Wohl Wahres aus Wohnung, Wald und Wüste – Erwin Olafs Bildgeschichten in der HypoKunsthalle verstören nicht weniger als sie eingeübte Sehgewohnheiten verändern können

Erwin Olaf: „Am Wasserfall“, Archivpigmentdruck – Krimmler Wasserfälle, Salzburger Land (2020), Foto: Hans Gärtner

Fotografische Inszenierungen sind die Spezialität des Niederländers Emil Olaf. Mit dem Blick zurück, auf Gemälde des 17.-19. Jahrhunderts, erfindet er neue Sets. Kombinationen aus alten Gemälden und zeitnahen Sujets. So setzt er jungen, schönen Menschen, bevorzugt männlichen, denen Olaf emotional-erotisch zuspricht, Hüte auf, so dass sie aussehen als seien sie einer alten Kunst-Welt entsprungen.

„Damenhüte“ heißt denn auch eine der zahlreichen „Serien“ des 1949 in Hilversum geborenen, mit einem Mann verehelichten Olaf, der sich, wie  zu Beginn der Ausstellung „Unheimlich schön“ in der Münchner HypoKunsthalle erklärt wird, vom „rebellischen Foto-Journalisten der 1980er Jahre“ zum „raffinierten Geschichtenerzähler der 2000er“ mauserte. Eins ist gewiss: Wer  die Ausstellung verlässt, hat gelernt, dass Fotos nicht immer „Wahres“ sagen. Olaf gibt in seinen Kreationen dem „wohl Wahren“ Vortritt. Und das in Welten, die auf die Alten Meister wie Caspar David Friedrich oder Rembrandt zurück verweisen, aber nun durch die Brille des 21. Jahrhunderts gefiltert werden:  Klimawandel und Energiewende, Gender- und Toleranz-Debatte, Rassismus und insbesondere Sexualität.

Da fragt sich ein verstörter, wenn nicht gar schockierter und sich vor Staunen kaum zu fangen wissender Besucher: Seh ich was Gemachtes, Aufgeputztes  oder seh ich was Echtes, mit der Kamera Eingefangenes? Fasziniert verfolgt er allerdings, was auf „beweglichen“ Fotos passiert: auf schwarz-weißen, die splitternackt dastehende schöne Erwachsene beim allmählichen Erwachen zeigen. Oder auf farbigen, die junge Frauen porträtieren, denen Olaf je einen Ausruf in den Mund legt: „Feel Me“, „Hear Me“, „Hold me“… Schnappschüsse sind das keine, sondern Atelierstudien.

Mindestens drei bevorzugten „Welten“, gewinnt der „langsame Fotograf“ neue Aspekte des Sehens ab: Wohnung, Wald, Wüste. Durchs Schlüsselloch eines altmodischen Guckkastens späht man als heimlicher Beobachter in eine Wohnung. Was sich da zwischen einem Erwachsenen und einem Kleinkind abspielt, kann sich der Neugierige selbst ausmalen. Im US-amerikanischen Palm Springs, das mitten in der Wüste liegt, erinnert Olaf an den 60er-Jahre-Look, als sich hier Superreiche tolle Villen bauten. Am Rand eines Pools reicht der Fotograf selbst seinem attraktiven Gegenüber ein Glas Sekt. 

Als Olaf erstmals nicht im Atelier, sondern in freier Natur fotografierte, wählte er Wald und Gebirge Bayerns und Österreichs. Hier scheint der Niederländer sichtlich beeindruckt gewesen zu sein – von den friedlich mit der Natur lebenden Menschen nicht weniger als von Nebelfeldern, Alpenseen, Schwänen, Felsspalten, Sturzbächen, Schwänen, mit Blattwerk bedeckten Waldböden, knorrigen Bäumen. Die paar zurechtgemachten Menschen, die er als Beobachter eines Krimmler Wasserfalls zur schäumenden Gischt setzte, können Urlauber oder Einheimische sein. Oder einem Märchen Entsprungene. Olaf legte sich da nicht fest.

„Alles, was Du auf meinen Bildern siehst, habe ich mir ausgedacht. In meinem Studio lasse ich ganze Räume bauen, um in ihnen zu fotografieren. Manchmal wirken die Bilder etwas unheimlich“. So Olaf im Editorial zum Gratis-„Begleitheft für Kinder“. Er sagt auch, warum. Fast alles sei da schön, aber auch ernst. – Bis 26. September täglich 10 – 20 Uhr. Kostenlose Audio-Tour mit dem Künstler. Katalog. Begleitprogramm.

Über Hans Gärtner 358 Artikel
Prof. Dr. Hans Gärtner, Heimat I: Böhmen (Reichenberg, 1939), Heimat II: Brandenburg (nach Vertreibung, `45 – `48), Heimat III: Südostbayern (nach Flucht, seit `48), Abi in Freising, Studium I (Lehrer, 5 J. Schuldienst), Wiss. Ass. (PH München), Studium II (Päd., Psych., Theo., German., LMU, Dr. phil. `70), PH-Dozent, Univ.-Prof. (seit `80) für Grundschul-Päd., Lehrstuhl Kath. Univ. Eichstätt (bis `97). Publikationen: Schul- u. Fachbücher (Leseerziehung), Kulturgeschichtliche Monographien, Essays, Kindertexte, Feuilletons.