„Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen….“

Der allseits bekannte Satz aus dem Gedicht „Urians Reise um die Welt“ von Matthias Claudi-us scheint ganz besonders dem „fahrenden Volke“ der – so Daniel Kehlmann – „zwar einiger-maßen wahrgenommenen, aber nicht ganz so gut verdienenden Schriftsteller“ zu gelten. Kaum jemand kenne Deutschland so gut wie sie, meint Kehlmann. „Denn diese seien aus Geldgründen gezwungen, jede Leseeinladung anzunehmen, und lernten also Winkel kennen, in die es normale Menschen nie verschlagen würde“. Ob Helmut Krausser nun gleichfalls zu den „Klingelonkeln“ seiner Zunft gehört, vermag ich nicht einzuschätzen. Aber erlebt hat er auf seinen unterschiedlich ambitionierten Touren quer durchs „Ländle“ recht viel. Er kann zu recht behaupten, „Deutschland inzwischen ein bisschen zu kennen.“

„Deutschlandreisen“ ist jedoch alles andere als eine Bonmots-Sammlung divergenter regiona-ler Mentalitäten oder gar ein Reiseführer lokaler Eigenarten. Nein, Krausser sinniert, reflek-tiert, mutmaßt und analysiert vor allem über sein Leben, sein gesamtkünstlerisches Schaffen und ganz besonders seine Arbeit als Schriftsteller. In kurzen, knappen Sentenzen zeichnet der Autor Bilder, die in seinem Kopf entstehen. Theater- oder Opernaufführungen, Lesungen und dgl. bilden den Anstoß zu seinen Betrachtungen. Die bereisten Orte geben ihm dabei Rahmen und Kulisse, aus denen er schöpft, sich inspiriert oder die ihn zum Kopfschütteln veranlassen.

„Ich gebe alles wieder, wie ich es sehe und empfinde, aus höchst eigener Anschauung, direkt vor Ort.“ Er mäandert durch das überzuckerte München, durch Heidelberg – ein Disneyland ohne Mickey Mouse -, ist eine Woche zu früh in der schönsten Stadt Deutschlands – in Landsberg – oder ficht in einem Hamburger Hotel einen Kampf mit einer „durchgeknallten Headbangerfliege“, die aus irgendeinem Grund alle zwei Minuten gegen seinen Kopf fliegt. Er findet in Lübeck in Gestalt „seines großen literarischen Sohnes“ einen sinnvollen Todes-grund und stößt in Rostock oder Frankfurt an der Oder auf kulturelle Fehlinterpretationen in Bezug auf den Filmregisseur Andreas Dresen. Mit einem „d“ mehr, in Dresden, geht es wei-ter, um flugs Richtung Halle, Weimar, Eisenach, Bamberg, Leipzig, Coburg, Erfurt oder Magdeburg weiterzureisen. Auch abseits des allseits Bekannten oder Pompösen findet er er-staunliche Schönheit. Wer ahnt schon, dass Flensburg zum Beispiel ein ganz zauberhaftes Städtchen ist und es in Oldenburg im Hotel Altera das beste Frühstücksbuffet seines Lebens gibt. Und nahezu in jeder Örtlichkeit gelingt ihm ein treffsicherer Gedanke, der mitunter in die unterschiedlichsten, nicht vorhersehbaren Richtungen abdriften kann.

Zu den drei Kapiteln, die sich aus Kraussers Reisen der Jahre 2008, 2010 und 2012 speisen, gesellen sich noch drei öffentliche Poetikvorlesungen, die er im Wintersemester 2007/2008 an der Ludwig-Maximilians-Universität München hielt. Auch diese sind, selbst mit völlig ande-rem Duktus als seine Tagebuchnotizen, absolut lesenswert. Hier spricht er über sein Schreiben und „doziert“ über den Begriff Pathos bzw. ob es das gute Buch tatsächlich gibt. Es gelingt ihm auf nahezu spielerische Art und Weise, erzählerische Raffinessen und die Geschichten auf sehr komplexe Weise zu entfalten. Seine Gedankenansätze sind durchdacht, analytisch und äußerst ideenreich. Zudem beherbergen sie ein schier mannigfaltiges Reservoir an Litera-tur-, Theater-, Film- und Musikempfehlungen.

Zuweilen tiefsinnig und intellektuell, dann wieder burschikos und derb, schwingt im gesam-ten Buch zumeist eine „Septime“ Ironie, punktueller Zeilenwitz und vielfältige Humor-Sentenzen mit. Krausser nimmt kein Blatt vor den Mund, auch und vor allem nicht vor großen Namen im Allgemeinen und Literaturkritikern im Besonderen. Das mag den ein oder anderen Zeitgenossen vielleicht abschrecken. Aber „so weiß ich insgeheim, dass, um ein getragenes, aber schönes Wort zu bemühen, die Mannigfaltigkeit unserer Gegenwart nur dadurch beste-hen kann, dass sie auch einiges transportiert, das mir nicht gefällt.“, wie er es selbst so tref-fend postuliert. Eines kann man von Helmut Kraussers Buch mit Fug und Recht behaupten: Es ist authentisch, unverstellt und ehrlich. Oder um noch einmal mit den Worten des Autors zu sprechen: „Die Wahrheit, die Ehrlichkeit benötigen keine Rechtfertigung, sie sind selten genug, von daher immer kostbar. (…) Ich versuche, eine Form der Wahrhaftigkeit zu finden, die in der weiten Palette menschlicher Emotionen nichts auslässt.“

Fazit: „In Deutschland geboren zu sein, darin leben zu dürfen (über achtzig Opernhäuser!) ist ein Privileg, auf das man nicht stolz sein kann, aber dafür dankbar sein ist erlaubt. Die paar Arschlöcher, die man vorfindet, gut, die gibt es überall. Wenn man bedenkt, was unsre Groß-väter so alles angestellt haben, als sie ihres Verstandes verlustig gingen, könnte man sagen: Uns wurde aufgrund früherer Verdienste noch mal eine Chance gegeben, die haben wir opti-mal genutzt.“ „Deutschlandreisen“ ist zunächst ein Buch über Deutschland. Es ist aber auch ein Buch über Literatur. Aber und vor allem ist es ein Buch über uns – den Leser wie den Au-tor. Helmut Kraussers Frau meinte einmal: „Du machst Literatur für Menschen, die dir äh-neln. So viele sind das nicht.“ Offensichtlich trage ich analoge Charakteristika in mir: Ein wunderbar unverstellter, tiefgründiger, aber auch humorvoller Text.

Helmut Krausser
Deutschlandreisen
Dumont Verlag (März 2014)
302 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 383218094X
ISBN-13: 978-3832180942
Preis: 19,99 EUR

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Heike Geilen, geboren 1963, studierte Bauingenieurswesen an der Technischen Universität Cottbus. Sie arbeitet als freie Autorin und Rezensentin für verschiedene Literaturportale. Von ihr ist eine Vielzahl von Rezensionen zu unterschiedlichsten Themen im Internet zu finden.

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