Wiener Würstel für den toten Seneca – Die ganz andere „Poppea“-Version des Ensembles „cosi facciamo“

Als Ivor Bolton vor knapp 20 Jahren Claudio Monteverdis „L`incoronazione di Poppea“ fürs Münchner „Prinze“ einstudierte, war es dem Connaisseur der frühen Opernliteratur um die Wiederherstellung ähnlicher orchestraler Verhältnisse zu tun, wie sie dem Komponisten zur Verfügung standen. Bolton dirigierte damals zehn Musizierende, eine Hälfte Streicher, die andere Continuo. Er selbst spielte das erste der zwei Cembali, um – anders konnte er es sich nicht vorstellen, die „Poppea“ zu dirigieren – aktiv am Continuo beteiligt zu sein.
Die diesen April im Cuvilliéstheater viermal en suite von Martina Veh ganz anders als bisher gewohnt neu in Szene gesetzte letzte Monteverdi-Oper (Uraufführung: Venedig 1643) durch das ambitionierte Ensemble „cosi facciamo“ verfuhr – mit dem bedeutenden deutsch-südafrikanischen Komponisten und Dirigenten Hans Huyssen – ganz ähnlich. Huyssen, wie Bolton Verfechter einer „umfassend informierten Aufführungspraxis Alter Musik“, war, als Barockcellist am musikalischen Geschehen unmittelbar beteiligt. Phantastisch, wie er vom Cello aus seine „eigenverantwortliche (Neu-)Interpretation“ der problematischen Monteverdi`schen Partitur (s. hierzu Huyssens kompetente Erklärung im Programmheft) realisierte, zusammen mit sieben Musizierenden, die zum Teil ungewöhnliche Klänge – etwa mit Lirone, Colascione, Tamburellos – produzierten und Monteverdi völlig neu „hören“ ließen.

Die Instrumentalisten waren, ohne einzugreifen, ins Bühnengeschehen einbezogen, das Nikolaus Maier als Ausstatter ganz lässig und „cool“ handhabte – von praktikablen Stellwänden bis hinein in Kostüm-Details, von denen Nerones Schnürstiefel nicht weniger auffielen als Ottavias schrilles Outfit. Martina Koppelstetter gab die Verstoßene mit jenem harten Schuss Bitterkeit, der diese Figur zu einer der einprägsamsten des Abends machte. Schon wie sie sich, gerade verbannt, ein letztes Mal Nerone vor die Füße legte: eine Schau.

Viele Momente der zweifellos spannenden, in Details schon sehr schroffen, den „Normal-Zuschauer“ womöglich überfordernden Regie (des toten Senecas Schändung und Versorgung mit Wiener Würsteln durch den schwulen (?) Arnalto des grandiosen Carsten Fuhrmann) attackierten stark. Das Liebespaar Nerone – Poppea (bewundernswert in ihrer Ungeschminktheit und ausgelebten Lust: Stephanie Krug und Christian Sturm), der wunderbare, mit hauchzarten Tönen aufwartende Ottone des Counters Christopher Robson, die leicht entzündbare Drusilla Monika Lichteneggers und Joel Frederiksen als geradezu jugendlich anmutender Seneca mit herrlich orgelndem Bass – ein Ensemble, das sich weniger durch die Perfektion gesanglicher Finesse als durch die Nonchalance ihres trefflichen Spiels einprägte.

Auf dem Foto (Hans Gärtner) nehmen (v. li.) Monika Lichtenegger (Drusilla), Christopher Robsen (Ottone), Stephanie Krug (Poppea) und Christian Sturm (Nerone) den Applaus des amüsierten Premierenpublikums (13. 4.) entgegen.

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Hans Gärtner
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Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.

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