Die große Angst vor einem zweiten Holocaust ist wohl übertrieben

Siebenarmiger Kerzenleuchter, Foto: Stefan Groß

David Ranan ist ein Israeli, der in London lebt und in Berlin sein Geld verdient. Er sieht sich als Zionisten, auch wenn er den Aachener Nachrichten, die nicht wegen ihrer Liebe zu Juden und Israel bekannt sind, ein exklusives Interview zu seinem neuesten Buch gewährt: „Muslimischer Antisemitismus – Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland?“, welches 224 Seiten aufweist, welche 19,90 € kosten.

David Ranan spricht davon, dass der Antisemitismus unter Muslimen nicht stärker verbreitet ist als in der deutschen Mehrheitsgesellschaft, was nicht viel aussagt, da sich die veröffentlichten Zahlen über Antisemiten in Deutschland je nach Autor und Auftraggeber widersprechen.

Bedingt durch die furchtbare Erfahrung des Holocausts, ist, nach Meinung des israelischen Schriftstellers, die heutige deutsche Gesellschaft sensibilisiert. Die deutsche Gesellschaft ist sehr wachsam gegenüber Antisemitismus und greift das Thema häufig auf. Das bedeutet aber nicht, dass vom deutschen Judenhass eine große Gefahr ausgeht. Bei knapp 100.000 Juden in Gesamtdeutschland ist der Judenhass kein Thema. Zwar werden regelmäßig jüdische Gräber umgeworfen, was die toten Juden jedoch nicht erregt. Viele Städte Deutschlands sind judenfrei und weisen – außer den besagten Friedhöfen – keine Funktionsgebäude für lebende Juden auf. Ohne lebende Juden macht der Judenhass einfach keinen Spaß!

In Berlin gibt es viele lebende Juden, sogar Kinder und Schüler. Sie werden zwar als Juden gemobbt, was jedoch nicht für Antisemitismus spricht. Der Jude David Ranan bezeichnet diese Auseinandersetzungen zwischen vielen Muslimen und einem einzelnen Juden als „Aggressionen unter Jugendlichen“. Aus verständlichen Gründen beschreibt die deutschen Gesellschaft solche gar nicht seltenen Vorfälle als muslimischen Antisemitismus im Sinne der  klassischen Entlastungstheorie. Es wird mit dem Finger auf andere gezeigt, um von sich selber abzulenken, obwohl vom deutschen Judenhass zumindest derzeit keine Gefahr ausgehen soll. Doch leider wird der Judenhass in Deutschland zwischenzeitlich tabuisiert, was die Debatte darüber zu einer gefährlichen Waffe macht, worunter die Juden hassenden Muslime leiden.

Man soll sich lieber fragen, was Antisemitismus ist. Je nach Antwort kann die Zahl der antisemitischen Vorfälle beinahe auf Null heruntergedrückt werden. So definiert die rechte Regierung Israels jede Israelkritik als antisemitisch, wie es frühere linke Regierungen Israels praktiziert haben. Die rechte Regierung Israels wird in Deutschland von Lobbyisten unterstützt, weil die Juden Deutschlands wissen, dass sie nur auf Israel zählen können, wenn der Antisemitismus in Deutschland und in der EU unerträglich wird. Viele französische Juden verlassen Frankreich. In Deutschland ist eine spürbare Abwanderung nach Israel wenig wahrscheinlich. Die deutschen Juden sterben ab, die  russischen Kontingentjuden werden sich weiterhin assimilieren.

Der Begriff Antisemitismus wird offensichtlich missbraucht. Trotzdem ist der Zionist David Ranan fest davon überzeugt, dass dem Jüdischen Volk ein eigener Staat zusteht. Nicht unbedingt im Orient, wo es von Antisemiten wimmelt …

Viele Muslime, auch die, die deutsch sprechen, setzen die Begriffe „Jude“, „Israeli“ und „Israel“ gleich ein. Das entspricht im Orient der alten Erfahrungswelt, die seit 70 Jahren, seit der Gründung Israels, nicht mehr zutrifft. Doch was sind im Orient 70 Jahre? Dort rechnet man in Jahrtausenden!

Nach der Staatsgründung Israels werden die Juden Israelis und somit Feinde der Araber, da das Millionenheer der Araber den Krieg gegen die schlecht ausgerüsteten und zahlenmäßig unterlegenen Juden verliert. Allah und der Prophet wollen es so! Diese Schande werden Araber und Muslime den Juden niemals verzeihen! Deshalb der abgrundtiefe Hass, an dem selbstredend nicht Allah und nicht der Prophet, sondern nur die Juden schuld sind. Wenn also heute ein Araber in Berlin oder Aachen „Tod den Juden!“ schreit, dann meint er damit den Tod Israels. Der Judenhass schreiende Araber in Berlin oder Aachen ist somit kein Antisemit! Möglicherweise wird er von der arabischen Kriegspropaganda aufgehetzt … Der islamische Judenhass, den es nicht gibt, ist nicht religionsbasiert wie der deutsche Judenhass, sondern Folge des ungelösten Nahost-Konflikts. Wenn Israel nur einen einzigen Krieg gegen seine muslimischen Nachbarn verlieren würde, was Gott verhindern möchte, würde mit den Juden der islamische Antisemitismus sofort verschwinden. Eventuell dürfte eine kleine Zahl überlebender Juden, die sich freiwillig zum wahren Glauben bekennen, in Palästina bleiben. Doch sie dürfen nicht in Jerusalem wohnen, denn Jerusalem ist die ewige und ungeteilte Hauptstadt des alleine von Arabern beherrschten und bewohnten Palästinas, der Ostteil wie der Westteil, die Altstadt wie die Neustadt. Lang lebe die UNO!

Nun erkennt man deutlich den gewaltigen Unterschied zwischen den islamischen und den deutschen Antisemitismus: Der muslimische Judenhasser meint Israel, wenn er Juden sagt. Der deutsche Antisemit sagt Israel, wenn er Juden meint. Zu befürchten ist, dass die arabische und muslimische Welt sich zwischenzeitlich am europäischen Antisemitismus infiziert hat. Viele Muslime sind überzeugt, dass Israel sich gegenüber der arabischen Welt nur deshalb behaupten kann, weil es in den USA mächtige jüdische Einflussgruppen gibt, was ja auch stimmt – so David Ranan.

Zu guter Letzt: Deutschland und die paar deutschen Juden brauchen keinen Juden- oder Antisemitismus-Beauftragten. Ein  Antisemitismus-Beauftragter löst keine Probleme. Genauso wenig wie ein islamischer Integrationsbeauftragter dafür sorgen wird, dass sich die Muslime in Deutschland integrieren.

 

 

 

 

Über Nathan Warszawski 535 Artikel
Dr. Nathan Warszawski (geboren 1953) studierte Humanmedizin, Mathematik und Philosophie in Würzburg. Er arbeitet als Onkologe (Strahlentherapeut), gelegentlicher Schriftsteller und ehrenamtlicher jüdischer Vorsitzender der Christlich-Jüdischen Gesellschaft zu Aachen.