Zur Diabolik von Wohlstand und Friedfertigkeit

Teufel an der Marienkirche in Lübeck, Foto: Stefan Groß

Als hätte Mephistopheles gesagt: Gut, damit ihr zu jammern aufhört, bewillige ich euch nach Jahrtausenden Mühsal mit Schweiß auf eurem Angesicht die Option auf Arbeitserleichterungen: Auf ein Wachstum wie es die Menschheit noch nicht erlebt hat. Endlich werdet ihr euch mehren können, wie es biblisch verheißen ist und satt über die Erde rasen. Der Mensch wird ausbrechen. Und einfallen wie ein schreiender Vogelschwarm in ein unüberschaubar großes früchtetragendes Feld. Unverbrauchbar sollen euch die energetisierenden Früchte scheinen. Zu diesem Behufe gebe ich euch einen dem Tode abgewonnenen Stoff an die Hand. Ihr könnt ihn sorgsam verwalten. Dann wird euch bis in eine unabsehbare Zukunft bescheidenes Wohlleben mit drei Arbeitsstunden täglich beschieden sein. Oder aber ihr könnt diesen Stoff gierig und unbedacht verschwenden, die ganze Woche rackern und eure Zahl bis in Höhen anwachsen lassen, die euer allwissender Schöpfer wohl nicht voraussah, auf dass ihr möglichst viele werdet, um euch, ganz ohne mein Zutun, selbst die Hölle heiß machen zu können. Dem Tode entwachsen ist dieser Stoff, den ich euch anbiete: Denn Unzählige Generationen von Meeres-Kleinstlebewesen und pflanzlicher Organismen mussten in ungezählten Jahrmillionen auf den Meeresboden oder den Boden von Sümpfen sinken und einen Faulschlamm bilden, der sich zu immer höheren Sedimenten auftürmt und unter großem Druck schließlich meine Todes-Essenzen gebiert: Kohle und Erdöl. Lasst ihr euch auf meinen Handel ein?

Schon seit langem ist unzweifelhaft, dass weltweit die Strategie befolgt wird, die Teufelselixiere in möglichst kurzer Zeit zu verbrauchen. Kohle zumal seit der industriellen Revolution. Was das Erdöl angeht, ging ein Licht auf, als man Rohöl etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts zur Herstellung des Leuchtmittels Petroleum nutzte. Danach fand es seit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts beschleunigte Aufnahme in der Autoindustrie.

In den Weltkriegen wurden die gigantischen Faulschlammenergien einer ungeheuren Selbstvernichtung dienstbar gemacht. Was regelrechte kriegerische Auseinandersetzungen angeht, wurde die Welt seit Ende des 2. Weltkriegs gleichwohl ein etwas „friedlicherer“ Ort. Für einen Teil der Weltbevölkerung ermöglichten die fossilen Energieträger neuartige Wohlstandsgewinne: Durch die partielle Globalisierung der Marktwirtschaft bei gleichzeitigem Verbrauch geradezu astronomischer Mengen an Erdöl geht es mindestens 1,5 Milliarden Menschen seit einigen Jahrzehnten besser als zuvor. Immer mehr Menschen wird aus absoluter Armut herausgeholfen, und immer mehr Menschen ergreifen die von den Industriestaaten vorgelebte Möglichkeit, immer mehr tierische Produkte zu verzehren sowie unter Nutzung von Fahr- oder Flugzeugen ihren Standort auf der Welt immer häufiger zu verändern.

Manche Humanisten feiern den Umstand, dass es seit 1990 eine Milliarde Menschen weniger gibt, die pro Tag nicht mehr als 1,90 Dollar für ihren Konsum aufwenden können: Ab 1,91 Dollar Konsumaufwendungen pro Tag fällt man nicht mehr unter die Kategorie extremer Armut. In die Kategorie extremer Armut fallen gegenwärtig noch ca. 800 Millionen Menschen. Bei alledem wird mitunter vergessen: Das ungeheure Wachstum der Weltbevölkerung ereignete sich nicht aus heiterem Himmel – etwa im Sinne einer schlichten Aufaddierung, sondern auf der nährenden Basis der großindustriellen Herstellung von Dünger oder Grünen Revolution. Wobei die Herstellung von Stickstoffdünger unter massivem Einsatz begrenzt vorhandener fossiler Energieträger, insbesondere von Erdöl, vor sich geht, deren Verbrauch zur Erderwärmung beiträgt. Um Mineraldünger herzustellen, bedarf es weiterer Stoffe, die nur begrenzt vorhanden sind: insbesondere von Phosphaten, die weltweit zur Neige gehen. Die großen Produktionszuwächse in der Landwirtschaft waren somit nur um den Preis der Klimaerwärmung sowie der Erschöpfung wertvoller Ressourcen möglich.

