sind, einen Zusammenhang herstellen kann mit dem Alltäglichen“, so Ivens. Ob in den Niederlanden, in Spanien, Indonesien, Italien, Afrika, China oder in den USA: Ivens Rolle war meist die des 'Filmemachers an den Fronten der Weltrevolution'. In seinen Arbeiten thematisierte er oft den Kampf gegen Unterdrückung, Ungerechtigkeit und politische Willkür. Ein besonderes Interesse hegte Joris Ivens für China. Beim Leipziger Filmfestival wurden Filme, wie beispielsweise Regen, The Spanish Earth, À Valparaiso, A Tale of the Wind und Peace Tour 1952/Drive for Peace Warsaw-Berlin-Prague von ihm gezeigt. Joris Ivens Filme sind die Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts.

"Vorhang auf – und Film ab" Das 52 Internationale Leipziger Filmfestival

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