„Vertraut mit Sehnsucht, geübt mit Verlust.“ Der neue Gedichtband „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will.“ von Tove Ditlevsen

Vertraut mit Sehnsucht und Verlust, Quelle: ChatGPT

 Tove Ditlevsen (1917 – 1976) gilt als eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen Dänemarks im 20. Jahrhundert. Ihre Werke zählen heute zur Pflichtlektüre an dänischen Schulen. Zu Lebzeiten hat sie etwa 30 Bücher veröffentlicht, darunter elf Gedichtbände. Bereits als Jugendliche schrieb sie heimlich Gedichte, die sie vor den Eltern versteckte, weil diese ihr Schreiben nicht wertschätzten. Mit 20 Jahren erschienen ihre ersten Gedichte in dänischen Zeitungen. 1939 folgte ihr erster Gedichtband „Pigesind“, drei Jahre später „Lille verden“. Ihre ersten Gedichtsammlungen fanden selbst im vom Zweiten Weltkrieg erschütterten Dänemark eine gute Resonanz und verkauften sich gut. Ihr erster Roman „Bardommens gade“ erschien 1943 und wurde 1962 in deutscher Übersetzung herausgegeben („Straße der Kindheit“).

Bislang existierten in deutscher Übersetzung überwiegend ihre Romane. Im Berliner Aufbau-Verlag sind seit 2021 fünf Romane, ein Erzählband und eine ihrer Biografien erschienen. Vereinzelte Bände publizierte früher der Suhrkamp-Verlag. Am bekanntesten ist Tove Ditlevsen durch ihre autobiographische Romantrilogie, die „Kopenhagen-Trilogie“, geworden.

Nun ist zum 50. Todestag der Gedichtband „Da wohnt ein Mädchen in mir, das nicht sterben will“ erschienen – eine gelungene Auswahl aus 40 Jahren Lyrik der dänischen Schriftstellerin. Übersetzt wurden die Gedichte von der bislang durchweg hochgelobten Ursel Allenstein. Mit großer Feinfühligkeit und Treffsicherheit hat die Übersetzerin ihrer Gedicht-Auswahl diesen Titel gegeben. Diese Formulierung taucht in Variationen mehrmals auf und verdichtet die Lebensthemen der Lyrikerin: Tod und Sterben, Lebenswille, die Frage der weiblichen Identität und des Selbst-Seins.

Das junge Mädchen in mir

Tove Ditlevsen hatte eine lebenslange innere Beziehung zu dem „jungen Mädchen in ihr“. Dies erinnerte an die aktuell in der modernen Psychologie verbreitete Metapher des „inneren Kindes“. Bereits ihrem ersten Gedicht, das im Jahr 1937 in einer literarischen Zeitschrift erschien, gab sie den Titel „An mein gestorbenes Kind“. Ihr erster Gedichtband aus dem Jahr 1939 trug den Titel „Pigesind“ (Mädchenseele). Die Herausgeberin ihres Gedichtbandes, Ursel Allenstein wählte sehr treffend „das junge Mädchen, das nicht sterben will“ als zentrales Element des lyrischen Werkes von Tove Ditlevsen.

Die folgenden Zeilen drücken dies aus:

„Da wohnt ein junges Mädchen in mir,

das nicht sterben will,

sie ist nicht mehr ich, ich bin nicht sie,

doch sie starrt mich tief aus dem Spiegel an,

als suchte sie etwas und fände es nie.“

„Vertraut mit Sehnsucht“

Das oben zitierte Lebensmotto von Tove Ditlevsen – „Vertraut mit Sehnsucht, geübt mit Verlust“ verweist auf die Phänomene von Sehnsucht und Verlust als lebensbestimmende Themen. Sehnsucht ist ein Kernthema ihrer Lyrik und ihres Lebens. In dem Gedichtzyklus „Straße der Kindheit“ taucht die Sehnsucht wiederholt auf:

„Ich bin die Straße deiner Kindheit,

ich bin die Wurzel deines Wesens,

ich bin der klopfende Rhythmus

in allem, wonach du dich sehnst.“

„Straße der Kindheit“ ist eines der bekanntesten Gedichte von Tove Ditlevsen. Es wurde mehrmals vertont und in Filmen zitiert. Die Straße ihrer Kindheit ist eine komplizierte Mischung aus Sehnsucht und Schmerz. Ihre große Einsamkeit, der gewohnte Schmerz und die zwanghafte Sehnsucht nach Erlösung aus dem Leiden treiben ihre Seele an. Sehnsucht ist für sie so ubiquitär, dass sie ein Gedicht mit dem Vers beginnt: „Nur die fehlende Sehnsucht kann ich nicht fassen…“ (aus dem Gedicht „Der neue Besitzer“). Wenn keine Sehnsucht da ist, löst dies bei ihr wohl große Irritationen aus.

Das andere Kernthema ist der Verlust. Biografisch war Tove Ditlevsen immer wieder mit traumatisch erlebten Verlusten konfrontiert: Beziehungsverluste, Trennungen, Scheidungen, illegale Abtreibungen, Realitätsverluste in psychotischen Dekompensationen und in Suchtexzessen. Diese Fixierung auf Verluste erinnert an Ingeborg Bachmann, wenn diese schrieb: „Nicht dich habe ich verloren, sondern die ganze Welt.“ Das Erleben von Verlust und das Erleben von Mangel hängen zusammen. Das Mangelerleben signalisiert, dass existenziell etwas fehlt. Für Tove Ditlevsen war dieser frühe existenzielle Mangel ein Mangel an Liebe, die sie von ihrer Mutter selten oder nie empfangen durfte.

