Wein ist Volksgetränk. Weinpropaganda im Dritten Reich

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Christof Krieger: Wein ist Volksgetränk. Weinpropaganda im Dritten Reich, 2. Auflage,  Rhein-Mosel Verlag, Zell/Mosel 2018, ISBN: 978-3-89801-355-0, 32, 90 EURO (D)

Dies ist der Abdruck der Dissertation des Historikers Christof Krieger an der Universität Trier über die Weinpropaganda in der Friedenszeit im „Dritten Reich“ am Beispiel des Anbaugebietes Mosel-Saar-Ruver. Unter der Parole „Wein ist Volksgetränk!“ entfaltete das NS-Regime eine groß angelegte Agitationskampagne, die den Genuss von Wein als geradezu nationale Tat beschwor.

Krieger konstatiert: Die nationalsozialistische Weinpropaganda nahm sich der deutschen Weinbauern und ihrer Erzeugnisse in einer Art und Weise an, wie sie es davor und danach auf deutschem Gebiet nicht gegeben hat. Dies war innerhalb der deutschen Konsumgeschichte eine einzigartige Kampagne, in der „sich traditionelle Wirtschaftswerbung, überkommene Festkultur und progressive NS-Propaganda zu einer einzigartigen Symbiose verbanden, durchaus alle Dimensionen bisheriger (und auch späterer) Gemeinschaftswerbung und Verbrauchslenkung.“ (S. 417) Sie beruhte auf einer Verkettung ungewöhnlicher Zufälle und einer nur unter den spezifischen Bedingungen des NS-Staates möglicher Eigendynamik.

Im Jahre 1934 gab es eine Rekordweinernte, die im Hinblick auf die Kelterung und Lagerung Probleme schuf. Im Sommer 1935 löste die Aussicht auf einen erneuten Ausnahmejahrgang eine Situation aus, die nur mit einer erfolgreichen Weinpropagandaaktion gemeistert werden konnte. Dadurch stieg 1936 die Nachfrage erheblich an, so dass ein entsprechendes Angebot erreicht werden musste. Dies konnte nicht erreicht werden, so dass sich der Weinmarkt wandelte: von der Absatzkrise zur Weinknappheit. Die Institutionalisierung der Weinwerbung im NS-Staat durch Schaffung einer eigenständigen Zentralorganisation schien damit obsolet geworden zu sein.

In den Jahren 1935 bis 1937 übernahmen fast 1000 Städte in gesamten Reichsgebiet „Weinpatenschaften“ für einzelne Winzerorte. Im Rahmen eines im gesamten Reich stattfindenden „Festes der deutschen Traube und des Weines“ wurden vom Parteiapparat der NSDAP in allen Orten Weinfeste und Umzüge organisiert. In Heilbronn gab es 1937 eine Weinbaumesse, die alle Dimensionen bisheriger Ausstellungspraxis sprengte. Es gab auch Beispielpflanzungen, an denen den Besuchern sämtliche Arbeitsgänge im Weinberg zu zeigen, auch ein Novum.

Zur Frage, ob die Propaganda „Wein als Volksgetränk“ in der Realität abgebildet werden konnte bemerkt Krieger: „Wenngleich der deutsche Wein während der NS-Herrschaft keineswegs im Wortsinne zum ‚Volksgetränk‘ geworden war, so hatte die weltanschauliche Weinwerbung des Dritten Reiches zweifellos ihren nicht unerheblichen Beitrag dazu geleistet, dass der vormals weitgehend auf den gehobenen bürgerlichen Mittelstand beschränkte Weinkonsum wenn auch nicht in der Mehrzahl der Arbeiterhaushaltungen, so doch zumindest in kleinbürgerlichen Kreisen Eingang fand.“ (S. 446) Der Weinpreis stand der Inszenierung eines für jeden erschwinglichen Genussmittels entgegen: „Für einen gehörigen Rausch hatte der ‚schaffende Volksgenosse‘ schon damals je nach physischer Konstitution etwa einen Tageslohn investieren müssen.“ (S. 449) Nach dem Beginn des 2. Weltkrieges mit dem deutschen Überfall auf Polen wurden selbst die geringwertesten Weinbauerzeugnisse zum Luxusgut für die breite Bevölkerung. Jegliche Art von Weinwerbung war für das folgende Jahrzehnt obsolet geworden.

„Saufen für den Führer“: Dieser Slogan klingt erstmal grotesk und entlockt vielleicht ein sarkastisches Lächeln. Dass dies durchaus einen ernstzunehmenden Hintergrund hat und dies als wichtiger Teil der Propagandastrategie im NS-Staat mit fundamentalen Auswirkungen für die untersuchte Region und der Weinbranche allgemein zu betrachten ist, zeigt diese ausführliche Darstellung. Von der Struktur, der ausführlichen Sichtung von Quellen und der Zusammenführung der Ergebnisse eine lobenswerte Arbeit, obwohl manche Schachtelsätze das flüssige Lesen erschweren.

Die plötzliche Aufwertung eines ganzen Berufsstandes durch staatliche Agitation zeigt auch, wie leicht Massenmanipulation möglich war, die teilweise nicht mit dem „arischen Ideal“ der NSDAP vereinbar war. Ob solche Vorgänge nur in Diktaturen möglich sind, oder auch in modernen Demokratien, ist eine andere Frage.

Über Michael Lausberg 412 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.