Diabolisch gesagt war es die großindustrielle Gewinnung von Dünger, auf dessen Grundlage Milliarden von Menschen zu existieren begannen, die künftig von der 250-jährigen Energieorgie unserer Industriegesellschaft bestraft werden werden. Man bedenke: 1800 gab es „nur“ eine Milliarde Menschen. Durch den Dünger war es möglich geworden, dass immer mehr Menschen gleichzeitig existieren konnten.

Noch immer gilt, dass es immer mehr Menschen geben wird (voraussichtlich mindestens 10 Milliarden bis zum Jahr 2050). Gleichwohl erklärt man uns, die Erde könne sogar noch sehr viel mehr Milliarden unseres Schlages ernähren und übersieht bereits dies: Europa ist aktuell derjenige Kontinent, der am stärksten vom exterritorialen Landbau abhängig ist. Aktuell konsumiert ein EU-Bürger die landwirtschaftlichen Erträge von durchschnittlich 1,3 Hektar. Bei weltweit gerechter Aufteilung der verfügbaren landwirtschaftlichen Flächen stünden uns jedoch nur 0,2 Hektar pro Person zu. Der fossilenergetisch gefütterte Konsum täuscht eine für alle und für alle Zeiten erreichbare Selbstverständlichkeit vor, die in Wahrheit zeitlich begrenzt sein musste. Dies gilt auch für die durch Dünger vorübergehend bereitgestellte Lebensmittelsicherheit. Überdüngte Böden laugen gegenwärtig aus und geben weniger Erträge ab. Aus alledem erhellt, dass die Erde nicht Milliarden weitere Menschen unseres Schlags beherbergen kann.

Während es manchen so schien, als stünde eine „westliche“ Lebensweise mit exorbitantem Ressourcenverbrauch in Kürze allen Menschen offen, hat sich in Gestalt der Erderwärmung, neben der Ressourcenerschöpfung, eine neganthropische Grenze manifestiert. Wo es nicht gelebt werden kann, fungiert das fossilenergetisch gefütterte Konsummodell als brisant geladener Enttäuschungsgenerator. Wo es gelebt wird, könnte ein Absturz aus einer einmaligen Höhe konsumtiver Selbstverständlichkeiten bevorstehen. Lange bevor es uns gelingen konnte, alle halbwegs förderbaren fossilen Energieträger zu verbrennen, offenbart sich eine diabolische Ironie der Geschichte – und eine Ironie humanistischer Strebungen –, die darin besteht, dass die fossil-energetische Aufwärtsbewegung zugleich auch die Fallhöhe gesteigert hat, aus der Menschen künftig in den klimatischen Abgrund blicken müssen: Ein regionenweise womöglich um 5°C wärmerer Planet mit mehr als 11 Milliarden Einwohnern, von denen sich Milliarden auf den Weg in weniger betroffene Regionen machen.

Im vorgezogenen Rückblick stellt sich die Industriegesellschaft als ein wohl einmaliges konsumtives Feuerwerk dar – solange die Kernfusionstechnik keine entscheidenden Fortschritte macht. Mit erneuerbaren Energien dürfte es schwierig werden, das konsumtive Farbenspiel dieser ausklingenden Energie-Epoche auch nur annähernd nachzubilden.

Die von manchen Denkern vorgestellte Diagnose einer gestiegenen Friedfertigkeit der Welt ruht, leider, auf einem Pulverfass. Anders gesagt: Die steigende Friedfertigkeit kommt larviert daher –  als Fütterung eines diabolisch-neganthropischen Trojanischen Pferdes. Dieses Pferd konsumiert mittlerweile 40% der Primärproduktion – der u.a. von Pflanzen und Algen v.a. mittels Sonnenlicht produzierten Biomasse – des gesamten Planeten. Unter dem aktuellen Energieregime verbraucht eine einzige Art (Menschen) 40% dessen, was auf diesem Planeten für zig Millionen Arten von Organismen zur Verfügung stehen sollte. – Was mit sich führt, dass die Auslöschungsrate nichtmenschlicher Arten (mit gravierenden Konsequenzen für Menschen) aktuell 1000 Mal höher ist als vor dem Ausbruch des Menschen.

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Über Karim Akerma 56 Artikel
Dr. Karim Akerma, 1965 in Hamburg geboren, dort Studium u.a. der Philosophie, 1988–1990 Stipendiat des Svenska Institutet und Gastforscher in Göteborg, Lehraufträge an den Universitäten Hamburg und Leipzig, Tätigkeit als Übersetzer aus dem Englischen, aus skandinavischen und romanischen Sprachen. Wichtigste Publikationen: „Verebben der Menschheit?“ (2000) sowie „Lebensende und Lebensbeginn“ (2006).