Die unerfüllte Sehnsucht nach Liebe

In ihrem Gedicht „Kinder“ aus dem Jahr 1973 beschreibt sie diesen Mangel an Liebe wie folgt:

„Wer nie Liebe erfuhr, kennt sie oft am besten,

Über Tugend weiss der Sünder mehr, als man denkt.

Mein Herz hasst die Heckenscheren der feinen Erwachsenen.

Es ist der wilde Busch, der uns seltene Blüten schenkt.“

Tove Ditlevsen liebte die Blüten der wilden Büsche und sehnte sich nach Liebe, die sie in vier gescheiterten Ehen und in ihrer Kindheit immer vermisste. Als Erwachsene fand sie in ihren Ehen die Liebe nicht, was sie schon in der Kindheit in der Beziehung mit der Mutter als tiefen Mangel erlebte. Im ersten Band ihrer Kopenhagen-Trilogie mit dem Titel „Kindheit“ beschrieb sie diese Misere wie folgt:

„Mein Verhältnis zu ihr ist eng, qualvoll und unsicher, und nach Zeichen von Liebe muss man immer suchen. Alles, was ich tue, dient dazu, ihr zu gefallen, sie zum Lächeln zu bringen, ihren Zorn abzuwenden. Das ist eine mühsame Arbeit, weil ich gleichzeitig so viele Dinge vor ihr verbergen muss.“

Der Tod als fortwährender Gegenspieler

Der Wunsch des Mädchens in ihr ist, nicht sterben zu wollen. Dieser Wunsch ist schon immer bezogen auf einen möglichen Tod, auf die permanente Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit und einer gewissen Todessehnsucht, die lange Phasen ihres Lebens prägte. Biografische Ereignisse, die diese Todesnähe verdeutlichen, gibt es genug. Tove Ditlevsen beschrieb ja bereits ihre Kindheit als „lang und schmal wie ein Sarg, aus dem man sich nicht allein befreien kann.“ Nach einer kurzen Aufwärtsbewegung im jungen Erwachsenenalter durch ihre literarischen Erfolge zogen immer wieder die Schatten des Todes über ihr Leben: Psychische Krisen, erzwungene Schwangerschaftsabbrüche, Suchtexzesse, Psychiatrie-Aufenthalte und Suizidversuche prägen diese Todesnähe oder Todessehnsucht. Dass sie ihr Leben mit einem Suizid beschloss, passt in dieses tragische Muster.

In ihren Gedichten beschreibt sie mit eindrucksvollen Bildern ihren möglichen Tod in kurzen Versen, die mit den Worten „Wenn ich tot bin“ beginnen.

Mit 21 Jahren schrieb sie in ihrem Lyrikdebüt, der ersten Gedichtsammlung „Pigesind“ (1939):

„Wenn ich tot bin, legt mich

In einen kohlschwarzen Sarg

Und steckt mich in ein weinrotes Kleid

Aus Samt, mit langen Ärmeln.“

 

Acht Jahre später (1947) schreibt sie folgende Zeilen:

„Wenn ich tot bin und mit dem Licht der Welt

Zu Sternenstaub zerfallen werde,

bettet mich einfach auf ein Feld,

in feuchte braune Erde.“

Das Mädchen in ihr, das nicht sterben will, war schließlich mit 58 Jahren lebensmüde, erschöpft und verzweifelt. Die letzten Hoffnungen waren gestorben und die Verzweiflung war zu groß. Folglich wählte sie den finalen Suizid, den sie ja schon mehrmals versucht hatte.

 Literatur

Andersen, Jens, Tove Ditlevsen. Ihr Leben. Aufbau Verlag, Berlin 2023

Csef, Herbert, Von sexueller Gewalt zum Suizid. Das Trauma berühmter Schriftstellerinnen wie Tove Ditlevsen oder Brigitte Schwaiger. Tabularasa-Magazin vom 13. Januar 2026

Csef, Herbert, Zwischen Lebensgier und Todessehnsucht. Zum 50. Todestag von Tove Ditlevsen. Tabularasa-Maganzin vom

Ditlevsen, Tove, Kopenhagen-Trilogie. Teil 1 Kindheit, Teil 2 Jugend, Teil 3 Abhängigkeit. Aufbau Verlag, Berlin 2021

Ditlevsen, Tove, Gesichter. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2022

Ditlevsen, Tove, Vilhelms Zimmer. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2024

Ditlevsen, Tove, „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will.“ Gedichte. Aufbau Verlag, Berlin 2026

 

Korrespondenzadresse:

Professor Dr. med. Herbert Csef

Email: herbert.csef@gmx.de

Über Herbert Csef 175 Artikel
Prof. Dr. Herbert Csef, geb. 1951, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytiker. Studium der Psychologie und Humanmedizin an der Universität Würzburg, 1987 Habilitation. Seit 1988 Professor für Psychosomatik an der Universität Würzburg und Leiter des Schwerpunktes Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Medizinischen Klinik und Poliklinik II des Universitätsklinikums. Seit 2009 zusätzlich Leiter der Interdisziplinären Psychosomatischen Tagesklinik des Universitätsklinikums. Seit 2013 Vorstandsmitglied der Dr.-Gerhardt-Nissen-Stiftung und Vorsitzender im Kuratorium für den Forschungspreis „Psychotherapie in der Medizin“. Viele Texte zur Literatur.