Wilfried Erdmann: Ich bin auf See

Mein Bild vom Segeln, Delius Klasing, Bielefeld

Wilfried Erdmann: Ich bin auf See. Mein Bild vom Segeln, Delius Klasing, Bielefeld 2021, ISBN: 978-3-667-11853-0, 45 EURO (D)

Mit seiner ersten Einhand-Weltumseglung 1966–68 sorgte Wilfried Erdmann für eine Sensation. Seit nahezu 50 Jahren ist einer der bekanntesten deutschen Segler  jetzt mit Jollen und Yachten unterwegs. Er hat das Alleinsein genossen und erduldet, sich am Familiensegeln erfreut und Gastsegler zu sich an Bord eingeladen. Weit über zweihunderttausend Seemeilen hat er gesegelt – mal aus Abenteuerlust, mal aus Protest, aber immer aus Berufung.

Am 15. April 2020 wurde Wilfried Erdmann 80 Jahre alt, dazu gibt es ein ganz besonderen Buch im Schuber, das voll mit Erinnerungen und Fotos von seinen wichtigsten Reisen ist, die den Menschen Erdmann geprägt haben. 

Seine Fahrten sind zu Beginn und am Ende in einer geographischen Karte eingezeichnet. Danach präsentiert er in einzelnen Kapiteln seine Reisen, Reflektionen und Gedanken über sein Leben auf dem Wasser und dazu 180 Fotos, die bislang zum Teil nicht veröffentlicht wurden. 

Erdmann ist ein mitreißender Erzähler. Er schafft es, die Leser durch genaue Beschreibungen, fast lyrische Bildbeschreibungen der Natur und seiner Gefühlswelten mitzunehmen und sich in die genaue Lage hineinzuversetzen. 

Glücksmomente eines Sonnenaufgangs oder eines hellen Mondes, tolle Darstellungen des Ozeans, der Tierwelt, der von ihm besuchten Länder, Inseln und Regionen, der Freundlichkeit von Einheimischen und den einfachen alltäglichen Freuden werden ebenso geschildert wie äußere Hindernisse wie manifeste Probleme, Lebensmittelvergiftungen, Seekrankheit, Brandungsausbrüche, fehlerhafter Navigation, sprachliche und kulturelle Barrieren, gefühle von Zweifel, Angst, Verlassenheit, Sorge um seine Familie. Auf See hat man auch viel Zeit über sich und existentieller Fragen nachzudenken, was man an den vielen philosophischen Betrachtungen sieht. 

Er zieht reflektiert auch ein vorläufiges Fazit: „Heute frage ich mich, warum bei mir eine Weltumseglung nach der anderen folgte. Die einfache Erklärung: Weil Segeln mein Leben ist… nicht weil ich mich damit gut auskenne. Ebenso faszinieren mich Planung, Logistik, Vorbereitung, Handwerk und Konzentration. Alles Themen, für die ich jahrelang gelebt, gearbeitet und gekämpft habe.“ (S. 27)

Außerdem prangert er die Verschmutzung der Weltmeere an und spricht sich gegen Plastik und die Mitnahme von Verpackungen aus: „Für jede Plastiktüte, die dort verteilt wird, sollte der Verteiler einen Euro zahlen.“ (S. 145)

Zum Schluss gibt es noch eine kurze Biografie mit Daten und Fakten zu seinen Reisen. 

Dieses Buch ist einerseits das Opus Magnum des Segelabenteurers andererseits eine Art Rückschau auf seine Törns über die Weltmeere und die dort erlebten Gefühle. Dies waren nicht immer nur Augenblicke von Freiheit und Genuss, sondern auch der Angst und der Hoffnungslosigkeit. Erdmann gibt hier einen tiefen Einblick in seine Gefühlswelten und zeigt vor allem beeindruckende Bilder quer durch die Jahrzehnte seiner Leidenschaft und seinen Lehrmeister: das Segeln. 

Über Michael Lausberg 430 Artikel
Dr. phil. Michael Lausberg, studierte Philosophie, Mittlere und Neuere Geschichte an den Universitäten Köln, Aachen und Amsterdam. Derzeit promoviert er sich mit dem Thema „Rechtsextremismus in Nordrhein-Westfalen 1946-1971“. Er schrieb u. a. Monographien zu Kurt Hahn, zu den Hugenotten, zu Bakunin und zu Kant. Zuletzt erschien „DDR 1946-1961“ im tecum-Verlag.